Krimis sind besser als Ihr Ruf!

Vielen macht es Spaß, Krimis zu lesen, doch ein öffentliches Bekenntnis zum vermeintlich trivialen Unterhaltungsgenre Kriminalliteratur fällt so manchem schwer – warum eigentlich? Dieser Artikel will die Vorzüge der Geschichten von Mord und Totschlag für seine Leser aufweisen und diesen helfen, selbstbewusst beim nächsten Gespräch über Literatur aufzutrumpfen …

Ferienzeit – Reisezeit – Weihnachtszeit: eine ausgezeichnete Gelegenheit, ein Buch zu kaufen und zu lesen. Nur welches? Den neuen Literatur(nobel)preisträger, einen Ratgeber oder vielleicht doch einen Krimi?

Beobachtet man Menschen, die lesend unterwegs sind, so nimmt man häufig wahr, dass sie sich für die Taschenbuchausgaben eines Henning Mankell oder einer Donna Leon entscheiden. Und man weiß, sie sind gerade in hoch spannende Fälle verstrickt. Sie versäumen nichts: weder die städtische Nahverkehrstristesse noch andere Landstriche. Sie lösen mit ihren Helden in fremden Städten komplizierte Verbrechen und staunen über die menschlichen Abgründe. Sitzt man dann in geselliger Runde und die Rede kommt auf Bücher, hört man erstaunlich wenig über Arnaldurs Island oder Nabbs Florenzkrimis, so als sei es frevelhaft zum Krimi zu greifen. Lieber schlecht geschriebene Belletristik oder Sachbuchliteratur diskutieren als freudig von der Intelligenz, dem Charisma des eigenen Lieblingskommissars schwärmen – eine Verteidigung des Krimis tut scheinbar Not.

Was uns der „Tatort“ bringt …

Dieser Ansicht war auch das Düsseldorfer Film- und Fernsehmuseum und widmete dem Sonntagabendklassiker „Tatort“ eine Sonderausstellung. Diese Krimiserie verfolgen Millionen Zuschauer Woche für Woche in Deutschland, der Schweiz und Österreich – und das bereits seit Jahrzehnten. Anschlusskommunikation wäre am Montag grenzüberschreitend gewährt – sollte man es einmal Leid sein, über Rettungsschirme und Zahlungsausfälle oder humanitäre Not in anderen Breiten betroffen (sind wir es wirklich?) zu schwadronieren. Doch auch über jeden anderen Quotenkönig ließe sich reden, raunzen und rebellieren. Das Interessante am Tatort ist seine Zeitgemäßheit: Die Macher dieser Serie wollen immer bundesdeutsche Entwicklungen, neue (technische) Wissensbestände, aber auch Themen des Alltags aufgreifen und im Krimi verarbeiten. Geschickt siedeln sie dann den Fall dort an, wo er in Wirklichkeit seinen Ausgang nahm. Ebenfalls sympathisch ist der Versuch, Mentalitäten zu transportieren: Sind nun norddeutsche Ermittler, Schimanskis Nachfolger aus dem Ruhrpott oder süddeutsche Kommissare unterwegs? Was zeichnet die jeweiligen Sonderermittler aus und was eint sie (und somit auch die gesamtdeutschsprachige Zuschauerschar)?

Was die Krimileser eint …

Ja, was haben Krimischauer oder –leser gemein? Ist es die Freude an niederen Instinkten? An Mord und Totschlag, dem Verbrechen an sich? Ich glaube: Nein. Vielmehr scheint es lediglich der Ausgangspunkt der magischen Frage zu sein: Wer ist es gewesen? Nach dieser „whodunit“-Frage sind viele Krimis aufgebaut und der Reiz dieser Konzeption liegt im Mitermitteln, im kombinierenden (Aus-)Schließen, im Vermuten, im Fürmöglichhalten des (vermeintlich) Unmöglichen. Und wenn wir durch Lektüre ein komplexeres Weltbild, eine Haltung des „Sowohl als auch“ schaffen – dann braucht es niemand verschweigen, dass dies ein Krimi gelehrt, ja sogar erprobt hat. Oftmals wird dem Leser aber auch die Frage nach Gerechtigkeit mit auf den Weg gegeben. Jan Fedder, der im „Großstadtrevier“ der ARD „kleine Fische“ und „große Haie“ gleichermaßen jagt, vermittelt dem Zuschauer so ein allseits gewolltes Ideal. Nämlich das der Gleichheit vor dem Gesetz, folglich auch in der Strafverfolgung. Dass diese dann (zumindest außerhalb der deutschen Grenzen) in der Realität anders aussieht, zeigen Donna Leons Commissario Brunetti-Geschichten. Hier ist der Spagat zwischen kriminalistischer Erkenntnis und politischem Interesse exemplarisch aufgewiesen: Brunetti und sein Team lösen verzwickte Fälle immer schon im Wissen, dass Vice-Questore Patta Mächtige protegieren und Strafverfolgung aussetzen wird. Es geht den Ermittlern aber dennoch ums Auffinden der Wahrheit – und Leon wohl um ein Ankämpfen gegen eine allzu bequeme Resignation der Leser, dass die Zustände (nur in Italien?) eben so und nicht anders seien. Empörten sich viele, so kämpften die Brunettis nicht auf verlorenem Posten – seine stoisch abgeklärte Haltung, lege artis zu arbeiten und lediglich das Verbrechen aufzuklären verweist letztlich aber auch auf das Prinzip der Gewaltenteilung zwischen Exekutive und Judikative. Die Frage der Legalität und Legitimität drängt sich auch in vielen Krimis auf, wo nicht „die Gerechtigkeit“ als Selbstläufer siegt.

Wer wir werden, wenn wir Krimis lesen …

Neben dem geschärften Gerechtigkeitsempfinden drängt sich auch der psychologische Gewinn des Krimilesers förmlich auf. Wo, wenn nicht im Kriminalroman, kann man so klar Motivation und Denkstrukturen studieren, wo, wenn nicht hier, lernt man, in die Innenwelt eines Verbrechers oder auch Ermittelnden einzutauchen? Dieser Gewinn kann ein empathisches Einfühlen (bis hin zur humanistischen Maxime „Nichts menschliches ist mir fremd“) oder ein analytisches deduktives Herangehen an Wirklichkeit zur Folge haben. Und dank des Geschicks der Autoren werden wir fast nie mit einer aufgeweichten, der Verbrecherseele zugeneigten Haltung den Buchdeckel zuklappen – in der Regel erleben wir uns als Hüter der bestehenden (kantianischen) Moral: „Bei allem Einfühlenkönnen  – doch so geht’s nicht: wo kämen wir denn da hin, wenn das jeder täte?“ Und was gibt es Erfreulicheres als nach unterhaltsamer, fintenreicher Lektüre im (Un-)Rechtsempfinden gestärkt wieder pragmatisch in eine differenzierter wahrgenommene Realität zurückzukehren?

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