La méchante

Die schwarze Limousine – Teil #3

Was bisher geschah: Claude und Charlotte begeben sich zum Geburts­tagsfest ihres Ziehvaters, Albert de la Gruyère. Claude, der Julie heimlich verehrt, ahnt nicht, dass sich seine Stiefschwester mit dem zwielichtigen Gaston de Mèche eingelassen hat. Das Fest findet ein unvermitteltes Ende, als Julie entführt wird; kurz darauf trifft ein Brief ein, der Albert zur Zahlung von Lösegeld auffordert.

Die Vorkommnisse des gestrigen Tages lasteten schwer auf Claudes Gemüt und die gespannte Ruhe in dem Gebäude verstärkte seine eigene Unruhe. Er saß auf seinem Bett, den Kopf hatte er in seine Hände gelegt, das Stirnhaar, als wollte er es ausreißen, zwischen den Fingern haltend; so stierte er gedankenvoll vor sich hin und ließ die Geschehnisse noch einmal Revue passieren: seine Ankunft, gemeinsam mit seiner Schwester Charlotte, die sich die Reise hindurch ernster und verschlossener gegeben hatte, als er es von ihr gewohnt war; noch bevor sie das Haus ihrer Kindheit erreicht hatten, kam ihnen schon ihre Stiefschwester auf der Auf­fahrt entgegengelaufen – Claude seufzte tief, als er Julies Antlitz im Geiste vor sich sah, ihre kühlen Augen, die den Scharfsinn dahinter erahnen ließen, die so gar nicht zu ihren kindlich ge­run­deten rötlichen Wangen passen wollten, Augen, deren niemals verträumter Blick einen gleichsam durchbohren konnte – um ihre schmalen Lippen lag oft ein spöttisches Lächeln, sodass er in ihren Gesprächen bisweilen nicht wusste, ob sie ihn ernst nahm.
Beim Empfang wirkte sie noch fröhlich und unbeschwert. Claude lächelte zärtlich, als er sie in seiner Erinnerung vor sich sah, wie sie geschäftig durch die wachsende Menge von Gästen tänzelte, hier jemanden begrüßte, da eine Bemerkung fallen ließ, von Zeit zu Zeit heiter auflachte.
Später, beim Gartenfest, war sie plötzlich aufgebracht in Richtung Straße davongestürzt. Von Sorge ergriffen war ihr Claude nach­ge­laufen, aber noch bevor er das efeuumrankte Gittertor des An­wesens erreichte, versagten ihm die Beine und er stürzte. Heftig nach Atem ringend und im Stillen sein krankes Herz verfluchend, versuchte er sich mühsam aufzurichten; schon fühlte der Erschöpfte seine Sinne schwinden. Wie aus weiter Ferne vernahm er das Geräusch zuschlagender Autotüren. Mit großer Anstrengung hob er den Kopf – zwischen den Gitterstäben des Tors vermeinte er eine schwarze Limousine zu erkennen, die mit aufheulendem Motor be­schleunigte und aus seinem Blickfeld verschwand, bevor ihn sanftes Dunkel umfing.

„Claude?“
Jäh wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Charlotte hatte un­bemerkt den Raum betreten.
„Hast du mein Klopfen nicht gehört? Ich habe mir Sorgen ge­macht!“
Wortlos hob Claude die Schultern und fuhr fort, mit gesenktem Kopf auf den Boden zu starren. Obwohl er es vermied, sie anzu­sehen, fühlte er den prüfenden Blick der Schwester.
Schließlich brach Charlotte das Schweigen.
„Jacob hat den Arzt gerufen – keine Angst, nicht deinetwegen“, fügte sie hinzu, als der junge Mann abwehrend die Hände hob. „Dem Alten geht’s nicht gut. Die Entführung scheint ihm nicht zu bekommen. Was wohl erst passiert, wenn seiner geliebten Tochter tatsächlich etwas zustoßen sollte?“, fuhr sie leichthin fort. Sie lächelte leicht, als sie Claudes verstörtes Gesicht bemerkte.
„Wie kannst du so etwas sagen? Sie ist unsere Schwester –“, flüsterte er.
„Und Albert? Ist er vielleicht unser Vater?“, versetzte sie scharf.
Claude erschrak über die Kälte in ihrer Stimme. Verständnislos starrte er seine Schwester an.
„Claude, hör mich an. Vor einiger Zeit hatte ich eine Begegnung, die mein Leben veränderte, und deines wird sie auch verändern! Was weißt du wirklich über Albert, seine Vergangenheit? Über den Tod unserer Eltern? Dieses Haus birgt dunkle Geheimnisse, Bruder­herz!“
Sie holte tief Atem und fragte sanfter: „Willst du die Wahrheit wissen?“
Mit jedem Wort der Schwester wuchs seine Fassungslosigkeit. Die Zeit schien beinahe stehen zu bleiben, während langsam die Worte seiner Schwester, die keine Miene verzogen hatte, wie durch einen dichten Nebel zu ihm, der mit ungläubigem Gesichtsausdruck noch immer auf seinem Bett saß, durchsickerten, und immer stärker wuchs eine furchtbare Gewissheit in ihm, als er allmählich deren Sinn zu begreifen begann. Erst nach einigen Minuten bemerkte er, dass Charlotte verstummt war. Claude erhob sich taumelnd. Wortlos verließ er den Raum.

Er wusste nicht mehr, wie lange er durch den Wald gelaufen war, als er in einiger Entfernung das alte Jagdhaus erblickte. Der Weg vom Haus dorthin war jedoch weit, er musste schon stundenlang unterwegs sein. Erst jetzt bemerkte er seine eigene Erschöpfung. Eine Welle von Schwäche überkam ihn. Zornig über seine Ohnmacht ließ er sich zu Boden sinken. Gewiss war es schon später Nachmittag. Den Weg nach Hause würde er vor Anbruch der Dunkelheit nicht mehr schaffen. Vielleicht konnte er im Jagdhaus unterkommen.
Ein Geräusch in seiner Nähe ließ ihn aus seinen Überlegungen auf­fahren. Ängstlich blickte er sich um – alles war still. Jetzt ver­meinte er, vom Jagdhaus her Stimmen zu hören. Vorsichtig bog er die Zweige des Busches auseinander, hinter dem er sich niedergelassen hatte, und blickte angestrengt in die Richtung des Hauses. Zwischen den dicht belaubten Bäumen vor dem Haus sah er etwas Schwarzes schimmern – es ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren: Vor der Hütte stand eine schwarze Limousine, daneben – eine lachende Julie ...

Wird Claude dieses Abenteuer heil überstehen? Wird vor allem seine Liebe zu Julie unversehrt bleiben? Wer sind die Entführer? Wel­che Rolle spielt Julie darin? Werden wir das Geheimnis um das tragische Schicksal der Eltern des Ge­schwis­ter­paares lüften? Fragen über Fragen, die niemand beantworten kann; die Redaktion musste den Autor bedauerlicherweise entlassen, da letzterer nach dem Zursprachekommen der miesen Qualität seiner Texte handgreiflich wurde.
Lesen Sie in der nächsten Ausgabe daher wieder einen völlig neuen Schmarrn!

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