Leere Versprechungen

Immer wieder verspricht uns irgendwer was und hält sich nicht daran.
Das ist traurig, denn so verschwindet Glaubwürdigkeit aus unserer Kommunikation und wir sind dauerhaft enttäuscht – nicht nur (aber besonders) von der Politik …

Was liegt näher, als sich bei dieser Leitüberschrift der Politik zuzuwenden? Was kann den werten Leser wütender aber auch resignierender machen als die kritische Beobachtung des Spiels der von ihm entsandten, ihn vertretenden Staatslenker? Wo finden sich mehr Möglichkeiten der Enttäuschung als in jenem Feld? Warum wird dieses scheinbar so masochistische Interesse von uns verfolgt? Da ein flüchtiger Blick ans Ende des Artikels zeigt, dass da kein Allheilmittel, in Form eines Weblinks, zur inzwischen auch beliebig gewordenen Aktivistengruppe führt (denn auch die kann enttäuschen) – magst Du, werter Leser selbst entscheiden, ob es Dir etwas bringt, weiterzulesen.

Es gilt: Weder die („vom gesamten Volk“) gewählten und somit legitimierten noch die sich legitimieren wollenden Kräfte (wie Interessensvertretungen und Verbände) leben ohne leere Versprechungen und ordnen sich letztlich Ausflucht gewährenden Sachzwängen unter. Als Beispiel (möge die Liste doch kurz geraten), kann man innenpolitisch den Wunsch der SPÖ nach (studiengebühren-) freien Zugang zu Wissenschaft und Le(e/h)re oder auch den Verzicht auf die (für das von Neutralität und Korruption so geprägte Österreich so) nötigen Eurofighter ins Felde führen. Aber auch die großen Brüder (egal ob diese Bezeichnung nun Deutschland, Amerika oder Russland trifft) haben sich im Sommer feine (G8) Ziele gesteckt, die allesamt der offenbaren Enttäuschung harr(t)en. Zur Erinnerung: Klima, gerechte Entwicklung in Afrika, eingeschränkte Globalisierungsökonomie, Menschenrechte. Ergebnisse: nicht vor 2050; nicht mehr als schon vor Jahren in den UN verbindlich beschlossen (die 60 Milliarden sind also im Grunde Säumniszahlung); Hedgefonds gerne weiterhin – Afrika darf sich vom IWF beraten lassen; China war ja nicht dabei und Wladimir und George verstehen sich demonstrativ – trotz kommender Abwehrschilder in alle Richtungen. Wahrlich, ein „Riesenerfolg“ (Merkel).
Draußen vor der Tür, ja da sammelten sich die „Guten“ und leisteten „zivilen Ungehorsam“ (der verebbt ja hierzulande leider, bevor er überhaupt aufkommt). Zweitausend lernten viel über globale Gerechtigkeit, weitaus Wenigere schlugen sich mitunter mit Polizisten, wieder Mehreren ging es darum „zum Zaun“ zu kommen und eindrucksvolle 80000 ließen sich als Belohnung (wofür?) von Steuerflüchtling Bono besingen.

Pessimist? Nun ja, die Überschrift verpflichtet. Hat der Artikel übrigens etwas versprochen, das er einlösen müsste? Das Gefühl der Ernüchterung, der Verdrossenheit – vielleicht. Und dennoch immer der Wunsch in uns Alternativen, Fehlgeburten anderer Art aufzuzeigen. So wäre ein Verweis auf Anarchie, Autonomie etc. denkbar. Ganz im Sinne Heideggers, der das „uneigentliche Sein“ als Folie einer möglichen Läuterung braucht. Und dadurch das „eigentliche Sein“ in den Raum stellt, zwar nicht als Versprechen – aber als „Möglichkeit“. Was sich beim dunklen deutschen Philosophen etwas wenig greifbar anhört, dafür aber in gewisser Weise nichts von einer garantierenden Außenseite wissen will. Und das ist löblich — wirklich löblich?

Denn das Problem mit den leeren Versprechungen und Enttäuschungen dieser Art ist ja stets gleich. Wir geben unsere Sorgen und Nöte jemandem (bzw. schon bevor diese auftreten wird angeboten: „Ihre Sorgen möchten wir haben.“) vertrauend weiter. Dieses Gegenüber verpflichtet sich in mehr oder minder hohem (aber immer existentem) Ausmaß zur Übernahme einer Tat, zum Besorgen eines Auftrages. Wir vertrauen (selten blind), hoffen auf (zumindest partielle) Erfüllung. Und diese wird dann nicht, oder nur unzureichend gewährt. In schlimmen Fällen tritt gar Gegenteiliges ein. Unser Ja-Wort auf das (fremde) Angebot, keine Erfüllung und ein (nach Wiederholungen) bitter gewordenes, geschworenes „Nein“. Der Akt des Versprechens entwertet sich, das Vertrauen auf ein „Ich gelobe dir“ schwindet und blanker Verdruss macht sich breit. Und wir sind um eine Facette der Mannigfaltigkeit der Menschlichkeit in ihren Vollzügen ärmer. Misstrauen gegen Andere, Selbstbezug aus Vorsicht sind die Folgen – leerer Versprechen.

„Dramatisch“, rutscht es da dem abgebrühten Zyniker über die Lippen. Und wir sind geneigt ihm befreit zuzustimmen. Was soll das Pathos, weiß doch jeder, dass die Politiker das, was sie vor der Wahl sagen, nicht gewähren werden. „Wahlversprechen“ ist da der Terminus technicus. Ein Versprechen, das nicht ernst genommen werden darf. Doch wohin treibt uns diese Unaufrichtigkeit mit sprachlich verfassten Garantieakten? Wo macht sie Halt – wo können wir noch vertrauen, ganz ohne Hintergedanken? Welche Bereiche unseres Lebens bleiben vom Verhängnis leerer Versprechen ausgespart? Und warum?

Weder Zyniker noch Politiker wissen Antwort. Weißt Du sie?

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