Lektüre für die Magennerven

Hunger! – Wir haben noch ein paar Bücher im Kühlschrank.

Kühlschrank„Hercule Poirot saß am Frühstückstisch. Zu seiner Rechten stand eine dampfende Tasse Schokolade. Er war von jeher naschhaft gewesen. Neben der Schokolade lag eine Brioche. Sie bildete eine willkommene Ergänzung zur Schokolade. Er nickte zustimmend. Sie stammte aus dem vierten Laden, den er der Reihe nach probiert hatte. Es war eine dänische Pâtisserie, aber der nahegelegenen angeblich französischen bei weitem überlegen. Reiner Betrug war das dort gewesen.“

Poirot meditiert noch einen Absatz lang über die Kriminalliteratur der vergangenen acht Jahrzehnte (man schreibt 1966) und schwelgt in mäßig saturierter Langeweile, ehe auf der folgenden Seite höchst verstörender Besuch hereinschneit und ein Drama um Rauschgift, falsche Identitäten, Kunstfälschung und kaltblütiges Morden losbricht, so daß niemand mehr Zeit findet, an Briochegebäck zu denken – Third Girl, einer von Agatha Christies beklemmenderen Romanen. Rekordverdächtig: wie kann man in einem so knappen Eröffnungsabsatz, bevor noch das Mindeste passiert ist, ein so stark retardierendes Moment unterbringen? Selbst ein Leser, der Tee und Müsli bevorzugt, muß doch erst einmal Kakaopulver, Zucker und Milch aus dem Schrank kramen und einen Abstecher in zwei bis drei umliegende Konditoreien unternehmen, eh er sich wieder hinsetzt, von einem tiefbraunen infernalisch süßen Gebräu nippt, vielleicht nicht gerade eine Brioche, aber doch wenigstens ein Croissant oder eine Topfengolatsche zu beknabbern anfängt und endlich die zweite Hälfte von Seite 1 liest – eine gute Stunde nach der ersten. Das heißt, wenn er ein ernsthafter Leser von Third Girl ist.

Pilzragout

Übertrieben? Das war ein vergleichsweise harmloses Beispiel. Bei The Fellowship of the Ring bin ich gar nicht erst über Bauer Maggots Abendessen im vierten Kapitel („A Short Cut to Mushrooms“) hinweggekommen: „Es gab Bier in Fülle und eine gewaltige Pfanne voller Pilze mit Speck, dazu noch jede Menge handfeste Bauernkost; die Hunde lagen am Feuer, kauten Rinden und knackten Knochen.“ Aus! Buch beiseitelegen, auf den Naschmarkt gehen und ein halbes Kilo Eierschwammerl (für die Leser außerhalb Österreichs: Pfifferlinge) kaufen; heimgehen, Eierschwammerlragout zubereiten und auf einen Sitz aufessen. Das gelinde Waldaroma der wie üblich zwischen den Schwammerln lauernden Tannennadeln unterstreicht höchstens noch die waldige Atmosphäre des Kapitels. Erst anschließend weiterlesen, nach einer freßbedingten Pause von mindestens zwei bis drei Stunden. – Tolkien kann das nicht beabsichtigt haben? Selbstverständlich hat er. Man vergleiche nur die Kapitelüberschrift mit dem Hobbitsprichwort: „Short cuts make long delays.“
Außerdem ist die Methode so alt wie die Literatur. Wenn im Gilgamesch-Epos der wilde Steppenmensch Enkidu Berge von Brotfladen mit sieben Krügen Rauschtrank hinunterschwemmt, hört man beim Lesen die akkadischen Zuhörer kauen und schlürfen. Und wenn bei Homer über dreißig Verse hinweg besungen wird, wie man zu Ehren der Götter hundert Rinder grillt – man riecht den Braten.

Hammel mit Kuskus

Nichts ist offensichtlicher, als daß Schriftsteller ihrem Publikum an geeigneten Textstellen listige Winke geben, damit es vom Geschriebenen aufsieht und sich etwas zu essen organisiert; und wenn die Suggestion zielsicher genug angebracht ist, wird die ganze Lesergemeinde beim selben Satz aufstehen und sich über annähernd dieselbe Speise hermachen. Erst dann wird aus der Masse lesender Individuen ein zusammengesetzter Organismus, ein vielzelliger Idealleser; ganz anders als etwa im Kino, wo zwar auch jeder Popcorn knurpst, aber völlig unabhängig vom Film und erst recht von Szene und Einstellung. Der Unterschied ist etwa derselbe wie zwischen einem zufällig über die Wiese verteilten Bienenvolk und dem von Michael Ende kreierten schaurigen Sammelwesen Ygramul. Ganz nebenbei wird auch noch den Gehirnzellen Nahrung zugeführt, so daß die weitere Lektüre umso intensiver stattfinden kann – und weitere Suggestionen des Autors umso ungehinderter an ihr Ziel dringen. Nur ein Stilmittel? Vielleicht eine Waffe. Nicht umsonst wird orientalischen Karawanenführern nachgesagt, sie flöchten in ihre Lagerfeuermärchen gezielt Freßgelage ein – damit die Zuhörer hungrig werden und unwillkürlich ihren Proviant auspacken, an dem sich dann der Kameltreiber unbemerkt schadlos hält, wie schon sein homerischer Vorgänger an den Rinderspießchen.

Gefilte Fisch

Gut, jetzt ist das Stilmittel entlarvt. Aber was nutzt uns die Kenntnis? Gewiß, wenn wir jemanden sehen, der fritierte Siebenschläfer mit Mohn und Honig übergossen ißt oder eine ganze Sau mit aus Brotteig gebackenen Ferkeln auftragen läßt, in deren Bauch sich lebende Singvögel befinden, die beim Anschneiden herausflattern – dann haben wir mit Sicherheit jemanden gefunden, der das Gastmahl des Trimalchio von Petronius gelesen hat. Unter den Austern- und Hummeressern könnten sich Leser von Proust oder Dostojewskij befinden, und wer im Ernst Appetit auf Maisbrot mit Butter hat, hat sich wohl in eins der letzten Kapitel von Huckleberry Finn vertieft. Auch schon was. Intellektuelle Spielereien.
Aber es gibt auch nichttriviale Beispiele. Wer Schalentiere und Raubvögel nicht für eßbar hält, aber Heuschrecken unter Umständen schon, außerdem verschiedene Kühlschränke für Fleisch und Milchprodukte hat und zum selben Datum wie seine Glaubensbrüder in aller Welt eine Scheibe Meerrettich und ein in Salzwasser getauchtes hartes Ei ißt – der hat nicht nur dieselben Texte gelesen wie alle anderen orthodoxen Juden, sondern interpretiert sie auch auf dieselbe Weise. Sehen wir nicht auch, daß Europäer, die zum Beispiel Buddhisten werden, mit der Glaubenshaltung gleichzeitig auch einen Geschmack für nepalesische, tibetische oder japanische Küche entwickeln, als wären Momos und Suppe mit breiten Bandnudeln ebenso wie höfliches asiatisches Grinsen (das in Wirklichkeit einen neokonfuzianischen Hintergrund hat) Bestandteile der buddhistischen Lehre?

Mozartkugeln

Nationalküchen (Stichwort: Spaghettifresser und Olivenhainis) beruhen eher auf den geologischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen, die ein bestimmter Landstrich bietet, als auf gemeinsam gelesenen Büchern. Aber wenn ein japanischer Tourist Österreich nicht wirklich gesehen hat, eh er nicht ein Wienerschnitzel gegessen hat und eine Sachertorte im Heimreisegepäck fortschleppt, und für Deutschland dasselbe mit Weißbier und Eisbein mit Sauerkraut – dann liegt das sehr wohl daran, daß die alle dasselbe Büchlein gelesen haben: eine japanische Entsprechung zu Lonely Planet, in der sogar das Essensangebot von Naschmarkt und Meinl am Graben halbwegs detailliert ausgeführt wird, wenige Seiten entfernt von einer Schilderung der Salzburger Nockerln. Für kleinere Veränderungen der Ernährungsgewohnheiten reicht wohl auch schon ein TV-Programm. Als Mino Monta, der Moderator der japanischen Millionenshow (Kuizu $ Mirionea), die Bemerkung fallen ließ, er trinke gern Kakao, stiegen am nächsten Tag die Verkaufszahlen für Kakao japanweit um 40%.

Mohngugelhupf

Man kann die literarisch bemäntelten Ermutigungen, bestimmte Dinge zu essen, als morbid und schauerlich auffassen wie der Ich-Erzähler im Tagebuch eines Wahnsinnigen von Lu Xun (Kuangren riji, 1918): er gelangte zu der Auffassung, das gesamte alte chinesische Schrifttum sei nichts als eine verschlüsselte Aufforderung, Menschenfleisch zu essen, und schildert in bewußt nichtklassischem Chinesisch seine unbändige Angst vor dem Gefressenwerden. So schlimm muß es aber nicht kommen: poetisch verbrämte Freßangebote können auch nur liebenswerte, komödiantische Mittel der Sprachdidaktik sein. Ist nicht tatsächlich einer der ersten Texte, die ein Reisender in einer neuen Sprache zu verstehen sucht, meist eine Speisekarte? Und die Ergebnisse dieser Entzifferung sind für den weiteren Fortschritt in der Sprache weiß Gott nicht gleichgültig. „Was ajner frißt und wo ím šmekt, dafon merkt er sich auch den Námen“, soll der Budweiser Gymnasialprofessor Siegfried Zwoch zu Anfang des 20. Jahrhunderts geböhmakelt haben, und sein treuer Schüler Götz Fehr hat in seinem seit 1977 dutzendmal aufgelegten Fernkurs in Böhmisch versucht, das Budweiserische mit Hilfe von Knoblauchwurst, Škubánky, Drštková und Knödeln zu vermitteln. Nachahmer? Zeigen Sie mir ein Sprachlehrbuch ohne Speisekarten- und Kochrezept-Lektion, und ich zeige Ihnen eine Lehrgrammatik des Mbo-Dialektes für jesuitische Missionare von 1893. Selbst Kater Garfield und sein Herrchen sprechen heute ein paar Worte Chinesisch, warum? Wegen der Lunchpakete vom Chinesen um die Ecke. „It’s as much fun to say as it is to eat.“

Krautstrudel

Was werden Sie wohl bei oder nach der Lektüre dieses Artikels essen – noch schlimmer, bei der des ganzen Baggers? Wir wollen es nicht wissen.
Wenn Sie es uns trotzdem mitteilen wollen, schicken Sie doch Ihr Menü an fressalien@derbagger.org. Charakteristische, lustige oder erstaunliche Resultate stehen dann womöglich im nächsten Bagger.
Kann aber auch sein, daß wir Sie nur analysieren.

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