Literarisch in die Ferne schweifen

Seefahrtsbücher von Zweig und Ransmayr im Vergleich

Eine eigentümliche Leseerfahrung liegt hinter mir: Zunächst machte ich mich mit dem Portugiesen Magellan auf in Richtung der Gewürzinseln, später folgte ich (dem Jahreszeitenwechsel gemäß) den Österreichern Payer und Weyprecht in die Weiten des Eismeers. Ein Lesebericht.

Inzwischen weiß ich mehr über entbehrungsreichen Seefahrten, die in ihrer Zeit herausragend waren. Beide Autoren, Zweig („Magellan. Der Mann und seine Tat“, 1937) und Ransmayr („Die Schrecken des Eises und der Finsternis“, 1987), werden nicht müde, dem Leser eindringlich klar zu machen, was es damals (im Gegensatz zum jegliche Form der Mobilität für selbstverständlich erachtenden Heute) bedeutete, eine solche Reise zu tun.

Zweig - MagellanZweig eröffnet sein Buch zudem mit einer interessanten Analyse der Schreibmotivation: Er habe beschämt auf einem Luxusliner in Richtung Buenos Aires Ungeduld trotz allen Schiffskomforts empfunden und sich auf den Pionier und Erstdurchquerer beider Ozeane Magellan besonnen. Dieser hat sich und seiner Mannschaft im Dienste seiner Idee einiges abverlangen müssen, nachdem er nach jahrelanger Planung endlich fünf Schiffe unter spanischer Flagge gegen schon bald meuternde Kapitänskollegen in unwirtliche Breiten führen durfte. Ganz ähnlich lässt Ransmayr den fiktiven Josef Mazzini in den 1980er Jahren parallel zu den Payerschen Entdeckungsfahrten und Logbucheintragungen über Spitzbergen hinausreisen: Nussschalen- versus späterer Eisbrecher-Fahrt; den Erlebenswert, die Motive des Fortseins von der Zivilisation, allgemeiner: des Reisens, immer im Blick. Während Zweig uns einen heroischen, sämtliche Hindernisse überwindenden emsigen Seefahrer präsentiert, den man mit jungenhafter Bewunderung verehren kann, so zeigt uns Ransmayr hart Brüche und Vergeblichkeiten auf. So werden im achten Kapitel Seefahrten ins Eismeer mit desaströsem Ausgang verzeichnet – der ihm noch mögliche „versöhnliche“ Beschluss lautet: „Aber wer würde zu behaupten wagen, dass alle Qualen und Leidenswege der Passagensucher sinnlos gewesen seien? Höllenfahrten für wertlose Routen? Immerhin hatten sie, wenn schon nicht dem Reichtum und Handel, so doch der Wissenschaft gedient, der Zerstörung der Mythen vom offenen Polarmeer, der Mythen von Paradiesen im Eis. Und den Mythos zerstört man nicht ohne Opfer.“ (Auch Magellan wird von seiner Reise nicht wiederkehren.)

Ransmayr - Schrecken des Eises und der FinsternisWas weiß der Leser nach dieser Lektüre mehr – inhaltlich kann er einiges lernen über wirtschaftliche und politische Motive solcher Pionierfahrten, die uns nur allzu gern als wissenschaftliche Gewissheitssuche verklärt präsentiert werden. Zweig rollt die Vorgeschichte des Gewürzhandels auf und Ransmayr zeigt die übrig bleibenden Fahrtrichtungen der vom Vertrag von Tordesillias benachteiligten Nationen auf. Das Reisegefühl der Entdecker differiert gehörig von dem der Touristen, die sich belächelnswerterweise auf den Spuren der Pioniere glauben – gerade Ransmayr streicht diese Unvergleichbarkeit auf allen Ebenen heraus.

Vergleicht man die Bücher untereinander, so liegt viel mehr als nur ein halbes Jahrhundert zwischen ihnen: Ernst Weiß schrieb über das Magellanbuch „Es gibt Mut“, da es ja so schön pathetisch gegenüber jeden Unbill der 1930er Jahre schließt: „Immer gibt ein Mensch nur dann das Höchste, wenn er ein Beispiel gibt, und wenn eine, so hat diese eine fast vergessene Tat Magellans für alle Zeiten erwiesen, dass eine Idee, wenn vom Genius beschwingt, wenn von Leidenschaft entschlossen vorwärtsgetragen, sich stärker erweist als alle Elemente der Natur, dass immer wieder ein einziger Mensch mit seinem kleinen vergänglichen Leben, was hunderten Geschlechtern bloßer Wunschtraum gewesen, zu einer Wirklichkeit und unvergänglichen Wahrheit umzuschaffen vermag.“ Ransmayr wird zu Recht attestiert, dass sein Buch auch ein „intellektuelles Abenteuer“ (FAZ) sei, er schafft es uns zu zeigen, dass es nicht stimmt, „dass die Welt durch die hastige Entwicklung unserer Fortbewegungsmittel (einfach nur) kleiner geworden sei“, sondern dass vielmehr gilt, „dass wir physiognomisch (sic!) gesehen, (noch immer) Fußgänger und Läufer sind“ und bei jeder (Gedanken-)Reise ungeahnte (unprophezeihbare) Wege (wie auch sein Held Mazzini) gehen werden.

Die Bücher:
Stefan Zweig: Magellan. Der Mann und seine Tat, 1937 (Taschenbuch: Fischer, ISBN: 978-3596253562).
Christoph Ransmayr: Die Schrecken des Eises und der Finsternis, 1987
(Taschenbuch: Fischer, ISBN: 978-3596254194).

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