Ludi incipiant?

Von der biologisch-olympischen Schweinezucht, dem grünen Specht und dem erlassenen Spuckverbot bis zu „Vogelnest“ und „Wasserwürfel“.

Peking gleicht einem Ameisenbau: Sehenswürdigkeiten wurden renoviert, alte Hutongs mussten Wolkenkratzern weichen, Peking wird auf Hochglanz poliert. Ob der 08.08.08 um 08:08 Uhr abends, der Achter als Glückszahl der Chinesen, die erhoffte positive Bilanz für Wirtschaft und Image bringt?

China hatte sich ehrgeizige Ziele gesetzt. 30.000 Arbeiter hätten für eine Fertigstellung der Olympiastätten noch vor dem Jahreswechsel Sorge tragen sollen. Diese Pläne relativierten sich jedoch auf Grund einiger technischer Probleme, zu hoher Kosten sowie eines Stahlengpasses. Das Bauvorhaben der Superlative war aber nicht nur Schwierigkeiten ausgesetzt, es brachte auch einige soziale Probleme mit sich. Für die Prestigebauten wurden weder Kosten noch Mühen gescheut; die Umsiedlung von 3.000 Familien, die den Olympiabauten für Abfindungen in der Höhe von insgesamt 155 Millionen Euro weichen mussten, wurde in Kauf genommen. Ähnlich scheint man mit dem Tod von mindestens 10 Arbeitern verfahren zu sein, die beim Bau verunglückten. Die chinesischen Behörden entschuldigten den Verlust mit einer Zahlung von insgesamt 17.400 Euro an die Familien der Opfer. Des Weiteren wurde die Bevölkerung Pekings von einer Explosion der Miet- und Grundstückspreise getroffen. Im Extremfall, besonders um die Sportstätten herum, kam es zu Mietsteigerungen um bis zu 100%, was dazu führte, dass sich heute viele Anwohner ihre Wohnung in Stadionsnähe nicht mehr leisten können.

Parallel dazu scheint sich der Staat mit den teuren Bauten übernommen zu haben. Das 300 Millionen Euro schwere „Vogelnest“ (das Nationalstadion) sprengte das Budget. Um noch anstehende Ausgaben gering zu halten, wurde das geplante bewegliche Schiebedach des Nationalstadions gestrichen und durch eine 40.000 Quadratmeter große EFTE-Folie ersetzt. Sie wird die 91.000 Zuschauer, die zur Eröffnung unter freiem Himmel sitzen werden, im Falle von Regen oder Sandstürmen schützen. Not macht eben erfinderisch.

Das „Vogelnest“ gehört neben dem „Wasserwürfel“ (i.e. das Schwimmzentrum) zu den Hauptschauplätzen der Olympischen Spiele, die zusammen eine metaphorische Bedeutung erhalten. Als Kreis und Quadrat sollen sie den Antagonismus von Himmel und Erde sym­bolisieren.

Neben dieser figurativen Interpretation der olympischen Bauwerke werden aber noch weitergehende Maßnahmen getroffen, um ein möglichst „harmonisches Umfeld“ für die Besucher zu schaffen. So wollen chinesische Behörden etwa mit Strafen, Warenbeschlagnahmungen und Rund-um-die-Uhr-Patrouillen Bettler und Straßenhändler von häufig frequentierten Touristenorten vertreiben. Weiters hat sich eine kuriose Initiative zur Reinhaltung der Straßen und Erhöhung des Hygienebewusstseins gebildet. Mit der Kampagne „Grüner Specht“ wurde vom ehemaligen Soldaten Wang Tao eine Aktion gegen das Spucken ins Leben gerufen. Gleichzeitig soll dies eine positive Imagekampagne darstellen, die das Bild Chinas in der internationalen Öffentlichkeit verbessern soll. Neben dem Spucken gilt seine Aufmerksamkeit auch weiteren Verhaltensweisen der Pekinger, wie etwa dem Vordrängen in Schlangen oder dem lauten Rufen in Restaurants. Laut einer Studie des Zentrums für Humanistische Olympische Studien der Pekinger Renmin Universität hat die Zahl der Pekinger, die in der Öffentlichkeit spucken, gegenüber 2005 um 41,7% abgenommen. Die Pekinger Behörden werden dieses Jahr weitere Mitarbeiter einstellen, die für die Überwachung der Straßen verantwortlich sind. Ebenso soll es künftig höhere Strafen bei Verstößen geben.

Die Olympischen Spiele haben in China ein weiteres wichtiges Thema zur Sprache gebracht. Da Pekings Umweltprobleme unbestritten sind, hat die Regierung ein Budget von 750 Millionen Euro veranschlagt, um unter anderem Energiesparprogramme und Maßnahmen zur Steigerung der Wasserqualität zu finanzieren. Weiters wurden von der Regierung Schritte eingeleitet, die die Luftqualität in Peking erheblich verbessern sollen. Mit täglichen Neuanmeldungen von 1.000 PKWs gibt es in Peking insgesamt ca. 3 Millionen Autos, die ihren Beitrag zur dichten Dunstglocke über der Stadt leisten. Zur Optimierung des Luftqualitätsindex’ wurde von der Regierung eine einwöchige Fahrverbotsaktion ins Leben gerufen. An 2 Tagen der Woche durften nur Taxis und Autos mit einer ungeraden Zahl an der letzten Stelle des Kennzeichens auf die Straße, an zwei anderen Tagen nur jene mit einer geraden Kennzahl. Für ein Vergehen mussten 100 Yuan (ca. 10 Euro) berappt werden. Parallel dazu wurden die Fahrpreise für die 11 (davon 6 im Laufe des letzten Jahres neu gebaute) U-Bahnlinien Pekings auf 2 Yuan gesenkt, um die Bevölkerung zum Umstieg auf die öffentlichen Verkehrsmittel zu animieren. Die Luftverbesserung entsprach jedoch leider nicht den hohen Erwartungen der Experten.

Damit die Touristen während der Olympischen Spiele nicht auf gute Luftqualität verzichten müssen, hat man in Peking mit der Errichtung des 10.000 Hektar großen Labagou Nationalparks, des größten Waldparks Pekings, gesorgt. Außerdem will man den Olympiatouristen eine rauchfreie Umgebung garantieren. Obwohl in Peking über 4 Millionen Raucher leben, wurden die 40.000 Restaurants der Stadt aufgerufen, ihre Lokale rauchfrei zu halten. Eine weitere Maßnahme, um den Wünschen der Touristen gerecht zu werden, stellt die Produktion von biologisch und qualitativ möglichst hochwertigem Schweinefleisch dar. Extra für die Zeit der Spiele wurden Schweinefarmen mit biologischen Vorzeichen geschaffen, um westlichen Standards zu entsprechen.

China versucht also alle möglichen Vorkehrungen zu treffen, um einen Besuch der Olympischen Spiele so angenehm wie möglich zu gestalten. Dabei macht man auch vor dem Versuch nicht halt, das Wetter zumindest in Maßen zu kontrollieren. Da meteorologischen Untersuchungen zu Folge die Eröffnungs- und Schlussfeier mit 50%iger Wahrscheinlichkeit von Regen begleitet sein wird, ist der Einsatz von „Hagelfliegern“ geplant, die durch das Versprühen von Silberjodid-Kügelchen den Regen frühzeitig auslösen sollen.

Die Olympischen Spiele werfen also in China sozialpolitische, wirtschaftliche und umwelttechnische – sowie in jüngster Zeit heikle politische – Fragen auf. Dennoch ist man bestrebt weiterhin den Fokus auf den olympischen Gedanken und die Idee zu legen, der Welt Segen zu bringen. Dafür sollen auch die fünf „Friendlies“ stehen, also die Maskottchen der Spiele Beibei, Jingjing, Huanhuan, Yingying und Nini, deren Namen jeweils eine Verdopplung der ersten Silbe eines chinesischen Wortes ist. Gemeinsam ergibt sich der Satz: Bejing huanying ni – Peking heißt dich willkommen. Auf eines der „Friendlies sei an dieser Stelle noch besonders hingewiesen: Yingying stellt eine schlaue und schnelle tibetische Antilope aus dem Qinghai-Tibet-Plateau dar, welche eigentlich unter Artenschutz steht …

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