Mit den Augen küssen

Dass Jacques Derrida ein großer Name ist wird man nicht bestreiten können. Vielleicht darf aber bezweifelt werden, dass dieser Name ausschließlich dazu dient einzuschüchtern. Wer Derrida liest um anzugeben, sei es bei den elenden Vernissagen der langweiligen Edelprolet-Galeristen oder in höchst lähmenden Seminaren der Universität, oder nach Lesungen von Autoren denen irgendetwas zu Absatz x bei Kant und Hegel aufgefallen ist, worüber unbedingt 938 Seiten verbaler Durchfall durchdiskutiert werden müssen, soll doch bitte die profane Dummheit dieser Zeilen verzeihen.
Und alle anderen die einfach Derrida noch nie gelesen haben, so wie ich bis vor kurzem, weil er so sehr in aller Munde ist, Münder von denen man nichts hören mag … der sollte weiter lesen.

Brinkmann & Bose haben 2007 ein Buch verlegt mit dem Titel „Berühren – Jean Luc Nancy“, übersetzt von Hans Dieter Gondek. Da ist also dieses Buch und wenn man es ansieht, merkt man dass auch die Verleger hier unbedingt zeigen wollen, dass sie dieses Buch verstanden haben, ein dünner – hauchdünner durchsichtiger Einband, ein wenig sanft verschleiert scheint das Buch zu sein. Wie feinfühlig von den Verlegern, aber dann wenn man es aufschlägt, ist da eine Vorrede die ehrlich zu sein scheint. Wer ist denn schon dieser Derrida, ein wenig Skepsis darf nicht fehlen. Aber vor der Vorrede gibt es noch „Waschzettel“, alles groß geschrieben, und hier hat er den Leser. Grundsätzlich ist das sympathische, dass er zuerst sagt „was ist“, wie sich „Berühren“ zeigt und da ist er gründlich. Abgesehen von seiner Kreativität, die unübersehbar ist. Eine kleine feine dekorative Formel ist Teil des Waschzettels, womit er sagen möchte, wie er was warum geschrieben hat. Acht Jahre lang soll dieser Text gebraucht haben. Mit Unterbrechungen hat er geschrieben und man merkt es kaum. So gut kann er erzählen. Ja und jetzt verdrehen die Philosophen beinahe ohnmächtig die Augen aber doch, doch, hier wird erzählt. Während Derrida Nancy lobend und erläuternd erwähnt (nein, ich habe noch nie etwas von Nancy gelesen, aber es hört sich so an als ob Derrida ihn gut zusammenfasst, wir vertrauen hier Derrida ein wenig bis Nancy gelesen wird) wie er Berühren auffasst in all seinen Dimensionen, haben die Verleger daran gedacht links und rechts genug Platz zu lassen für Notizen. So wirkt das Buch beinahe wie ein Notizbuch, das heißt, Papier ist verschwendet worden, Geld ist verschwendet worden. Deswegen kostet das Buch wohl über 40 Euro. Nicht weil sein Denken wertvoll ist – wenn es darum ginge wäre man an einer günstigeren Verbreitung interessiert -, sondern weil das Papier auf dem seine Gedanken gedruckt worden sind, wohl ein bisschen sehr viel gekostet hat. Dennoch bringt Derrida den Leser der mittlerweile pleite ist, weil er sich dieses Buch gekauft hat, wieder auf Kurs.
Sehr sympathisch erwähnt er all jene, deren Denken er bewundert und skizziert, warum er welchen Punkt hervorstreicht. Wie geht es , dieses Berühren von Jemanden … zu erreichen, wie erreicht man jemand anderen, wenn ich mich doch gar nicht verlassen kann dafür. Wie mache ich das eigentlich? Eine sympathische Frage und eine sympathische Art, sie zu beleuchten, indem er von sich spricht als würde er erzählen, was er gelesen hat und was er wo gut findet und was ihm wo gefehlt hat. Und das sympathischste ist, dass er dieses Buch wie ein Kunstwerk aufgezogen hat. Die Titel der Kapitel erzählen, genauso wie die Zitate und ganz besonders seine Art zu schreiben. So schreibt jemand der zu erzählen weiß, während Husserl ja mit Sicherheit nichts erzählen konnte. Derrida wirkt schwierig weil er zum einen Gedankengänge schildert und gleichzeitig wie ein Erzähler mit den Worten jongliert, was irgendwie gemein von ihm ist, weil man leicht den Anschluss verpasst. Hat man aber verstanden, dass es seine Methode ist, verliert man den Faden nicht mehr. Diese Augen oder diese Blicke? Sie gehen von einen zum anderen. Es braucht oft mehr als zwei Augen für zwei Blicke. Sodann gibt es Augen, die nicht mehr sehen, und Augen, die niemals gesehen haben. Würden Sie auch die ohne Augen Lebenden/Lebewesen ohne Augen vergessen? Deshalb leben sie noch lange nicht stets ohne Licht. (S.8) Diese Sätze sind keine Sätze eines Menschen der wissenschaftliche Präzision betreiben will. Das sind Sätze eines Menschen, der mit Poesie gründlich zu denken versucht, weil er sich wundert, warum und wie er berührt wird und selbst berührt, wo das Herz der Dinge ist und wie es was erreicht. Jedes Mal, wenn er von einem Thema zum anderen geht, spricht er den Leser an und sagt „gehen wir zurück“ oder „lass uns“ etc., so als ob er da wäre. Gemäß der Fülle der Interpretationen ist es überflüssig, zusammenzufassen, welche Gedankengänge er wie lobt oder weiterführt. Wozu auch. Er scheint eine Sprache gefunden haben zu wollen, die zeigt was die Denker, die er lobt, gesagt haben.
Der empfindsame, aber unsichtbare und unberührbare Platz für das, was man nicht nur im Gedächtnis, nicht nur in sich, sondern in Dir in mir wahrt, wenn Du, Du noch größer bist, ein Herz in mir größer als mein Herz, lebendiger als ich, einzigartiger und andersartiger als das, was ich antizipieren, wissen, imaginieren, vorstellen, mir in Erinnerung rufen kann? Wenn >>mein<< Herz zunächst das Herz des Anderen und folglich, ja größer als mein Herz in meinem Herzen ist? (S.371)
Vielleicht darf man Derrida so lesen, dass man sich Teile seiner poetischen Ausführungen merkt und sie für sich ausbaut, anstatt den Wunsch zu haben, wissenschaftlich zu theoretisieren, was er sagt. Die Sprache der Wissenschaften muss er gekannt haben, aber er nutzt sie nicht, er schreibt, wie wenn er erzählend etwas zeigt, nur ohne Figuren zu erfinden oder Charaktere darzustellen. Die Figuren um die es geht sind wir irgendwie alle. Irgendwie ist allein das schon ein sehr witziger, genialer Einfall.

Man muss nicht alles über Dekonstruktion wissen, Nancy auswendig kennen, Heidegger im Schlaf zitieren können oder mit Aristoteles im Geiste per Du sein, um Derrida zu lesen. Eine mehr oder weniger skeptische tabula rasa zu sein ist keine Schande. Er macht so viele Anläufe um zu zeigen was er sagen will via Sprache, dass man schon einsteigen wird – entweder auf den ersten Seiten oder auf den letzten Seiten. Oder man möchte einfach ein Labyrinth lesen, ein sprachliches Labyrinth nur für sich, entfremden, was die Bibel der modernen Philosophen ist – auch das wird doch wohl erlaubt sein. Irgendwie in Beziehung kommen zu dem was auf ein Podest gestellt wird, sei es auch nur, um zu schimpfen, dass dieses Buch soviel kostet. Ja, über 40 Euro für ein Buch das auf jeder Seite mehrere Zentimeter von Oben, unten, rechts und links frei lässt, damit die Druckkosten schön hoch sind, unterstellt entweder dass der Leser sowieso nichts verstehen wird und viele Fragen fragil mit Bleistiftchen dazunotieren muss/soll/kann, oder aber wir sollen vielleicht jede Seite einrahmen lassen weil es Mode ist Derrida toll zu finden, oder diese freie Fläche dafür nutzen, im Cafehaus die Telefonnummer einer interessanten Person zu notieren …
Vielleicht war es auch so teuer, den Inhalt zu verlegen. Nein, dieser Preis bleibt unverzeihlich. Aber vielleicht wollen die Verleger ja nur Platz lassen für ein paar kleine Bussis die ich übrig haben soll für dieses Papier auf das diese edlen Gedanken die ich mit meinen Augen lesen muss, gedruckt worden sind? Nicht den Kuß auf den Mund also, sondern den Kuß der Augen, sowie man sich nicht mit abgeschmackten Rhetoriken zufrieden gibt, so interessant oder notwendig sein mögen (>> mit dem Blick umarmen<<, >> mit den Augen verschlingen<< usw.)? (S. 392)

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