Mit Martin Mucha durch Wien Noir

seelenschacher

Martin Mucha ist der Autor von „Papierkrieg“ und „Seelenschacher“, zwei hard-boiled Wien-Krimis die 2010 und 2011 im Gmeiner Verlag erschienen sind. Der Bagger hat mit ihm Kaffee getrunken und nach seiner Meinung zu Krimis, Wien und Verbrechen gegraben.

Warum schreibst du Krimis?
Einerseits, weil es ein Krimi ziemlich leicht macht, einen vertikalen Schnitt durch eine Gesellschaft zu machen, von ganz oben bis ganz unten Leute vorkommen zu lassen. Das ist schön, wenn Du aus mehreren Perspektiven Schauplätze hast, die von einem Loft im Ersten zur Würstelbude im Fünfzehnten reichen können, von Leuten mit ganz unterschiedlichen materiellen Sicherheitsniveaus.

Auch, weil ein Krimi ein sehr ausdifferenziertes Genre darstellt. Es gibt ein riesiges Repertoire an Szenen. Ich möchte mal behaupten, es ist praktisch jede Szene, die in einem Krimi vorkommen kann, schon geschrieben worden. Das heißt, du kannst viele Zitate einbringen, mit dem Genre spielen. Wenn du eine Geschichte erzählst, hast du einen Konflikt: zwischen Menschen, innerhalb eines Menschen.  Du hast einen Held, der kocht Risotto. Das Publikum interessiert sich dafür: He, wird das was oder wird das nix? Dann kannst du versuchen, die Spannung zu steigern, indem du mehrere Ebenen hineinbringst. Angenommen, der Held kocht das Risotto für seine Freundin. Dann wirds schon spannender, wenn das Risotto gut wird, geht die Liebesgeschichte vielleicht gut aus, wirds nix, verläßt sie ihn. Also bangen schon mal alle mit, haben ja natürliches Interesse daran, weil sie auch Menschen sind. Und von all diesen möglichen Ausgängen ist der radikalste der Tod. Insofern ist Krimi die reinste Form des Erzählens, weil er sich immer mit diesem Radikalfall auseinandersetzt: Überleb’ ich die Sache oder nicht? Und dann, wenn wer gestorben ist, sich die Fragen stellen: Warum wurde getötet? Wer hat getötet? Wie wurde getötet?

Ist das für dich der Kern eines Krimis?
Es gibt natürlich mehrere Krimiformen. Es gibt den ganz klassischen Whodunnit, der einfach die Frage stellt: Wer hat den Mord begangen? Dort hast Du eine feststehende Anzahl an Verdächtigen, klar umrissene Motivlagen, Alibis werden abgeglichen und zum Schluß kann man sagen, wer der Mörder war.
Ich versuche das eher so zu gestalten, daß mein Held, der vielleicht gar keiner ist, in eine Situation hineinkommt, in der die wesentlichen Dynamiken des Verbrechens schon passiert sind, wobei der Mord unter Umständen aber noch aussteht.  Dann entwickeln sich aus diesen Dynamiken weitere Verbrechen, so wie kleine Steine angestoßen weitere Steine anstoßen, die dann weitere Steine anstoßen. So gibt es normalerweise keinen Abschluß für diese Fälle.
Es wird vielleicht ein Teilkomplex abgeschlossen, weil zum Beispiel alle tot sind, die daran beteiligt waren oder hinter Gittern sind. Aber im Hintergrund sind immer noch Fäden aus der Geschichte offen. Es ist eher ein Vorgang, der einfach schon seit ewigen Zeiten läuft und weiterlaufen wird. Und ein kleiner Teil daraus wird dann irgendwie im Buch verarbeitet. Eben nicht dieses Denken, daß es den einen, autonom dastehenden Verbrechensfall gibt, sondern daß diese Geschichten immer eingebunden sind in ganz normales menschliche Verhalten, und an manchen Kreuzungspunkten von Interessenslagen gewalttätig werden.
Habsucht ist ja in deinen Büchern der Antrieb für die Handlung. Ist das generell die Hauptmotivation für Verbrechen?
Ich würde das eher so sagen wollen, daß in dem Genre, in dem ich schreibe, das sich an den klassischen Autoren des amerikanischen Kriminalromans der Dreißiger und Vierziger orientiert, es so ist, daß es eigentlich immer ein Verbrechen aus Habgier ist. Und das ist etwas das für mich, oder das damals für Leute die unter dem Eindruck des American Way of Life standen – wie werde ich vom Tellerwäscher zum Millionär – ein riesiges Suchtpotential hatte. Sie selber waren ja eigentlich arm, aber manche konnten reich werden. So haben diese Autoren Sachen verwendet, die mit Fragen spielen wie: Was, wenn ich mehr Mumm gehabt hätte? Was, wenn ich zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort gewesen wäre?
Später, mit Hammett und Chandler, hat sich das mehr zu Sozialkritik verändert. Sie haben gesehen, daß das keine Verbrechen sind, die aus irgendwelchen komischen, tiefsitzenden, psychologischen Motiven entstehen, sondern wo es rein um materielle Sachen geht.
Wie Verbrechen wirklich begangen werden, oder wie Menschen tatsächlich handeln, wenn sie andere töten, ist dann schon noch eine Spur schwerer zu schreiben, als einfach auf diesem Klischee aufzubauen.

PapierkriegDu bist Vorarlberger, und dein Held, der abgebrannte Uni Lektor Arno Linder, lebt  in Wien. Ist er Wiener?
Das kommt in den Büchern selber nicht vor. Nein, er ist kein Wiener. Irgendwann sollte aber ein Buch kommen, das die Geschichte erzählt, wie er nach Wien gekommen ist, und wie sich das Ganze entwickelt hat, daß er so ist wie er jetzt halt ist. Aber das steht noch nicht in den Büchern. Und Held klingt immer so nach Stallone. Ich versuche eher das so zu machen, daß mein Arno auf die eine oder andere Weise ein bißchen tollpatschig, ein bißchen blöd ist, und immer wieder mal einen Geistesblitz hat, der aber dann doch nicht funktioniert. Eher ein Protagonist als irgendein ausgezeichneter Übermensch. Für den er sich aber wahrscheinlich halten würde.

Arno scheint ja nicht der ideale Typ für einen Detektiv zu sein.
Die erste Motivation für mich war, einen hard-boiled Krimi zu schreiben, etwas wie Dashiell Hammett zu machen. Dafür hatte ich einen Druckergesellen. Der hätte wenig Geld verdient und sich mit kleinen Verbrechereien über Wasser gehalten, nebenher, und wäre so ins Milieu abgerutscht. Mir ist aber recht schnell klar geworden, daß ich das nicht schreiben will und nicht schreiben kann. Diese Bücher wären viel zu ernst und viel zu brutal geworden, zu kalt und unmenschlich. Ich wollte ein bißchen mehr Ironie und Humor hineinbringen.
Dann kam mir auch die Sprache in die Quere. Ich brings einfach nicht über mich, ein Buch zu schreiben, in dem ein Wiener zum anderen sagt „Hast Du eine Zigarette für mich?“ Ich mußte also ein wenig mit Dialekt arbeiten, zumindest in den gesprochenen Sequenzen. Da war es dann extrem schwer, wenn ich jemanden habe, der Druckerlehrling ist, da der in den Dialogen ja auch schon Umgangssprache sprechen muß, was für viele Leute sehr schwer zu lesen wird. Das heißt, ich brauchte jemanden, der ein Gespräch auf Hochdeutsch führen kann. Wenn dann auch die Antworten teilweise in Umgangssprache sind, ist es doch so, als würdest du bei einem Telefonat nur die eine Seite hören, wo du dann noch drauf schließen kannst, um was es eigentlich geht.  Da blieb mir nicht viel übrig, als ihm eine Hochschulbildung hinzuwerfen. Als das dann feststand, war es nur mehr ein winziger Schritt, ihm einen Uni-Posten zu geben. Abgesehen davon, daß es mit meiner eigenen Biographie gut zusammenpaßt, gibt es auch viele literarische Vorbilder.
Arno ist zum Beispiel klassischer Philologe. Und eine meiner Lieblingspersonen aus einem Buch ist der Dr. Serenus Zeitblom, der auch eine Geschichte, die mit dem Tod endet, erzählt, auch als Ich-Erzähler. Und vieles, was Arno erzählt, ist eine Karikatur oder Übertreibung von dem was Zeitblom im Dr. Faustus schreibt. Das war ein kleines Spiel mit dem, was mir an literarischer Überlieferung zur Verfügung steht.
Dann kam auch noch dazu, daß es mir Spaß macht, Spannung in einer Person zu erzeugen. Als klassischer Gelehrter sollte er ja Manuskripte in der Bibliothek wälzen, hat in einer Situation aber dann doch eine Knarre in der Hand.

Sind deine Leser  hauptsächlich aus Wien?  Hörst du viel von ihnen?
Ich glaube, die Bücher verkaufen sich zumeist in Wien. Aber es gibt tatsächlich auch Leute, Österreich, Schweiz, Deutschland, die das mit einem touristischen Hintergrund lesen. Ich habe schon Rückmeldungen gehabt, daß die Bücher super sind, weil sogar die Straßenbahnlinien, mit denen Arno fährt, stimmen. Und einer hat gesagt, er wolle auf jeden Fall mal nach Wien kommen, Arnos Wien hat ihm so gefallen. Das Buch sei ja scheiße, aber Wien, denkt er, sei eine ziemlich coole Stadt.
Die coolsten Rückmeldungen sind eigentlich die, wenn sich Leute im Buch dargestellt meinen, von denen ich gar nicht wußte, daß es sie gibt. Eine Uni-Professorin am Institut für Klassische Philologie hat sich durch die Darstellung meiner Institutsvorsteherin persönlich zutiefst getroffen und angegriffen gefühlt.
Offensichtlich habe ich bei dieser Dame alles ziemlich genau so beschrieben wie es ist. Hat einen Doppelnamen, trägt gern italienische Schuhe, und auch vom Alter und Aussehen her habe ich den Nagel auf den Kopf getroffen. War einerseits ein bißchen blöd, weil ich meinem Verlag klar machen mußte, daß ich die Dame wirklich nicht kenne, daß es nicht Absicht war. Aber es hat mich auch gefreut, du erfindest etwas, und dann gibt’s das wirklich. Mittlerweile hab ich mich mit der Dame schon ausgesöhnt, und sie hat das zweite Buch korrekturgelesen. Also, das heißt, sie haßt mich immer noch, und die Bücher haßt sie auch, aber das ist in der Hinsicht recht gut, weil sie sehr viele kritische und böse Fragen stellt, wo ich doch auf ein paar Fehler d’raufkomm, die ich sonst erst nach der Veröffentlichung sehen würde.

Wann ist die nächste Veröffentlichung?
Das nächste Buch ist gerade fertig geworden. Ich schätze, es geht sich aus, daß es nächsten September im Buchhandel zu finden sein wird. Es braucht noch ein bißchen Zeit, korrekturlesen und so, aber die eigentliche schriftstellerische Arbeit dazu ist abgeschlossen.

Noch etwas den Lesern zu sagen? Vermutlich liest ein großer Teil diese Zeitschrift nach zwei, drei Bieren in einer Bar.
Tja, in dem Fall möchte ich sagen, auf jeden Fall nicht zu viele Bier trinken und mit dem Fahrrad nach Hause fahren, jetzt wo es kalt wird.


Bücher:
Seelenschacher, Gmeiner Verlag, 2011. ISBN: 978-3-8392-1133-5
Papierkrieg, Gmeiner Varlag, 2010. ISBN: 978-3-8392-1054-3
 

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