Momma‘s man

Eine filmische Anleitung, wie man sich familiären, beruflichen und sonstigen Verpflichtungen mehr oder weniger erfolgreich entzieht. (USA 2008, Regie: Azazel Jacobs)

Mikey ist Mitte Dreißig, glücklich verheiratet und stolzer Vater, mit seiner Frau und seiner wenige Monate alten Tochter lebt er in Kalifornien. Als er geschäftlich in New York zu tun hat, nützt er die Gelegenheit, um ein paar Tage bei seinen Eltern in Manhattan zu verbringen, in der alten, mit wunderlichen Apparaten, seltsamen Büchern und selbst gebastelten Kunstwerken bis unter die Decke voll geräumten Wohnung, in der er auch seine Kindheit verbracht hat.

Die anregende und liebevolle Atmosphäre, die er vorfindet, veranlasst ihn dazu, seinen Rückflug in die kalifornische Wirklichkeit immer wieder zu verschieben, um aus alten Kisten seine Kindheitserinnerungen und Jugendillusionen hervorzukramen und alte Freunde zu besuchen. Zunächst beschwichtigt er seine Umgebung, vor allem aber seine in Kalifornien wartende Ehefrau mit an den Haaren herbeigezogenen Ausflüchten, doch schließlich fällt es ihm immer schwerer, die Vernachlässigung seiner Familie und seiner beruflichen Verpflichtungen zu rechtfertigen: In einer Art umgekehrter Entwicklung eines Schmetterlings zieht er sich immer mehr in der Vergangenheit und den verpassten Gelegenheiten seines Lebens zurück, verpuppt sich in der elterlichen Wohnung wie in einem Kokon, auch wenn der Druck der Verantwortung von allen Seiten wächst. Handlung und Besetzung des Films sind äußerst reduziert, fast möchte man sagen, auf das Wesentliche – die Geschichte entspinnt sich in unheimlich langen, sehr spärlich geschnittenen (und chronologisch gedrehten) Sequenzen. Seine außergewöhnliche Intensität bezieht er jedoch nicht zuletzt daraus, dass Regisseur und Drehbuchautor Azazel Jacobs seine leiblichen Eltern Flo und Ken Jacobs dazu überreden konnte, in ihrer eigenen Wohnung sich selbst zu spielen, wodurch jede Szene des Films eine durchaus spröde, aber dadurch umso berührendere Authentizität atmet.
Momma's man Filmszene Unterm Strich ist „Momma‘s man“ ein mit subtiler Komik und ungewöhnlichen Einstellungen überzeugender Film über das Erwachsenwerden und die damit verbundenen Verpflichtungen und Herausforderungen, ein sehr leiser, unaufgeregter Film, den man als einen der sympathischsten und komischsten der letzten Zeit wohl uneingeschränkt empfehlen kann. Sehenswert nicht nur für potentielle oder tatsächliche Realitäts- und/oder PflichtverweigererInnen, sondern für alle, die einmal jünger waren und nun älter sind.

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