Nach Wörter schnappen

Manchmal passiert es manchen Menschen, dass sie in ihrem Leben in einer Situation sind wo sie nach Luft und nach den passenden Wörtern gleichzeitig schnappen. Manchmal passiert das Kindern. Wie soll man denn nur davon erzählen ohne zu versagen? Zsusa Bánk kann das. Sie erzählt in ihrem Buch „der Schwimmer“ erschienen 2002, aus der Sicht eines kleinen Mädchens auf 367 Seiten, aufgeteilt auf 17 Kapiteln wie das ist erstickend sagen zu wollen was um sie passiert. Und sie will nicht nur, sie kann es auch.
Auf perlentaucher.de sind einige Rezensionen zu diesem Buch zu lesen die dieses Buch streifen. Keine Rezension kann diesem Buch gerecht werden, man muss es lesen. Es geht um dieselben Themen wie immer, um Liebe und Tod aber wie sie erzählt ist unglaublich. Die Handlung ist folgende: Die Mutter einer ungarischen Familie auf dem Land in den 60er Jahren verlässt ihren kleinen Sohn und ihre kleine Tochter um in den Westen zu fliehen. Das Buch ist nicht politisch, es ist völlig irrelevant wer wo welches politische System bevorzugt. Die kleine Tochter dieser Frau erzählt wie das ist wenn die Mutter sie verlässt und ihr Vater Haus und Hof mit ihnen verlässt um seinen Schmerz zu unterdrücken. Die drei ziehen durch Ungarn, zu anderen Familienangehörigen und besuchen sie. Kata, so heißt das kleine Mädchen das erzählt nimmt merkwürdiges wahr, ihr kleiner Bruder Isti wird merkwürdig, er erträgt den Verlust der Mutter nicht, noch weniger erträgt er dass sein Vater leidet wenn er ihn und seine Schwester sieht, sodass er anfängt alles zu fühlen, sein Schmerz ist so groß dass er sich vor Nichts schützen kann, nicht mehr filtern kann zwischen wichtigem und unwichtigem. Selbst wenn jemanden die Haare geschnitten werden, hört er den Aufschrei der abgeschnittenen Haare, er hört die Schneeflocken sprechen und hört das Blut der anderen Menschen fließen, liegt Nachts wach und man weiß nicht ob er mit offenen Augen schläft oder wachträumt dass er schläft. Jedes Mal wenn diese drei anfangen sich bei ihren Verwandten wohl zu fühlen, hat der Vater, Kalman, einen merkwürdigen Gesichtsausdruck der bedeuten soll, dass sie weiterziehen müssen, ohne Grund, nur weiterziehen, nirgendwo bleiben, nirgends Fuß fassen damit der Boden auf dem man angekommen ist nicht entzogen werden kann durch einen weiteren Verlust. Kata und Isti nennen diesen Ausdruck im Gesicht ihres Vaters, das sie zu lesen lernen „tauchen“. Er taucht wieder, das heißt er ist wieder dabei zu gehen und sie wieder zu entwurzeln. Auf jedem Hof wo sie verschiedene Verwandte besuchen, lernen die Kinder etwas dazu, einmal etwas über die Liebe, einmal über Betrug, einmal etwas über Leichtsinn usw.
Bis eines Tages die Kinder schwimmen lernen und Isti im See seine Leichtigkeit findet. Als sie wieder diesen See und diesen Hof verlassen müssen, bricht die Seele des kleinen Jungen endgültig, als ob seine Seele ertrinkt.
Man kann unsichtbares beschreiben, das ist beweisbar, einfach dieses Buch kaufen. Und ja, es ist ein Bestseller gewesen, es ist also kein Buch irgendeiner ach so alternativ geratenen Szene, nein- hier geht es um literarische Größe, egal wer dieses Buch vermarktet oder ob das merkwürdige Wort „mainstream“ auf dieses Buch zutrifft oder nicht, dieses Buch kann Seelenleben beschreiben, was eine große Leistung ist und für Menschen die sich für Erzählkunst ehrlich interessieren eine Entdeckung wert.

“Isti wusste nicht mehr, ob er schlief und träumte oder ob er wachte, und ich sollte es ihm sagen, aber wenn ich erklärte, du bist wach, wir reden doch, deine Augen sind offen, fing Isti an zu weinen und fragte, warum lügst du ich schlafe doch. Isti sah keine Gesichter mehr, er konnte sie nicht erkennen, erst wenn jemand anfing zu reden, konnte er auch dessen Gesicht sehen, und wenn ich ihn fragte, und mein Gesicht?, schüttelte Isti den Kopf.” (S.312.)

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