Netzwerkgeschichten

Was ein nicht mehr wegzudenkender Alltagsgegenstand mit Armut und Bürgerkriegen in Afrika zu tun hat.

Netze verbinden

Zugegeben, ein Handy ist schon was Praktisches. Vielleicht sind es gerade diese Dinger, die das soziale Leben in den 90er-Jahren am stärksten verändert haben. Das gesamte Leben lässt sich bei Weitem flexibler und einfacher gestalten. Ist mau zum Beispiel über drei Ecken zu einer tollen Party eingeladen, hat aber, weil das alles so kompliziert war, vergessen, die genaue Adres­se zu erfragen, dann genügt – wenn mau ori­en­­tierungslos an der U-Bahn-Station steht – ein Anruf und schon wird einem der Weg zum Ort des Geschehens bis ins letzte Detail erklärt. Steht mau dann vor der Haustür und bemerkt durch das schon freundlich und einladend auf die Straße dringende lustige Ge­lärme, dass es sehr wohl die richtige ist, aller­dings keine Ahnung von der Türnummer hat – wieder derselbe Lösungs­weg:

Handy raus, schnell anrufen und schon ist mau mitten drin im Getümmel! Kaum auszudenken, wie das für die traurigen Gestalten früher Generationen gewesen sein muss. Wohl oder übel hätten sie in solcher Situation betrübt den Heimweg antreten müssen, um daheim mit­­­tels des unseligen Festnetztelephons noch einmal größere Nachforschungen zu betreiben. Oder sie hätten unter größerem finanziellen Aufwand eine Telephonzelle aufsuchen müssen, wenn sie nicht gerade ihr Notizbuch mit al­len Telephonnummern, das sie immer mit rum­schleppen, irgendwo liegen gelassen haben. Be­stimmt wären dann alle Leute schon auf dem Weg zur Party und deshalb natürlich völlig un­erreichbar, und ein trauriger einsamer Abend stünde bevor.
Wie wir alle wissen, kann ein Handy ja sogar Leben retten! Wenn mau gerade unter einer La­wine begraben wird oder während einem Brand im Stiegenhaus im Lift eingeschlossen ist, wenn mau irgendwo im Dschungel von bösen Räubern ausgeraubt und lebendig ver­graben wird, wenn mau gerade einen 800er er­klommen hat und aus lauter Glückseligkeit in der Höhenluft den Rückweg nicht mehr findet, wenn mau freitagabends beim Besuch des Museums in wissenschaftlicher Verzückung in der Saurierabteilung den letzten Gong überhört hat und eingesperrt ohne Mobiltelephon nur auf den Hungertod warten könnte.
Wie viele einsame verzweifelte Seelen wurden wohl schon durch ein kleines nettes SMS aus trüben Selbstmordgedanken gerissen! Wie viele nette Teehausbesuche und Plauderstunden wur­­den wohl einfach so schnell während dem Ein­kaufen organisiert! Wie viele freudige Nach­­­richten über erfolgreiche Prüfungen und Be­werbungsgespräche, über komplikationslose Ge­­­burten und negative Aidstests, über schö­ne Erlebnisse, die mau gerade mit nie­man­dem teilen konnte, und über großartige Schnäpp­chen, bei denen mau sofort zu­schla­gen musste, wur­den wohl schon so auf schnellstem Wege und taufrisch verkündet!
Genug geschwärmt. Wir wissen ja ohnehin alle selbst, als wie wichtig und wertvoll sich unser bestes Teil für uns alle in jeder erdenklichen Situation schon erwiesen hat.

Netze töten

Tantal ist ein Metall mit extrem hoher Dichte, das aus Coltan gewonnen wird. Wegen seiner hohen Energie­dichte auf kleinstem Raum wird es vor­wiegend in Chips verwendet, die in Ge­räten eingebaut wer­den, die be­sonders klein und leicht sein sollen: bei Laptops, Handys, Spiel­­kon­­solen, aber auch bei me­dizinischen Ge­räten oder in der Raum­fahrt­technologie. Col­­tan wird des­halb als strate­gische Ressource eingestuft.
Ein Großteil des derzeit ver­ar­beiteten Coltans stammt aus Aus­tralien, die größten Vorräte liegen aber im Boden der D.R. Kongo, vormals Zaire, begraben. Von seinen Bodenschätzen her ist die Demokratische Republik Kongo wohl der reichste Staat Afrikas. Neben Coltan gibt es hier auch Diamanten, Erd­öl, Uran und Kupfer. Die größten Coltan-Vor­kommen gibt es ausgerechnet im Osten des Landes, in jener Region, die an der Grenze zu Uganda, Ruanda und Burundi liegt und die seit Jahrzehnten von verschiedenen Kon­flikten heimgesucht wird. Während hier ursprünglich vor allem Landwirtschaft betrieben wurde, ist heute die Ausbeutung der Rohstoffe die ein­zige Lebensgrundlage vieler – und leider ist diese Ausbeutung auch ein Motor für die in der Region schwelenden Konflikte. Verschiedenste militante Gruppen versuchen seit Jahren Kon­­­­trolle über Abbaugebiete auszuüben und dazuzugewinnen, um durch Exporte ihre Auseinandersetzungen zu finanzieren. Milizen, die Unterstützung aus Staaten wie Ruanda und Uganda bekommen, bringen die Rohstoffe an die Grenzen, die sie selbst kontrollieren, oder heben dort erfundene Zölle ein. Von den Nachbarstaaten aus wird dann nach Europa und anderswohin exportiert. (Die USA haben 2001 ein Importverbot für Col­tan aus Kongo, Uganda und Ruanda er­lassen, amerikanische Fir­men sind aber dennoch maßgeblich am Export des Metalls be­teiligt.)
Der Kampf um die Rohstoffe bewirkt, dass der Osten der D.R. Kongo ein gesetzloser Raum ist. Kriegsgefangene werden als Zwangs­­arbeiterInnen eingesetzt, Räuber­ban­den nehmen Coltan-SchürferInnen ihr gerade ver­dientes Geld wieder ab, Vergewaltigungen und andere Men­schen­rechtsverletzungen sind an der Tagesordnung. Die un­sichere Lage führt zu massiver Landflucht und un­kontrolliertem Wachstum der Städte.
Zwischen 1996 und 2002 sprach mau in der Region von Krieg, da da­mals auch die staatlichen Armeen von Ruanda und Uganda im Kongo ein­gefallen waren – hauptsächlich mit dem Ziel, Bodenschätze zu rauben. Ungefähr 3 Millionen Menschen kostete dieser Plünderfeldzug das Leben. 2002 wurde er offiziell durch Friedens­verträge zwischen der Regierung unter Joseph Kabila und den verschiedenen rebellischen Grup­pen im Osten beendet. Dass der Konflikt damit nicht gänzlich beigelegt war, zeigt eine von Amnesty International durchgeführte Schätzung der Todesopfer auf nahezu 4 Millionen zwischen 1998 und 2004.

Netze fesseln

2006 gab es in der Demokratischen Republik Kongo die ersten Wahlen seit 40 Jahren, bei denen sich Joseph Kabila, der zuvor bereits der Übergangsregierung vorstand, durch­­­setzen konnte. Viele der unzähligen Prä­sident­schafts­kandidaten, die zu einem guten Teil Warlords aus dem Osten des Landes waren, hatten zu diesem Zeitpunkt nach wie vor ihre Privatarmeen. Die Garde Spéciale de Sécurité Présidentielle, eine Elite-Einheit zum Schutz des Präsidenten mit 15.000 Angehörigen, wird allgemein als Kabilas eigene Truppe gesehen. Insgesamt gab es außer diesen 2006 nach wie vor circa 300.000 nichtstaatliche Kämpfer im Kongo.
Der Reichtum des Landes ist der Fluch der Be­völkerung. Solange kongolesisches Coltan in reicheren Weltregionen nachgefragt wird, kommt der Konflikt um die offiziell pri­vatisierten Roh­stoffvorkommen nicht zur Ruhe. Sollte es zu einem weltweiten Em­bargo für Coltan aus der Region kommen, wird der Bevölkerung im Osten des Landes ihre derzeitige Le­bensgrundlage ent­zogen.
Die EinwohnerInnen sind gefesselt in einem Netzwerk von Warlords, Waf­fen­händlern und westlichen Rohstoff-Abnehmern.
Erste Schritte zu Frieden und Sicherheit müssten wohl eine Ent­waffnung der Milizen, Stär­­kung der Gewerkschaf­ten, Ein­dämmung der Kor­ruption und Wieder­her­stellung der Staats­ge­walt inklusive Grenz­sicherung in der Kon­fliktregion um­fassen. Auch die Pri­vatisierung der Schürfrechte müsste wohl rückgängig ge­macht oder grundlegend neu verhandelt werden. Bergbaukonzessionen wur­den in den letzten Jahren von verschiedenen Gruppen oft mehrfach und zu Schleuderpreisen ver­geben. Derzeit versuchen nach wie vor ver­schiedenste Gruppen, sich ihren Einfluss in der roh­stoff­reichen Region zu sichern – oft auch mit Waf­fen­gewalt. Am bedeutendsten ist aber, wer die Exportwege kontrolliert. Dass der Handel über Ruanda und nicht über die Hauptstadt Kinshasa läuft, ist topografisch bedingt und kann vielleicht nicht so schnell geändert werden. Einer der Hauptgründe für das Andauern der militärischen Aus­einandersetzungen ist aber nicht das Zielland Ruanda, sondern das Faktum, dass nach wie vor von Milizen Zölle eingehoben werden, die der weiteren Militarisierung der Region dienen, und nicht staatliche ZöllnerInnen die Grenze kontrollieren.
Mag unkontrollierter Kapitalismus auch anders­wo Profite und Wohlstand erzeugen, hier hat er in den letzten Jahrzehnten nur anarchische Zu­stände bewirkt und in sozialer, ökonomischer und ökologischer Hinsicht eine Situation geschaffen, die kaum mehr rückgängig zu machen ist.

Quellen und Weiterführendes:
– Süddeutsche Zeitung vom 17.6. 2003
Amnesty International
Medico International
Fatal Transactions

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