Nietzsche, die antiken Philosophen und die Therapeuten

Wer sich für Nietzsche, den sprachgewaltig(st)en Philosophen des 19. Jahrhunderts, interessiert, der darf auch über seine Antikenkenntnis staunen und deren Aneignung durch die Psychotherapie …

Wohl kaum ein Philosoph ist einer so großen Allgemeinheit bekannt wie Friedrich Nietzsche. Woran das liegt? Nietzsche brilliert sprachlich und ist inhaltlich äußerst wagemutig. Sein Ausruf „Gott ist tot!“ lässt ihn als Kritiker der Religion, allgemeiner: der unfrei machenden Systeme, erscheinen. Jahrzehnte später findet seine befreien wollende These Eingang ins Liedgut von Konstantin Wecker, der da summt: „Nur die Götter gehen zugrunde, wenn wir endlich gottlos sind.“ So einfach ist die Sache bei Nietzsche freilich nicht, allein die Selbstbestimmung, die radikale Selbstaneignung des Lebens ist beiden Kündern gemeinsames Ziel.

Nietzsches (therapeutische) Vorbilder
Der philosophisch beschlagene Leser weiß, dass viele Kritikpunkte, die Nietzsche pointiert anbringt, „alte Hüte“ sind und in der Philosophiegeschichte meist weniger greifbar aufgeschrieben, aber zumindest doch angedacht wurden. Hier ließe sich Norman Whiteheads geflügeltes Wort, wonach die Philosophiegeschichte eine einzige Fußnote zu Plato sei, anfügen, wenn – ja wenn man so nicht gerade einen Feind Nietzsches zu dessen Ideenquell machte. Nietzsche mag diesen Idealisten, diesen geschlossene Systeme errichtenden Geist nicht. Er beruft sich auf den dunklen Heraklit, der mit seinen Aussprüchen die unvereinbaren Gegensätze unserer Existenz thematisiert. Dieser ahne weitaus mehr als Plato und seine (später christlichen moralschwangeren) Schüler. Aber nicht nur Heraklit, sondern auch die Skeptiker und die Existenzialisten der Frühzeit sprachen Nietzsche an.

Epikureer und Stoiker in Nietzsches Optik
Nietzsche sympathisierte mit Epikur, der in seinem lebensklugen Modell darauf achtete, dass nicht die Umwelt mit ihren Anforderungen den Menschen beherrscht. Lieber solle man sich aus den belastenden Situationen zurückziehen und lustbesetzte ökologische Nischen suchen. Diese Hedonismuskonzeption brachte den Epikureern oft hämische Kritik ein, von asozialen „Schweinchen im Garten des Epikurs“ war da die Rede. Allein betrachtet man die salutogene Komponente dieses Lebensraums, so stellt sich heute mit individualistischer Selbstverständlichkeit die Frage: „Warum sollte man nicht sein Heil über das der (vom eigenen Unheil womöglich mehr profitierenden) Gemeinschaft stellen?“
Genau den gegenteiligen Ansatz verfolgten die Stoiker: Ihnen ging es um eine leidlose Anpassung des Individuums an den Gemeinschaftsverband. Damals wie heute blieben die Zeitgenossen und Zeitumstände unsichere Variablen im eigenen Lebensplan – es schadet also nie, ein „worst case scenario“ zu generieren. „Was mich nicht umbringt, macht mich nur härter“, sollte Nietzsche später einmal sagen – die Stoiker hätten zugestimmt, Abhärten und Abwägen (was ist gut, übel, gleichgültig?) waren deren Heilswege zum Glück. „Aber ist das noch Glück?“, will Nietzsche wissen: Was hat ein empfindungslos und gleichgültig gewordener Mensch noch vom Leben? Freilich, jedes (neue) Leid prallt ab; Heinz Erhardt besang also mit „Das kann doch unseren Willy nicht erschüttern …“ ungewusst ein stoisches Ideal. Doch das als Dauerzustand?

Der Stoiker – Angstüberwinder oder gezüchteter Depressiver?
Will man provozieren, so sieht man in der intendierten Affektlosigkeit der Stoiker eine krankheitswertige Störung. Die Depression wird gern als „die Krankheit der …losigkeit“ bezeichnet. Nietzsche kritisiert gerade diese Abstumpfung der Stoiker (zur Vermeidung von Seelenunruhe) gegen Außenreize: Sinnliche Stimuli müssen wir dankbar annehmen und nicht gleich wegfiltern. Nur durch Rezeption wird unser Leben reich – wider den ewigen Gleichklang. Also ganz und gar weg mit den Ideen der Stoiker? Nein, auch Nietzsche anerkennt andere Anteile dieses Systems, das Angstfreiheit schafft. Dies bewundern viele psychotherapeutische Schulen, v.a. die Verhaltenstherapie, die sich regelrecht auf Epiktet stürzt und seinen Ausspruch: „Es sind nicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen über die Dinge, die uns beunruhigen.“ unablässig zitiert.

Gefahren synkretischer Denkungsart
Hier begegnen wir einer Besonderheit des früher vorherrschenden „philosophischen Selbstverständnisses“. In unserer Zeit ist individueller Synkretismus (also der uns zuträglich erscheinende Zusammenbau diverser Systemfragmente unterschiedlicher Gedankenherkunft) selbstverständliche Praxis. Damals war es aber unredlich, nur Systemteile zu entnehmen und den Rest unkommentiert stehen zu lassen. Dieser synkretischen Praxis bedient sich unserer Tage auch die Psychotherapie. Bedenklicher wird diese Tatsache noch durch eine absichtslose Herkunftsverschleierung bzw. mangelnde Quellen- und Rezeptionsforschung. So berufen sich zum Beispiel einige Schriften der Existenzanalytiker (besonders Irvin Yalom, bekannt u.a. durch „Und Nietzsche weinte“) auf Nietzsche und greifen über ihn auch auf ältere, antike Denker zurück. Diese werden aber oft in der Bewertung durch Nietzsche wahrgenommen und bei Tauglichkeit ins eigene Konzept integriert. Fehlerhafte Wahrnehmungen/übereifrige Einpassungen machen dann aus philosophischen Gebäuden exemplarische Heils- oder Krankheitsfall-Geschichten. Dies kann durch eine möglichst umfassende Beforschung der Art philosophischer Theorieaneignung, die die psychotherapeutischen Schulen (immer schon) vornahmen, verhindert werden.

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