Ode an die Genügsamkeit

Die Welt ist gut und das Leben ist schön – trotz Rosmarin.

„Gott sah, dass es gut war.“ ­– das klingt selbst für den zufriedensten Lebefroh ein bisschen optimistisch. Kann man sich mit dieser Welt wirklich zufrieden geben? Ist denn die Welt, so wie sie Gott erschaffen hat, seiner überhaupt würdig? Dazu ein kleiner Vergleich mit dem runden Leder: Unzählige Möchtegern-Teamchef_innen können stets mit einer vermeintlich besseren Aufstellung aufwarten, als sie der wahrhaftige [Teamchef] zustande bringt. Es gibt jedoch nur einen Teamchef, und dieser grübelt endlos lange darüber, wie er aus einem Pool aus verschmähten Taugenichtsen das Beste herausholen kann (und wenn schon nicht das Beste, dann wenigstens das Richtige). Er handelt kraft seines Amtes immerzu nach bestem Wissen und Gewissen – und der Welten Lohn? Undank.

Das Leben ist kein Kräutergarten

Zugegeben, es gibt da schon Unterschiede. Ein Teamchef mag zwar noch so gut und weise handeln, so ist er doch in seiner Macht begrenzt – eben kein Gott, dem man gemeinhin Güte, Weisheit und Allmacht zuschreibt, und das jeweils in vollkommenem Ausmaß. Angesichts dieser Eigenschaften sollte die Welt eigentlich nicht unbedingt von schlechten Eltern sein. Aber warum um Gottes Willen gibt es dann bitteschön Rosmarin? Jemand, der_die dieses ekelerregende Kraut erschaffen hat, kann doch bei Gott nicht gütig sein. Wenn doch, hat es ihm_ihr vielleicht an schöpferischer Macht gefehlt, um zu verhindern, dass dieses Un-Kraut Übel verbreitet. Oder hat sich jenes abscheuliche Gewürz möglicherweise klammheimlich eingeschlichen, während das nichts ahnende Schöpferwesen ein kleines Nickerchen zwischendurch einlegte? Ohne jetzt gleich Ketzerei betreiben zu wollen: Es gibt da anscheinend ein kleines Problem. Wenn Gott vollkommen – also zugleich gütig, allwissend und allmächtig – ist, warum ist dann die Welt nicht unbedingt so, wie man sich das wünschen mag?

Gott kann auch nichts dafür

Viele haben sich an diesem „Theodizeeproblem“ die Zähne ausgebissen. Ganze 20 Beißerchen dürfte Gottfried Wilhelm Leibniz dabei verloren haben, sofern er 32 hatte (und wer, wenn nicht er, hatte Weisheitszähne?). Nein, es geht natürlich nicht um Butterkeks, sondern um einen begnadeten Denker der frühen Neuzeit, der sich das mit dem Rosmarin genau durch den Kopf gehen ließ. Nach reiflicher Überlegung stieß er auf drei Grundübel: das (metaphysische) Übel der Unvollkommenheit, das (physische) Übel des Leidens und das (moralische) Übel des Bösen. Wer jetzt denkt, er hätte mit dieser erdrückenden Beweislast Anklage gegen den erhoben, der selbst über alles richtet, liegt falsch. Ganz im Gegenteil, Gott hat laut Leibniz von allen möglichen Welten die beste erschaffen – er konnte nämlich gar nicht anders, denn wer Schlechteres als das Beste schafft, kann nicht vollkommen sein. Somit war Gott also regelrecht gezwungen dazu, diese Welt so zu schaffen, wie sie ist. Seine Kritiker_innen, die sich anscheinend andauernd bei jemandem beschweren, der gar nichts dafür kann, mögen sofort den nächstgelegenen Beichtstuhl aufsuchen.

Gute Gewürze

Womit allerdings die Frage noch nicht beantwortet wäre, warum sich denn in dieser besten Welt ein paar unangenehme Dinge (zur Erinnerung: Rosmarin) eingeschlichen haben. Leibniz betont einerseits die Konsequenz des Leids, das immerzu einem bestimmten (guten) Zweck dienen soll (muss es ja wohl, denn ansonsten hätte Gott keinen Grund dafür, und Gott macht keine Sachen ohne guten Grund – nur für uns sind die Gründe halt unergründlich). Darunter fällt für viele auch die pädagogische Funktion des Leides: Weil uns der liebe Gott so gern hat, straft er uns gemäß seines unergründlichen Willens mit Leid in Form von Krankheiten und Naturkatastrophen ab. Und das Böse ist nun mal generell der Preis für die Freiheit, die uns Gott geschenkt hat. Sittlich bewähren kann sich ja nur, wer die Freiheit hat, zwischen Gutem (Majoran) und Schlechtem (Rosmarin) zu wählen, um sich sodann in freien Stücken für das Gute (Majoran) zu entscheiden. Zuwiderhandeln steht dann meist mit dem bereits besprochenen Leid in Verbindung – womit sich der Kreis wieder schließt. Also gehet hin, wählet und leidet.

Menschlich betrachtet

Natürlich ist die Welt die beste – sie ist die einzige. Wählen dürfen wir zwar, aber auch nur zwischen Pest und Cholera; und was gut oder böse ist, ist sowieso Ansichtssache. Auch die Rechtfertigung, dass für uns Gottes gute Gründe hinter den irdischen Unannehmlichkeiten nicht einsichtig wären, hat doch irgendwie den Anschein einer Ausrede. Aber andererseits: Muss denn Gott für alles Gründe haben? Muss er immer das Beste aus allem machen? Samma uns doch ehrlich: Wir verlangen zu viel. Allmächtig soll er sein, alles soll er wissen, unendlich gütig soll er sein, und noch dazu in allem perfekt. Und das täglich! Man möge sich einmal vorstellen, welch immenser Druck auf so jemandem lasten mag, der sich nicht den kleinsten Fehler erlauben darf, und der es gleichzeitig immer jeder und jedem recht machen muss – die reinste Hölle ist das! Gott kann einem irgendwie richtig leid tun. Amen, ich sage euch: Viele mögen meinen, er habe vielleicht eine Scheißwelt erschaffen und beim Schöpfen richtig Mist gebaut, aber selbst wenn, dann hat er es zumindest gut gemeint. Dafür, dass er das zum ersten Mal gemacht hat, ist es doch eigentlich ziemlich passabel geworden, immerhin hätte es weit schlimmer kommen können. So mag es zwar Rosmarin geben, aber hey – es gibt auch Majoran!

Andere Welten kochen auch nur mit Wasser

Den besten Seelenklempner findet man im Vergleich. Es gibt immerzu Schlimmeres, es gibt neben Schlechtem immer auch Gutes, ja sogar das Gute am Schlechten. Und es gibt immer jemanden, der_die schlechter dran ist als man selbst. Mit der Welt insgesamt, so wie sie ist, schaut das aber wiederum anders aus. Es gibt nur die eine, sie ist – wenn man es mit Wittgenstein sagen möchte – alles, was der Fall ist. Es mag verlockend sein, die Welt mit allem möglichen zu vergleichen, was nicht der Fall ist, was also alles möglich gewesen wäre, wäre es nur anders gekommen – einer Art Sammelsurium an Welten der verpassten Möglichkeiten. In einer dieser Welten hat der Verfasser nämlich soeben im Lotto gewonnen, gestern seinen künftigen Lebensmenschen kennengelernt, und vorgestern unter heldenhaftem Einsatz jemandem das Leben gerettet … um schließlich aufzuwachen und zu merken, dass nicht die Krone über ihn, sondern er über eine Belanglosigkeit geschrieben hat, die eher apathisches Desinteresse als sensationslüsterne Erregung auslösen wird. Doch nein, jetzt kommt kein herzhaftes Seufzen, das von der unmittelbaren Trostlosigkeit des irdischen Daseins bezeugt! Optimismus ist Pflicht, wenn wir es mit Karl Popper halten. Selbst der Vergleich mit dem vermeintlich Besseren birgt Trostpotential: Immerhin gibt es wahrscheinlich auch in der zuvor erwähnten Traumwelt dieses immens ekelhafte Rosmarin. Und wovon soll man in einer Welt noch träumen, in der das Erträumte Daseinscharakter erlangt hat und damit das „Hach, wie schön wäre es, wenn …“ zur Sinnlosigkeit degradiert? Nein danke – da bleibt man gerne bei dem, was der Fall ist, denn das Schöne an der „Hättegern-Möglichkeit“ ist ja gerade, dass sie nicht wirklich ist. Womit wir wieder bei Leibniz wären: Eine mögliche und vermeintlich perfekte Welt wäre als wirkliche eben gar nicht mehr so gut, weshalb der Herrgott auch nach sorgfältiger Überlegung die vorliegende präferiert hat. Ein herzliches Dankeschön!

Gegessen wird, was auf den Tisch kommt

Man könnte jetzt noch darüber sinnieren, warum denn Gott nicht die beste aller unmöglichen Welten geschaffen hat, da es sicher weit mehr unmögliche als mögliche Welten gibt (womöglich unendlich viele). Das würde allerdings dann doch ein bisserl zu weit gehen. Bleiben wir bei dem, was Sache ist, und bedienen wir uns der Ausdruckskraft der Tautologie mit einem zufriedenen „Was man hat, das hat man“. Frohlocken wir nicht nur angesichts der Tatsache, dass das Faktische nicht schlechter ist, als es ist (no na), sondern freuen wir uns auch darüber, dass es nicht besser ist, als es ist. Die einfachsten Dinge schätzt man gerade unter suboptimalen Bedingungen (Man denke nur an ein Glas Wasser an einem unmenschlich verkaterten Morgen!). Machen wir konsequenterweise die beste aller möglichen Welten zu einer Nichtraunzerzone. Geben wir uns endlich einmal mit dem zufrieden, was wir haben. Denn wie sagte schon Sokrates: „Wie zahlreich sind doch die Dinge, derer ich nicht bedarf.“ – Rosmarin zum Beispiel …

Anm.: Die Redaktion distanziert sich von den kulinarischen Ansichten des Verfassers.

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