Passion and Aggression – the Bollywood-Experience

filmistan Vor kurzem erhielt ich Gelegenheit, mit einem Orchester an den Dreharbeiten zu einem Hindifilm teilzunehmen – und zwar vor Ort: in Bollywood. Diese Erfahrung gilt es zu teilen.

Feuchtwarme Luft schlägt uns entgegen, als wir das Flughafengebäude verlassen. Gegen den Nachthimmel zeichnen sich Palmenkronen ab, in den Pfützen des regennassen Asphalts spiegelt sich ein leuchtendes Schild: „Welcome to Mumbai“. Das Abenteuer kann beginnen!
Bepackt mit Instrumenten und Gepäck waten wir durch den Teich, der sich auf der Straße gebildet hat. Im Bus schlägt uns eisige Kälte entgegen: der Fahrer will uns offenbar mit seiner Klimaanlage beeindrucken. Fröstelnd lassen wir uns auf den feuchten Sitzen nieder, und während der Fahrt durch die Stadt zum Hotel sammeln wir erste Eindrücke.

Natürlich dauert alles viel länger als geplant – aber das ist in Indien kein Anlass für Beanstandung, wie sich in den nächsten Tagen zeigen wird.

Erster Akt

Am Morgen kämpft sich unser Bus, beladen mit einem Haufen verschlafener Europäer, durch das morgendliche Mumbaier Verkehrschaos. Wir treffen an jener Stätte ein, an welcher der Stoff für indische Träume gewirkt wird: das Filmistan-Studio von Bollywood. Außer dem Studio befindet sich auf dem Areal ein beachtlicher Schrotthaufen nebst streunenden Hunden und Katzen; bei Regen kann man zudem einen Bach bewundern, der sich, Geruch und Aussehen zufolge, zu einem großen Teil aus Dreck und wohl auch ein wenig Regenwasser zusammensetzt. Welche Untiefen dieses ohne Zweifel nicht ungefährliche Gewässer birgt, wagt niemand zu erkunden. Mitten in dieser Brühe, zwischen Studio und dem, was man als Garderobe bezeichnen könnte, steht ein gelber Bus. Als sich herausstellt, dass es sich bei diesem um das WC handelt, beschleicht mich ein übler Verdacht. Zum Glück sind armdicke Bretter verlegt, welche eine Überquerung halbwegs trockenen Fußes ermöglichen. Wir werden ins rechte der beiden gegenüberliegenden Gebäude gebeten, wo wir drei mit Vorhängen unterteilte „Räume“ vorfinden.
Wir werden von indischen Bügelmännern begrüßt und mit Kleidung und Schuhen ausgestattet. Im nächsten Raum befindet sich einen Reihe von Schminkspiegeln, wie man sie aus dem Fernsehen kennt – umrahmt mit hell leuchtenden Lichterketten. Ich stolpere und stelle fest, dass der Boden zahlreiche Unebenheiten aufweist, die geschickt mit einem Teppich getarnt sind. Wir lernen den Chef der Maskenbildner kennen – einen exzentrischen, ganz offensichtlich schwulen Inder, der sich „Edwin“ nennt und hellblaue Kontaktlinsen trägt; diese verrutschen ständig, wodurch der Gute mitunter etwas debil wirkt. Er ist aber ein total netter Kerl und beschenkt uns mit Bindis und Lidschatten. Ich nehme auf einem verblichenem Plastik-Gartensessel Platz, und ein kunstfertiger Visagist macht sich an meinem Gesicht zu schaffen. Nach knapp zehn Minuten ist er fertig. Mein Spiegelbild starrt mich aus gründlich mit schwarzer Schminke umrahmten Augen an – ich sehe aus, als würde ich einem wenig namhaften Gewerbe nachgehen. Vor dem Spiegel klimpere ich mit meinen ge­tuschten Wimpern und versuche einen dramatischen Augenaufschlag: er gelingt! Ich beschließe, dass mir die Schminke gefällt und zücke meinen Fotoapparat für ein Selbstporträt.

Wenig später stehen mir buchstäblich die Haare zu Berge. Ich befinde mich in den Händen einer unaufhörlich mit ihren Kolleginnen schwatzenden Friseurin – wie wohl die Verständigung erfolgt, frage ich mich, da alle immer gleichzeitig zu sprechen scheinen. Daneben werden eifrig Haarspray und Kämme untereinander ausgetauscht, welche zwischendurch kurzerhand in den eigenen Zopf gesteckt werden, um die Hände frei zu haben. Während das Mädel (um die 40) mein Haar mithilfe eines lausigen Haarteils auf gefühlte 30 cm auftürmt, weiten sich meine schön angemalten Augen mehr und mehr mit Entsetzen – was wiederum ganz hübsch aussieht. Gekonnt hebt die Friseurin meine hohe Stirn hervor, indem sie meine heiß geliebten Stirnfransen nach hinten kämmt. Meine Haare reagieren indes bereits auf die hohe Luftfeuchtigkeit und beginnen, sich auf höchst unvorteilhafte Weise einzuringeln. Innerlich weine ich bitterlich und stelle mir vor, wie sich Millionen indischer Kinobesuchern über meine exponierten Geheimratsecken amüsieren.
Den grauenhaften Frisuren und unglücklichen Gesichtern meiner Mitstreiterinnen nach zu urteilen dürfte es ihnen ähnlich gehen. Unsere Burschen haben mehr Glück, ihnen werden harmlose Schleimer-Gel-Frisuren verpasst. Angetan mit spießigen Kostümen, die Männer mit weißen Rüschenhemden und Sakko, begeben wir uns schließlich ins Studio. Die Tür sieht aus wie selbst gezimmert und schließt auch nicht richtig, aber immerhin wird sie für uns von einem extra fürs Türaufmachen dorthin platzierten Inder geöffnet. Vorbei an riesigen gelben Schläuchen – die Klimaanlage – und Holzgerüsten gelangen wir zum Set.

Zweiter Akt

filmistan-innen Kitschige Säulen umsäumen eine mannshohe, stufenförmige Tribüne, im Hintergrund dräuen grauweiße Gewitterwolken, die für hübsche Licht­effekte sorgen. Dies ist unser Arbeitsplatz, an dem wir in den drei Drehtagen zig Stunden verbringen. Da in Indien alles immer länger dauert, sitzen wir zwischen den Takes untätig herum, mitunter bis zu einer Stunde (das Zeitmaß lässt sich ungefähr so umrechnen: 10 min = 1 h, 1 h = 3 h; so verlängerte sich auch die angekündigte Zeit am Set von 8 auf 13 h pro Tag). In den Drehpausen herrscht geschäftiges Treiben am Set: Stühle werden verrückt (wir auch …), Instrumente getauscht, es wird gehämmert, gesägt, der Boden geputzt, die Bühne neu angestrichen; drahtige Inder klettern über unseren Köpfen herum und nageln Leuchten fest, während drei Leute gleich­zeitig in Mikrofone brüllen, was zu markerschütternden Rückkoppelungen führt. Knapp über unseren turmhohen Frisuren werden waghalsige Manöver mit dem Kamerakran geübt, der nur von einem Mann hochgehalten wird. Dazwischen tropft es manchmal durch die Decke – schließlich haben wir Monsun.
Während meine rechte Nachbarin gelangweilt auf ihrer Bratsche herumkratzt, betrachte ich traurig mein „Instrument“. Das Cello, das man mir gegeben hat, ist mit Kontrabass-Saiten be­spannt und der dazugehörige Geigenbogen bringt keinen Ton aus dem Ding raus – nicht einmal Kolophonium hilft. Die Kollegin links ist auch nicht besser dran: als sie versucht, aus Langeweile ihr ohnehin unspielbares Cello zu stimmen, fliegen Steg und Saitenhalter mit einem höhnischen „Plopp“ in hohem Bogen von der Bühne. Die Inder reagieren beleidigt und erläutern uns, dass wir ihre wertvollen Instrumente nicht kaputt machen dürfen. Wir lassen unserer Empörung über die crap instruments freien Lauf und be­schimpfen lautstark unschuldige Leute, die eilfertig um uns herumwuseln.

Endlich bemüht sich der Star der Szene auf die Bühne. Schauspielerin Keke soll das Cello-Solo spielen. Natürlich hat das Mädel keine Ahnung, wie das geht, also müssen wir ihr es zeigen. Auf dem einzigen halbwegs funktionierenden Instrument lasse ich die Cello-Sau raus und führe mich auf wie die größte Solistin. Nebenbei gebe ich ungefragt meine Expertise über die Qualität des Instruments ab, was Keke sichtlich indigniert und dazu veranlasst, sich beim Regisseur über das Cello zu beschweren. Schließlich wird mir sogar die Ehre zuteil, die berühmte Schönheit anzufassen, um ihr die Kunst der Bogenführung näher zu bringen. Zwischendurch kommt ein Dienst­bote und hält ihr das Handy ans Ohr. Keke teilt mir mit, dass sie wohl eher der „dreamy type“ sei, und tatsächlich lächelt sie beim Dreh gekonnt in die Kamera, während sie unbeholfen auf den Saiten herumtapst und mit dem Bogen herumfuchtelt. Natürlich hat sie ein wunderschönes Kleid an, welches auf keinen Fall fotografiert werden darf – es versteht sich von selbst, dass wir uns an die strenge Auflage halten! Fotogra­fiert wird daher allenfalls heimlich.
Der zweite Star, ein gewisser Salman K., kommt mit Gelfrisur auf die Bühne. Er zündet sich eine Zigarette an (bei Geldstrafe verboten!) und schnippt­ sie, cool wie er ist, achtlos auf den Boden. Beim Dreh wirft er sich in ergreifende Posen und ballt die Fäuste. Das Personal klatscht begeistert, während die Europäer je nach aktueller Stimmungslage in unkontrolliertes Kichern und lautstarke Schimpftiraden ausbrechen. Weniger lustig finden wir es, als sich der Typ vor ver­sammeltem Orchester eine geschlagene Stunde lang weigert, sich für die Szene eine Kappe aufzusetzen. Ein anderer Star tritt auf, absolviert einen dreiminütigen Dreh (europäische Zeitmessung), indem er die Fäuste ballt und wehmütig dreinschau. Schließlich ist es ihm genug und er rauscht­ von der Bühne – die in Erfurcht erstarrte Menge quittiert seinen Abgang mit Applaus.
Bei einer anderen Szene, die ich selbst boykottiere (I’m not playing on this shit instrument!), werden glühende Kohlen vor einen Ventilator gehalten, um auf diese Weise stimmungsvollen Rauch zu erzeugen. Das Zeug kratzt derart in der Kehle, dass eine Violinistin aufspringt und fluchtartig die Bühne verlässt, da ihr das Linsengericht vom Mittagessen hochkommt.

Zwischenspiel

In den mitunter stundenlangen Pausen, die wir am Set verbringen, wird für unser leibliches Wohl gesorgt. Die Kaffeeburschen, meist spindeldürre dunkelhäutige Analphabeten, rennen meilenweit, um einen mit einem winzigen Tässchen heißen Kaffees zu versorgen. Als einige von uns beginnen, österreichisches Volksliedgut darzubieten, be­äugen uns die anwesenden Kaffee- und Essensausteiler misstrauisch. Dem Re­gisseur gefällt’s, er nickt wohlwollend und klatscht in seine Hände.
Von einer gesprächigen Halb­britin, deren Hobby es offenbar ist, in Hindi-Filmen mitzuwirken und die sich als einzige traute, die räudige Straßenkatze zu streicheln, erfahren wir allerhand Details aus dem Privatleben der Stars. Ab diesem Zeitpunkt ist der Klatsch nicht mehr aufzuhalten, und wir vertreiben uns die Zeit, indem wir uns über die neuesten Entwicklungen ausführlich das Maul zerreißen.

geschminkt Letzter Akt

Zwischendurch wird einem in diesem Treiben immer wieder die Absurdität der Situation bewusst. Immerhin wird da für ein paar Minuten Film ein österreichisches Orchester eingeflogen. Mitunter stimmt mich nachdenklich, dass diese Erfahrung entscheidend mein Bild von Indien prägen wird. Aber unterscheidet sich der Alltag außerhalb Filmistans so sehr von jenem? Bollywood, das ist Chaos und Umständ­lichkeit; ein Nebeneinander und Zusammenwirken unterschiedlicher Gesellschaftsschichten. Daneben verwundern Selbstbewusstsein, Professionalität und Ehrgeiz der Inder sowie ihre Findigkeit und der Gleichmut im Umgang mit Problemen. Nicht zuletzt fasziniert die Fähigkeit, trotz widrigster Umstände hohe Standards in dieser einzigartigen Bruchbude zu setzen.

PS: Wer den Film zufällig sieht, wird auch den Titel dieses Beitrags besser verstehen!

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