Phantom auf Wellen: die Galeere

Wieder ein Mythos schonungslos enttarnt. Und: Vorsicht beim Schwimmen.

„Galee’e an Steue’bo’d!“ meldet der Ausguck dem Piratenkapitän auf Seite 34 von Asterix als Legionär, irgendwo zwischen Marseille und Tunis. Schlechter Erfahrungen wegen läßt sich der Käpt’n nochmals versichern, daß es sich um eine römische handelt, garantiert frei von Galliern; schon auf der nächsten Seite sieht er sich enttäuscht, denn Flaggen und Uniformen waren selbst in der heilen Comicwelt um 50 v. Chr. nur trügerische Hüllen. Doppelbödig ist aber auch der Begriff der Galeere als solcher. Denn streng genommen konnte es auf dem Mittelmeer, das die braven Seeräuber befuhren, weder römische noch gallische Galeeren gegeben haben, sondern höchstens – aber davon später.

Nicht nur, daß das Wort „Galeere“ erst im ausgehenden 13. Jahrhundert n. Chr. auftaucht und erst in der Neuzeit rückwirkend auf die antiken Biremen, Trieren, Quinqueremen und wer weiß was noch übertragen wurde – unsaubererweise, denn was König Karl I. von Anjou 1275 in einer Bauanweisung als Kriegsgaleere beschreibt, sieht den klassischen Vorbildern bis auf die Größe nicht sehr ähnlich. Nein, die Galeere, wenn wir sie durch unsere Köpfe driften lassen, weist Dimensionen auf, die weit über das Schiffsbauliche hinausreichen.

Ein Trauma des Abendlandes –

Den wenigsten Menschen sagt wohl der Ausdruck „Galeere“ einfach „Ruderschiff mit zusätzlichem Segel und Rammsporn am Bug“, sondern das geistige Auge versinkt sofort im Schiffskörper und haftet an den Ruderbänken. Was es dort sieht, sind schwerlich Berufsmatrosen, die für das Betätigen der Ruder bezahlt werden, sondern Wesen am Rande dessen, was gerade noch menschliches Leben ist: Sklaven, Kapitalverbrecher und Kriegsgefangene, in Ketten geschmiedet, auf die Funktion des Schiffsantriebs reduziert, kurzlebig und austauschbar; zu ihren Arbeitsbedingungen gehören Peitschenhiebe, mangelhafte Ernährung, extremer Platzmangel und keinerlei Hygiene. Davon wissen wir alle, schließlich haben wir Ben Hur gesehen. Und selbst zwischen den Asterix-Seiten lauern die Angeketteten und die Peitsche.
Tatsächlich konnten Menschen einst in diese grimmige Lebenslage geraten – sagen wir, ab der Mitte des 16. Jahrhunderts. Etwa fiel der osmanische Admiral Turgut Reis 1540 an der Westküste Korsikas in die Hände der genuesischen Marine (im Alter von 55 Jahren!) und mußte daraufhin vier Jahre eine Galeere rudern, ehe er gegen Kaution freikam und seine illustre Laufbahn noch zwanzig Jahre fortsetzte. An der Tagesordnung waren solche Schicksale aber nicht – wenn, trafen sie meist politische Feinde und „Ungläubige“.
Die Galeere als Mittel des Strafvollzugs, auch für den Landsmann und mitten im Frieden, erfanden aber die Franzosen. Nach einem Erlaß Karls IX. von Frankreich (1564) durfte ein Sträfling nicht zu weniger als zehn Jahren Galeere verurteilt werden – das war kaum zu überleben, und nicht selten „vergaß“ man einfach, die Bestraften nach der langen Zeit wirklich aus ihren Ketten zu lösen. Ludwig XIV. schließlich empfahl allen Gerichten, im Zweifelsfall auf die Galeerenstrafe zu erkennen, und ersetzte damit in seinem Reich de facto die Todesstrafe durch die Galeere. Der Zweck? Frische Antriebskräfte für die Kriegsflotte!

– die schwimmenden Kerker

Nicht, daß Galeeren als Kriegsschiffe damals noch eine große Rolle spielten. Denn der Niedergang der Galeere begann kurz nach ihrem Aufstieg: Bereits 1304 stiegen dänische Seesoldaten auf die wendigere und geräumigere Kogge um, und die letzte Seeschlacht, bei der Galeeren eine entscheidende Rolle spielten, schlug man 1571 bei Lepanto. Danach führten sie immer mehr ein Schattendasein; zuletzt lagen sie meist nur noch als schwimmendes Gefängnis vor Anker, in ehemaligen Militärhäfen wie Toulon, Rochefort und Brest. Die Sträflinge saßen teils in den Schiffen, teils in Ufergefängnissen (Bagno genannt, weil einem darin bei Flut das Wasser bis zum Hals stehen konnte) und wurden zu Zwangsarbeiten herangezogen, aber eher selten zum Rudern. In dieser Eigenschaft überdauerte die Galeere selbst die Revolution und Napoleon; zweifelhafte Charaktere in Dumas’ Graf von Monte Christo befürchten noch 1838, man könnte sie „zum Seeluft schnappen nach Toulon“ schicken – nicht vielleicht für Mord, für Urkundenfälschung.
Wer staunt da, wenn die Galeere als Androhung des ultimativen Freiheitsverlusts den Franzosen in den Knochen steckt? Im Gegensatz etwa zum Fliegenden Holländer, der zuerst zur See fuhr und nachher zu spuken begann – das normale Verhalten eines Gespenstes, auch wenn es ein Schiff ist — geistert sie durch historische Epochen, die sich von ihrer künftigen Existenz nichts hätten träumen lassen. Und so kann Troubadix (geistiges Kind zweier Franzosen) den Ruderern auf dem Weg nach Rom, die seinen Gesang unmenschlicher finden als die Peitsche, entrüstet zurufen: „Ihr werdet euer Leben noch alle auf Galee… na, ihr seid ohnedies schon drauf!“ (Asterix als Gladiator, Seite 12) Er benutzt nicht mehr als eine Redensart. Und Lew Wallace wollte mit Ben Hur: A Tale of the Christ 1880 ohnehin nur einen Roman über Jesus schreiben – dabei brauchten ihn Geschichtstatsachen per definitionem nicht zu kümmern.

Staatsquallen (Siphonophora)

Unserer humanen Gegenwart bedeutet die Galeere nichts mehr weiter als ein gruseliges Stück Seemanns- und Gefängnisromantik, eine farbig schillernde Blase auf dem Salzmeer. – Hat jemand Blase gesagt? Halt, da schwimmt sowas. Besser nicht anfassen.
Eine einzige Nation gibt es, die heute noch Galeeren auf dem Meer schwimmen hat, jedenfalls dem Namen nach. Portugiesische Galeeren befahren (wenn man es so nennen kann) fast den gesamten Dunstkreis der einstigen Kolonialmacht Portugal: die Karibik, große Teile des pazifischen Ozeans, das Gebiet um die Kanaren – und im warmen Sommer des Jahres 1975 sollen sich Geschwader von ihnen bis vor die niederländische Küste gewagt haben. Sie sind perfekt getarnt: Außer der erwähnten Blase sieht man nicht viel von ihnen. Ihre Bewaffnung ist besser als die der alten Kriegsgaleeren: statt Kanonen Bio-Kampfstoffe – Nesselgift, das Atem- und Herzlähmung hervorruft. Die Portugiesen wissen von ihnen, nennen sie aber schamhaft Caravela portuguesa (als ob man nicht wüßte, daß eine Karavelle etwas ganz anderes ist).
Physalia physalis, die Portugiesische Galeere, eine potentiell tödliche Gefahr für den Badegast, sieht aus wie eine Qualle; in Wirklichkeit handelt es sich um eine Kolonie spezialisierter Polypen, die aneinanderhaften und gemeinsam eine Art Organismus bilden. Keiner ist ohne den anderen lebensfähig: Würde nicht einer die opalisierende Schwimmblase bilden, müßten die anderen untergehen; einige sind nur fürs Fressen zuständig, einige für die Fortpflanzung, und die Nesselzellen befinden sich auf speziellen Wehrpolypen. Faszinierend, aber eklig.

Jedem seine Galeere

Man kann nur dankbar sein, daß die Staatstheoretiker, mit denen Europa von der Zeit der Biremen (sagen wir, Aristoteles) bis zu der des Schlachtschiffes Scharnhorst (versenkt 1943) immer wieder geschlagen war, mehr von Insekten verstanden als von der Gattung der Hydrozoen. Sicher ist es auch schon eine Beleidigung des Menschentums, mit Bienen verglichen zu werden, oder gar mit weißen Ameisen (wie bei Maeterlinck: La vie des termites). Aber die einzelne Ameise, getrennt von ihrem Volk, kann immer noch krabbeln, fressen und beißen – selbst wenn ihr als nicht zu Arterhaltung fähigem Individuum die „Seele“ abgeht, die spätromantische Schwärmer in der Gesamtheit des Ameisenvolkes zu finden versuchten. Sicher ist der Ameisenstaat nicht so sehr ein Konstrukt wie der menschliche, dessen Daseinsberechtigung zu Ende ist, sobald er nicht mehr im Dienst des Einzelwesens steht. Aber mit den Polypen in der Staatsqualle steht es eben doch, wie beschrieben, noch schlimmer.
Die Galeeren Frankreichs, Maltas oder Genuas mochten für ihre Insassen etwas Ähnliches gewesen sein wie ein Ameisenhaufen. Denn mitten auf dem Wasser war auch der Wärter, der Mann mit der Peitsche und sogar der Kapitän in einem gewissen Ausmaß Gefangener des Schiffes; und in einer Schlachtsituation, die alle gemeinsam betraf, beruhte das Überleben jedes einzelnen auf Arbeitsteilung. Nur kam der Zwang eben doch von außen, und nicht, wie bei echten Ameisen, aus den Genen.
Eine Klassengesellschaft, schließlich, herrschte auch auf den „Galeeren“ der Antike: Soldaten und Ruderern kamen getrennte Aufgaben zu. Frisch rekrutierte Legio­näre rudern zu lassen, wie in Asterix als Legionär, kam nicht in Frage. Solang an einem Ruder nicht mehr als zwei Mann saßen, und so war es bis weit ins Mittelalter, wollte Rudern gelernt sein; es handelte sich um einen komplexen Bewegungsablauf, der einem dahergelaufenen Sträfling nicht zuzumuten war. Und so ruderten auf einer römischen Triere zur Zeit der Republik und kurz danach jedenfalls nur besoldete Profis, die sich obendrein freiwillig gemeldet hatten; Sklaven, die zu diesem staatswichtigen Dienst antraten, wurden in der Regel vorher freigelassen.
Sollten wir also jemals einer Galeere begegnen, oder gar den Fuß auf eine setzen: lieber auf eine römische als eine französische. Und auf die portugiesische schon gar nicht. Autsch!

Kommentare

Baderegeln

Diesen ungehobelten portugiesischen Galeeren sollte mal jemand Baderegeln beibringen.

oder man sollte sie hobeln.

oder man sollte sie hobeln.

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