Präzension "Die Elixiere des M."

Nostradamus, wissen wir, hat die gesamte Weltgeschichte vorhergesehen. Seit nun ein Bagger das Licht der Druckerschwärze erblickt hat, der genau dieses Faktum konstatiert, fragt sich die Zunft der Nostradamiten: Wo ist Maître Michels Präzension dieses Artikels beziehungsweise dieses Baggers? Daß es eine geben muß, ergibt sich aus den Grundaxiomen der Nostradamus-Exegese. Daß er gewußt hat, was eine Präzension ist, bedarf kaum der Erwähnung.
Kurz: Wir haben sie gefunden. Sie tönt ein wenig zweifelnd, aber überraschend wohlwollend. Ebenfalls überraschenderweise steht sie nicht in der XI. Zenturie, sondern in Michels minder bekannter Sammlung von Sixains (Sechszeilern) unter Nr. 28.

L’an mil six cens & neuf ou quatorziesme,
Le vieux Charon fera Pasques en Caresme,
Six cens & six, par escrit le mettra;
Le Medecin de tout cecy s’estonne,
A mesme temps assigné en personne,
Mais pour certain l’un d’eux comparoistra.

(Im Jahr tausendsechshundert und neun, oder im vierzehnten,
wird der alte Charon in der Fastenzeit Ostern machen,
sechshundertsechs, niederschreiben wird er’s;
der Arzt staunt über all das,
zu gleicher Zeit persönlich beigezeichnet,
aber auf jeden Fall wird einer von ihnen erscheinen.)

Mit dem „Arzt“ meint Nostradamus selbstverständlich sich selbst; er hat gestaunt, als er den Artikel über sich geschaut hat, und dann noch zusätzlich das Kirschkompottrezept, das mit seinem eigenen Namen gezeichnet ist – und dazu noch mit meinem, von ihm also nur „beigezeichnet“. „Assigné“ heißt natürlich auch „vorgeladen“ und dergleichen; sicher, uns würde nichts mehr freuen, als wenn Nostradamus mal vorbeischauen würde.
„Charon“ bin klarerweise ich. Daß da n statt u steht – dazumals ein häufiger Druckfehler – geht sicher zu Lasten des Schriftsetzers, der den Unterweltsfährmann besser kannte als mich; und ein französisches „Charou“ kommt dem gemeinten caru so nahe, daß jeder Irrtum ausgeschlossen ist. Daß Michel mich „alt“ nennt, finde ich mäßig frech; er kommt aus dem 16. Jahrhundert, ich aus dem zwanzigsten! Aber unter Kollegen mag das durchgehen.
Bei der Schreibweise „Caresme“ dachte ich erst, ich würde möglicherweise die kommenden Ostern in Chwaresmien verbringen. Das habe ich eigentlich nicht vor. Aber nein: ich werde nur aufmerksam gemacht, daß ich auch 2010, ebenso wie 2009, wieder Pessach feiern kann, während andere noch Fastenzeit haben. Man muß nur einen kritischen Blick auf die vielen Zahlangaben werfen.

Mit bewundernswerter poetischer Aufrichtigkeit zählt Nostradamus alle Ziffern auf, die seine Vision enthielt, auch die scheinbar nebensächlichen. 1609 ist ja eigentlich 400 Jahre zu früh, 14 dagegen 4 Jahre zu spät – man muß nur die kryptische 4 an der Einerstelle abziehen und an der Hunderterstelle einfügen, schon erhält man das richtige „2009 oder 10“. Immerhin beginnt die ganze Reihe der Sixains mit den Worten „Siecle nouveau (Neues Jahrhundert)“ – und das wäre für Nostradamus eben das 17. gewesen, so er es erlebt hätte; für mich ist es das 21. Alles stimmt ganz vortrefflich. Tout se tient.
Auf den Inhalt meines Artikels geht er ein bißchen wenig ein. Dafür hat er etwas viel Subtileres erraten und verzeichnet: die Zeichenzahl. Mein Text, so wie ich ihn der Redaktion eingesandt habe, enthält 10906 Zeichen (ohne Leerzeichen). Nichts anderes als das ist mit den 606 gemeint! Der eingeweihte Leser wird die simple Rechnung mit eingebautem kabbalistischem Schauder bequem als Hausaufgabe erledigen. Gottseidank war’s nicht 666.

Bleibt noch die letzte Zeile zu erklären. Einer wird erscheinen – wer? Na, ganz klar: der Bagger. Immer noch einer. Und ich. Spätestens beim nächsten Redaktionstreffen. Das heißt, falls nicht Nostradamus selbst vorbeikommt. Einer von beiden halt.

Kommentare

und wo

... hat er diese Präzension präzensiert? ;-)

In seinen "Présages" für 1561:

Barbare insult, fureur, invasion
Maux infinis par ce mois nous appreste
Et les plus Grands, deux moins, d'irrision.

"Barbarische Zumutung, Raserei, Invasion bereitet uns für diesen Monat üble unendliche [Regresse] und den Größten zwei Monate des Auslachens." "Deux moins" kann auch heißen "zweien [von ihnen] weniger", d.h. uns selber, weil wir am wenigsten zu lachen haben werden, wenn wir monatelang nach Präzensionen der Präzensionen suchen. Und sowieso hängt bei der Strophe das Reimwort "précension" in der Luft.

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