Praha, Berlin, Amsterdam, Venezia, Wien

PragWege durch meine Lieblingsstädte

Wer häufig zu Gast in einer Stadt, findet mit der Zeit die eine oder andere Straße, die das Lebensgefühl der Einwohner, den Geist der Stadt ganz besonders trefflich zu spiegeln scheint – und ist sich hoffentlich dennoch des immerfort eigenwilligen Zugehens, Durchstreifens, Wertens bewusst…

Prag

Novy Svet, die „neue Welt“, eine Welt für sich auf dem Prager Burgberg: eng aneinander geschmiegte bunte kleine einstöckige Häuser fernab des bezahlpflichtigen Trubels im oft gepriesenen Goldenen Gässchen, das zur reinen Shoppingmall, allerdings mit Geschichte, verkommt. In der neuen Welt hingegen lebt es sich ruhig, keine Touristengruppen und Taschendiebe verirren sich in diese atmosphärisch dichte Ecke Prags.

Eine Straßenseite säumt eine Mauer (hinter der sich ein netter Spiel- und Rastplatz befindet), was dem Flaneur die Wahl der Straßenseite erleichtert. Dicht der Mauer entlang mit gelegentlichem Kontrollblick aufs Kopfsteinpflaster kann man nun die wunderbaren Türen, die Knäufe, die kleinen Schutzheiligen in der Wand, die verwitterten Dachziegeln bestaunen. Und man braucht sich nicht wundern, wenn man dann und wann in eine Filmszene gerät – nur allzu gern dreht man hier Episoden aus einer stimmungsvollen „alten Welt“.

Lesetipp für Pragtouristen: Milos Urban „Im Dunkel der Kathedrale“, ähnlich duster ist Franz Kafkas „Prozeß“

BerlinBerlin

Willkommen auf der Karl-Marx-Allee in Ostberlin: wer vom Alexanderplatz aus ostwärts losmarschiert wird staunen, wie schnell man in der Zeit rückwärts gelangt und im sozialistischen Lebensgefühl landet. Nicht von ungefähr flog die Leninstatue im (n)ostalgischen Kultfilm „Goodbye Lenin“ diese Straße entlang, die man aufgrund der breiten Straßen und des Zuckerbäcker-Hochhausstils gut und gerne auch in Russland vermuten könnte. Moskau orientierte sich bekanntermaßen bei seinen extravaganten Hochhausprojekten an Amerika, die DDR bezeugte architektonische Nibelungentreue durchs Nachahmen der Moskauer Prunkbauten und nun steht in der wiedervereinigten Stadt ein kurioses bauliches Zeugnis, das zum Nulltarif „Ostfeelings“ vermittelt und im Gegensatz zum „Palast der Republik“ keinen Abriss (der historischen Sieger) zu befürchten hat.

Lesetipp für Berlintouristen: Wladimir Kaminer „Schönhauser Allee“; wer´s schwerer mag: Alfred Döblin „Berlin Alexanderplatz“

AmsterdamAmsterdam

Die Albert Cuyp Laan im Süden Amsterdams ist eine wunderbare Möglichkeit die gelingende multikulturelle Gelassenheit der niederländischen Hauptstadt zu erfühlen, v.a. wenn man zu Marktzeiten vorbeikommt. Kleider, Taschen, Schuhe, Zahnpasta, Haarwaschmittel, Blumen und Obst werden da von lustigen Indern angepriesen, die Stände vor ihre backsteinernen „Winkel“ auf die Straße stellen und um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Einheimische und Fremde gehen darauf gerne ein – denn das Gefühl auf skurillen Märkten herumzugehen beflügelt nicht nur hier im heimatlichen Wien (Brunnenmarkt, Naschmarkt-Flohmarkt) – sondern auch fernab der Donaumetropole. Im ach so coolen Amsterdam gerät man allerdings immer öfter an Klischee-Märkte (so am Waterlooplein), die all das feilbieten, was nur der um Authentizität bemühte und letztlich doch unauthentische Tourist kauft. Wer sich das ersparen mag, der esse dort nur seine Patatjes (Pommes) mit „vlaamse frittesaus“ und decke sich bei AC mit Lifestyle(-kram) ein …

Lesetipp für Amsterdamtouristen: Cees Noteboom, z.B.: „Allerseelen“: Berlin vs. Amsterdam

VenedigVenedig

Venedig – der Ort des Werdens und Vergehens, der Ort für die Hoch-Zeiten des Lebens also, ein Ort des Wassers, oftmals Ort des Träumens. Kaum eine andre europäische Stadt schlägt so viele Touristen in ihren Bann wie Venezia, kaum ein Ort lehrt so viel (über) das sinnliche Leben wie die geschichtsträchtige Dogenstadt. Rialto, San Marco, Canal Grande – das sind freilich die „musts“, doch für den Venezianer sind das „no-go-areas“. Daher auf zu neuen Ufern, auf nach Burano, eine kleine Venedig zugehörige Insel, mit dem Wasserbus LN ca. 40 Minuten von S. Marco-Zaccharia entfernt. Man ermisst während der Fahrt die alltäglichen Besonderheiten einer „Lagunenstadt“, streift die Friedhofsinsel „San Michele“, sieht die Müllabfuhr zu Wasser und braucht sich nicht wundern, wenn hin und wieder ein Kranken-Schnellboot vorbeiprescht. Am Lido verlassen Badewillige das Boot und zynische Naturen gedenken hier (hoffentlich dabei stil(un)echt frische Erdbeeren essend) kurz Thomas Manns tragischem Helden Gustav Aschenbach (aus „Der Tod in Venedig“). Mit der Zeit nähert man sich der bunten, dadurch so lebensfrohen Insel, die mit Stickereihandwerken als Souvenir lockt. Auch wenn die Tischtuchsammlung schon komplett sein sollte, lohnt ein Blick auf diese oftmals von der Verkäuferin noch selbst gefertigten Gebrauchskunstwerke. Dem Hauptkanal der Insel folgend kommt man an kleinen „Alimentari“Läden vorbei, wo es herrliche (Pizza)Happen für unterwegs oder am Tresen mit einem extra starken „corretto“ zu haben gibt. Derart gut versorgt nimmt man wehmütig Abschied vom kleinen durch und durch authentischen Inseldorf und steuert die unvermeidlichen dicht bestückten Wäscheleinen im Nacken via Murano wieder auf „la Serinissima“ zu.

Literaturtipp für Venedigreisende: Donna Leons „Comissario Brunetti“ – Kriminalromanreihe

WienWien

Im eigenen Ort das Besondere zu sehen ist nicht immer leicht. Und doch bietet Wien vieles, was sich zu sehen lohnt. Eine Hymne auf den Ring, eine Gasse im 1. Bezirk, eine Otto-Wagner-Häuserzeile bietet sich an und verbietet sich zugleich. Denn das ist doch nicht (mein) Wien, sondern das Wien der Touristen. Ein beliebter Ausweg wäre die Verkehrung ins Gegenteil: wo ist es herrlich abgenudelt? Wo fühlt sich nur der selbsternannte Kenner wohl? Das wäre nicht fair all jenen gegenüber, die sich vielleicht tatsächlich aufmachen und diesen Ort kennen lernen wollen – daher biete ich das durchweg Durchschnittliche, das durchweg Alltägliche an: die Kaiserstraße im 7. Bezirk. Eine Straße, wie man sie überall in Wien finden kann: da gibt es imposante Jugendstilhäuser – aufgesprengt durch (tlw. missratenen) sozialen Wohnungsbau, da gibt es eine Pfarre (wer weiß, was Lazaristen sind? Das Rechtschreibprogramm streicht mir diesen Namen gleichsam unwissend als Fehler an), da gibt es die unvermeidliche AIDA (von welcher Tatsache Giuseppe Verdi wohl entsetzter Kenntnis nähme: von der des Clubschiffs seines Namens oder dieser skurilen Wiener Welt des Kaffees in Rosa?), da gibt es Läden, die so zum Überleben untauglich Scheinendes wie Taschen, Schilder und hochwertigste Espressomaschinen vertreiben – und doch verbreitet gerade dieser Mut ein frohes Gefühl: nicht immer wird es geschäftig rollende Hartschalenkoffer geben, Spucken wird wieder verboten sein (gerne mit hochoffiziösen Schildern) und dem Kaffee wird immer eine Ode der Begeisterung gebühren – ach (mein) Wien wie schön du (so) doch bist!

Lesetipp für Wientouristen: Radek Knapp „Herrn Kukas Empfehlungen“, vor kurzem auch treffend verfilmt; solider und doppelt wehmütig stimmend ist Stefan Zweigs „Die Welt von Gestern“

Neuen Kommentar schreiben

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
By submitting this form, you accept the Mollom privacy policy.