Punctum

Vom Abenteuer des Betrachtens

Ich erinnere mich deutlich an jene Tage meiner Kindheit, an denen meine Eltern die Photos vom letzten Familienurlaub nach Hause brachten. In den kleinen Umschlägen aus Papier, das wusste ich, steckten Bildchen, die es mir erlauben würden in den Erinnerungen an die gemeinsam verbrachte Zeit zu schwelgen. Sie würden es mir gestatten, zumindest für einen kurzen Moment, in den Abenteuern des Sommers weiterzuleben, das Salz auf der Haut trocknen zu lassen, den knirschenden Sand unter den Füßen zu spüren und die fruchtige Kälte des Erdbeereises, für welches ich mit meinem Bruder den ganzen Strand ablief, erneut am Gaumen zu schmecken. Auch wenn die Sandburgen, die wir gebaut hatten, schon lange von den Wellen verformt und vom Wind vertragen worden waren, so existierten sie auf den Photos weiter und gaben den flüchtigen Momenten Beständigkeit.

Realität und Täuschung

Wie schafft es die Photographie in uns Emotionen wachzurufen, die das Vergangene wieder lebendig erscheinen lassen? Worin begründet sich das Wesen der Photographie? Weshalb kann das Photo mit unvergleichlicher Prägnanz das Vergangene konservieren? Roland Barthes hat kurz vor seinem Tod ein dünnes, sehr persönliches Büchlein geschrieben, in dem er den Charakter der Photographie ergründet: Die helle Kammer.
Eine Eigenart der Photographie, so Barthes, bildet die Tatsache, dass sie stets mit dem abgebildeten Objekt verknüpft bleibt. Anders als andere Bildarten imitiert die Photographie nicht nur, sie bildet ab und kann dabei die Realität des Vergangenen bezeugen. Das Photo muss stets von einem realen Objekt ausgehen. Da sie selbst nichts erfindet, erscheint sie wie das Wirkliche. Dabei entsteht eine Unordnung, denn das Photo verweist ständig nur auf den Referenten und bleibt dabei selbst unsichtbar. „Was die Photographie endlos reproduziert, hat nur einmal stattgefunden: sie wiederholt mechanisch, was sich existenziell nie mehr wird wiederholen können.“
Was die Realität jedoch anbelangt, ist das Photo weder Bild noch Wirklichkeit. Die Wiederkehr des Vergangenen in der Photographie ist mehr als eine rein metaphorische Existenz. Anders als die Erlebnisse eines unbeschwerten Sommers, die in Erinnerung bleiben, ist das Objekt selbst in seiner Eigenschaft als physischer Körper im Photo enthalten. Jede Photographie muss von einem realen Objekt ausgehen. Ein Objekt, dessen optische Eigenschaften Licht zu reflektieren in der Photographie dazu genutzt wird ein Bild zu erzeugen. Das Licht bleibt als etwas Wirkliches, dem Objekt eigenen, im Photo erhalten. „Von Natur aus hat die Photographie etwas Tautologisches: eine Pfeife ist hier eine Pfeife, unabdingbar.“ Ist die Photographie also der Stein der Weisen? Kann sie das Vergangene wiederkehren lassen, die Toten gar unsterblich auf Papier bannen?

Leben und Tod

Doch das Reale und das Lebendige sind zwei unterschiedliche Dinge. Die Photographie verschränkt auf fast perverse Weise diese zwei unterschiedlichen Begriffe. Die Photographie als reales Objekt verleitet dazu sie auch als lebendig zu betrachten. Was lebendig ins Bild eingegangen ist, wird dort bewahrt. Auch wenn es nicht länger existiert. Die Täuschung der Photographie liegt in der Halluzination, die sie erzeugt. Sie offenbart eine „vollendete Vergangenheit der Pose“, die selbst das Vergangene in die Zukunft rückt. Das, was lebendig wahrgenommen wird, ist nichts anderes als ihre Metapher, die Erinnerung, die sie erzeugt. Sie ist es, die uns beim Anblick eines Photos melancholisch werden lässt.
Auf den alten Urlaubsfotos schneiden mein Bruder und ich Grimassen. Während wir unseren Spaß hatten, waren die Eltern darüber nie sonderlich erfreut. Schaut nicht so hässlich, haben sie gesagt, lächelt doch ein bisschen. Durch die Pose, die man einnimmt, verwandelt man sich schon im Vorhinein zum Bild. Es wird eine Haltung eingenommen, die später auf den Photos konserviert wird. Es findet eine lebendige Einbalsamierung statt. Das wirft natürlich die Frage nach dem Gelingen auf, dem Wunsch sich durch die Photographie repräsentiert zu sehen. Wie werde ich der Nachwelt erhalten bleiben? Wird das „kostbare Wesen meiner Individualität“ auf den Photos zur Geltung kommen? Auf dem Photo wird das Subjekt ausgeklammert, seines Selbst entäußert und zum Objekt gemacht. Es ist schon vor dem Auslösen zum Bild geworden. Die Objektivierung des Subjekts entspricht dem Aufbewahren der Spuren vergangener Existenz. Im Photo tritt mein Selbst als jemand anderes auf.
Vielen Photos fehlt die Lebendigkeit. Sie ähneln einander, geben im Grunde eine beliebige Person wieder. Sie transportieren keine Wahrheiten, sondern Illusionen. Soll das Photo der vollständigen Wiedergabe genügen, muss es das Maskenhafte der Ähnlichkeit ablegen und den individuellen Ausdruck wiedergeben. Liegt die Verantwortung dafür allein beim Photographen? Kann er der Photographie Lebendigkeit verleihen?

Studium und Punctum

Letztlich wird das Photo vom Betrachter beseelt. Photographie hat stets das betrachtende Individuum zum Bezugspunkt. Zwar kann die Photographie bezeugen, dass das Abgebildete tatsächlich dagewesen ist, aber erst dem Betrachter ist es möglich einem Photo wieder Leben einzuhauchen.
Es gibt jedoch Photographien, denen man nicht mehr als ein höfliches Interesse entgegenbringt. Man interessiert sich für sie ihres historischen Werts, ihrer technischen Ausführung, ihres bildlichen Inhalts wegen. Barthes nennt es das studium. Es ist jene Art des Betrachtens, die ihm erlaubt auf die konventionellen Informationen zu reagieren, die in einer Photographie stecken. Es ist, wie er sagt, fast schon eine Art „Dressur“, eine Art der Erziehung, die solch ein Interesse auslöst. Es bleibt allgemein und ziellos. Es ist ein Interesse, das unausweichlich den Intentionen des Photographen begegnet. Das studium gestattet es die Absichten des Photographen nachzuvollziehen, sie wiederzuerkennen, Information zu lesen, Wünsche zu wecken, Überraschung zu empfinden, auch schockiert zu sein, nie aber Lust oder Schmerz zu spüren. Das studium kann zwar schreien und spritzen, es verletzt den Betrachter aber nicht. Photographien, denen man durch studium begegnet, geben die Realität wieder, ohne sie ins Wanken zu bringen.
Anders ist dies beim punctum. Es ist das Element, welches das studium durchbricht. Es schießt unerwartet wie ein Pfeil aus dem Bild heraus und verletzt den Betrachter. Es ist ein zufälliges und zweckloses Bilddetail, das nicht bewusst hervorgebracht, nicht komponiert wurde. Das punctum erlaubt dem Betrachter den Rahmen zu sprengen und den Objekten, die „betäubt und aufgespießt wie Schmetterlinge“ in ihren Schaukästen hängen, Leben einzuhauchen. Das punctum ist die Beseelung der Photographie.

Weiterführend:

Roland Barthes: Die helle Kammer, Suhrkamp 1985

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