Ralf König: Prototyp

„Vitamin C, Kalium, Pektine, Fruktose, Flavonoide, Phenolsäuren, Erkenntnis.“

Das sind die Inhaltsstoffe eines Apfels, aufgezählt von einer Stimme aus dem Himmel. Dabei ist die Erkenntnis nur durch einen göttlichen Betriebsunfall hineingeraten; fatalerweise, denn nachdem Adam in den Apfel gebissen hat (die gehörnte Schlange mit Namen Luzi kann natürlich nichts dafür), wird er sehr nachdenklich, zitiert abendländische Philosophie von Epikur bis Hoimar von Ditfurth und verfällt dem Atheismus. Zwangsläufig, würde ein Richard Dawkins meinen – in diesem Fall aber ein klarer Irrtum: Adam teilt sich die Comicseiten nicht nur mit dem Teufel, sondern auch mit Gott. Und (hallo, Darwin!) mit allerlei Getier, zum Beispiel einer Kurzhalsgiraffe.

Ein Fortsetzungscomic, der über ein paar Wochen verteilt in der Frankfurter Allgemeinen erscheint und dann zum Büchlein geheftet wird, ist nicht wirklich eine theologische Fachpublikation. Daher geht aus der Geschichte auch nicht hervor, was Gott hier eigentlich ist. Manchmal ähnelt er dem religiösen Establishment, das sich auf ihn beruft; dann gibt er etwa zu, er habe den Prototyp Mensch hauptsächlich zum Glauben und Lobpreisen geschaffen, will vermeiden, daß die Fortpflanzung Spaß macht, und arbeitet an der Umlaufbahn der Sonne. Aber er zeigt auch geradezu nietzscheanische Selbstkritik und nennt sich selbst eine bloße Metapher. Adam ahnt ansatzweise, daß der eigentliche Gott seiner Welt der ist, aus dessen Zeichenstift sie alle stammen: Gott ist (siehe Psalm 47, 7–8) König. Im letzten Kapitel ist er alt geworden, hört schlecht und eignet sich höchstens noch als Gute-Nacht-Märchen für Kain und Abel – Adam erzählt es ihnen, denn Eva hat Gott und Schlange nie kennengelernt. Dafür wird sie zur Pionierin der Eifersucht; Frau gibt es zwar außer ihr noch keine – aber (ogott!) die Giraffe.
So ist das mit Adam. Nach dem Proto-Typ veröffentlicht die FAZ übrigens derzeit (seit Januar 2009) den Arche-Typ. (Wer das wohl sein mag? Notfalls in der Genesis nachlesen, ein paar Seiten weiter.) Und auf Ralf Königs Homepage (www.ralf-koenig.de) disputiert Moses mit dem Herrn über die zehn Gebote. Woher diese Hinwendung zu biblischen Themen? Vielleicht hat sie damit zu tun, daß diverse Kirchen den Cartoonisten König nicht so mögen. Er sie auch nicht. Sollte übrigens jemand die gewohnten Königschen Inhalte vermissen, kann er sich immer noch die Geschichte von Adams erster Erektion anschauen. Von Seite 24 bis 28. Und dann wäre da noch (pfui!) die Giraffe.

Ralf König: Prototyp. Rowohlt Verlag GmbH, November 2008 (2. Auflage). 112 Seiten, klerikal in schwarzem Leinen mit Einlegebändchen und Goldprägung.

Kommentare

Hab mir das Buch besorgt.

Hab mir das Buch besorgt. Einfach großartig!

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mittlerweile sogar hochkarätig ausgezeichnet.

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