Ralf Rothmann: Hitze

„Eine fast monochrome Arbeit auf einem schlecht bespannten Rahmen; violettes, hier und da schwärzlich scheinendes Gewölk. Nur in der rechten oberen Ecke gab es einen orangefarbenen Fleck […]“

 HitzeRalf Rothmann hat bisher mehr Romane als Lyrikbände verfaßt; „Hitze“ (erschienen bei Suhrkamp, 1. Auflage 2003) ist aber eher ein Stück Lyrik als ein Roman. Von allen möglichen Erzählmodellen hat er sich vor allem eines ausgesucht: das Volkslied. Bewußt, denn das überschriftlose Vorwort trällert mit einer alten polnischen Volksweise los („Halte durch, guter Baum … es sind nur noch hundert Jahre.“)
Handlung ist dabei zweitrangig. Man kann von den knapp 300 Seiten zwei Drittel lesen, ehe man bemerkt, daß das Leben der Figuren nicht nur von Tag zu Tag dahinrieselt, sondern sich tatsächlich eine Entwicklung abzeichnet.

Die hält sich dann aber auch in Grenzen, und der Plot paßt auf eine Briefmarke: Der Kameramann Simon DeLoo, desorientiert durch den Tod seiner Lebensgefährtin, gibt seine Arbeit auf, jobbt in einer Großküche, lernt beim Essenausliefern eine polnische Studentin kennen, die in Berlin zur Stadtstreicherin geworden ist, durchlebt eine Affäre mit ihr und kehrt schließlich aus ihrer Heimat nach Berlin zurück – nicht geläutert, nicht zerstört, eigentlich fast so wie am Anfang. Das letzte Kapitel trägt zwar die Überschrift „Reif“ – aber das Wortspiel hat sich aufgedrängt, gemeint ist dann doch nur der Rauhreif.
Temperaturen sind also schon wichtiger. Zwischen den beiden Wintern, in denen die Geschichte beginnt und endet, verkörpert sich die „Hitze“ nicht nur als ein Sommer voll sexueller Spannung in Polen, sondern auch in Feuerzeugen, im Küchenherd, im maroden Ölofen des Döner-Verkäufers Osman, selbst im Brandgeruch, den der Wind daherweht, in jeder Menge Wodka – und die Sommersonne brütet unter anderem Maden in einem morschen Dachstuhl voller Taubenkadaver aus. Sinnig konterkariert wird all das Glühende, besonders ab der Mitte des Buches, durch Wassermotive: Lucilla, die Polin, nimmt beim Badevergnügen im See geradezu nixenhafte Züge an – das slawische Mythologem von der Rusalka läßt grüßen.
Rothmann unterläßt alles Kommentieren: Weder politische, noch psychologische, noch philosophische Sezierversuche muß man sich gefallen lassen. Kant wird zwar erwähnt, aber von einer Nutte in einem Berliner Billigbordell, die stolz darauf ist, auch aus Königsberg zu stammen; den Kategorischen Imperativ kennt sie mit Namen, aber ihre Kolleginnen finden, er klinge nach Sado-Maso. Einzelne Figuren sprechen im Vorübergehen vom Wert der Kunst, vom Wort als problematischem Kommunikationsmittel, von der Schwierigkeit, bewußt wahrzunehmen und sich von dem zu distanzieren, was man sieht (DeLoo ist Kameramann!), aber all das nimmt weniger Platz ein als eine Schweineschlachtung und die Aufzählung der Ingredienzen für den Hackbraten. Überhaupt kann man dem Autor nachsagen, daß er sich die Welt hauptsächlich in Dingen denkt: Er liebt das Substantiv, und seine Schilderungen geraten zeitweise zu einem Hagel von Dingwörtern – ein Stil, den man mögen kann oder nicht.
Rothmann sagt auch nicht alles, was man gerne wüßte, oder jedenfalls nicht deutlich – was er als Lyriker auch nicht muß. Öfters nehmen seine Figuren einzelne Sätze in den Mund, die nur mit einem längeren Dialog drumherum verständlich wären; man muß dann eben raten, wie im täglichen Leben auch. Daß DeLoos Freundin gestorben ist, erkennt man nur aus Indizien; wie, weiß man überhaupt nicht. Und den Familienstand anderer Figuren erfährt man aus einem einzelnen, leicht übersehbaren Hauptwort, und das erst dann, wenn es zu spät ist. Es sei denn, man hätte den Bibelspruch begriffen, der als Motto am Anfang des Buches steht: „Kann auch jemand ein Feuer unterm Gewand tragen, ohne daß seine Kleider brennen?“ (Sprüche Salomos 6, 27) warnt den Jüngling vor Verhältnissen mit der Gattin eines anderen Mannes – aber wer ist bibelfest genug für ein solches Rätselspiel?
Zuerst und zuletzt ist Rothmann aber ein Beobachter von Menschen. DeLoo trägt autobiographische Züge; die Gestalten, denen er begegnet, sind teilweise stereotyp – Penner, Prostituierte, Säufer in der Kneipe. Aber zum Beispiel die unentwegte Malerin Lia Andersen, die mit über achtzig ihre erste Verkaufsausstellung eröffnet, ist so greifbar gezeichnet, daß man annehmen muß, sie wohne bei Rothmann um die Ecke. Ähnliches gilt für Osman und sein Döner. Und die sozialen Probleme Berlins nach der Wende liegen wohl auch vor seiner Haustür; darum behandelt er sie statt global in ihren einzelnen Erscheinungsformen, wie man sie sieht, wenn einem Berlin zur Heimat wird. Ebenso nicht die condition humaine, sondern das jeweils unverwechselbare Einzelstück Mensch.
Wie es einem Volkslied ziemt, handelt „Hitze“ von Katzen, Hunden und Schweinen, von Seen, Häusern und Bäumen, vom Zeugen, Gebären und Sterben, vom Essen und Trinken und vom Liebesakt. Manchmal von all dem in einem Satz: vegetatives Menschsein, wie es nicht sein muß, aber oft genug ist.

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