Replik auf Kritik: Saublöder Artikel im Bagger

oder: Die Dünnbrettbohrer aus Leopoldstadt

Ja, ich habe eine freche Kolumne geschrieben (Rechts-Links, Der Bagger 11). Über Links und Rechts, sehr politisch. Habe dann eine schöne Werbung geerntet: Marcel Jira hat die Kolumne gar nicht gefallen, obwohl er den Bagger sonst (zu Recht!) liebt („unterstützenswertes Blatt, coole Zeitung, die weitestgehend autonom organisiert ist“), und so entschließt er sich, eine Kritik zu schreiben (Der Bagger 12, Seite 14).

Was macht ein Mensch, wenn er eine Kolumne liest, mit der er nicht einverstanden ist? Liest, forscht, recherchiert und versucht die Kolumne Zeile für Zeile zu zerpflücken.

Wie reagiert ein ideologischer Mensch? Zuerst sich bei den Weisen der Partei beraten lassen: „Ein Einzelner hat zwei Augen, die Partei jedoch tausend Augen“ (Brecht). So machte sich Marcel Jira auf den Weg und startete unter dem Titel Saublöder Artikel etc. einen Thread im öffentlich geführten Online-Forum der Sozialistischen Jugend Leopoldstadt. Unter dem süßen Nick SpinDoctor (sein Wunschberuf) bittet er um Ratschläge: „Gegen diesen … Artikel, würd ich gern einen Leser/-innenbrief schreiben. Leider mangelts bei mir ein bisschen am Theoriewissen (was macht links und rechts aus, welche Entwicklung nahmen diese Begriffe in der Vergangenheit usw.)“ Dem Marcel fehlt also die Theorie. Wäre nicht wichtig, die Kolumne ist eher über sehr konkrete Dinge. Aber er braucht sie.
Der erste Weise (Nick fardel rübensaug) kann ihm nicht weiterhelfen. Sein Ratschlag ist nicht sachlich, eher eine Drohung mit Zuneigungsentzug: „würd ich eher schreiben: Eure Zeitung ist ur super, aber folgendes: Ich finde das was der schreibt ist blöd, und alle meine Freunde sagen das auch. Wollts ihr riskieren, das wer eure ganze Zeitung blöd findet nur wegen dem trottl?“ (Meine Schulfreundin sagt dasselbe: Wenn du nicht aufhörst zu schreiben, bin ich nimmer deine Freundin!)
Gott sei Dank gibt es dort einen anderen Weisen, den Chesel, auch Che genannt. Der weiß schon mehr: „zweifellos ist der artikel blöd, er betreibt die pure begriffsverwirrung jenseits aller üblichen verwendungen der begriffe links und rechts … klingt nach vollkommen verkorkster totalitarismustheorie.“ Eben. In der Kolumne wurde natürlich diese übliche und veralterte Verwendung von „links“ und „rechts“ kritisiert. Aber Che will schon mehr schreiben als Fardel Rübensaug: „ich halte es schon für sinnvoll dem auch inhaltlich etwas entgegenzuhalten, sprich zu erklären, warum der ‚ein trottel‘ ist.“
So veröffentlichte Marcel Jira (unter heimlicher fachlicher Mitarbeit von Chesel) eine ernsthafte Kritik. Der SpinDoktor ließ Che denken (selber denken ist aber immer besser!) und das Resultat: Die beiden erkannten, dass ich in einer völligen Begriffsverwirrung endete. Dann wurden ein paar lauwarme theoretische Sätze (von einer DDR-Parteibroschüre? ach nein, es war Wikipedia) abgeschrieben, aber mein Hauptthema (Kommunismus, Faschismus, Nazismus usw. gehören alle in einen Topf: absolute Macht des Staates) und meine Erklärung, warum wir es immer noch nicht so wahrnehmen (Stichwort „gängige Definitionen des politischen Spektrums“) wurden gar nicht angesprochen.
Jaja, wir haben noch nicht einmal den Nazismus „fertig“ verarbeitet. Die Historiker und Historikerinnen, die den Kommunismus historisch verarbeiten werden, sind im Moment noch in den Kinderwägen. Aber auf Englisch gibt es schon vieles zum Thema.
Der süßeste Punkt ist, dass gerade Marcel Jira mir Mangel an „Theoriewissen“ vorwirft. Hmm – das stimmt allerdings: Ich sollte vorher zum Che oder zum Fardel pilgern.
Upside: Es ist alles wirklich lustig, ich lachte schallend bei der wiederholten Lektüre der geistreichen SJ-Diskussion.
Downside: Die Jung-XY’s sind die Kader der Parteien. Diese verbissenen und intoleranten Ideologen werden möglicherweise als humorlose Profipolitiker (gibt es was Schlimmeres?) über unser Leben gut/schlecht entscheiden – und wir werden ihnen jedes Dienstauto usw. bezahlen, auch wenn sie sehr schlecht oder gar nicht arbeiten werden. Und Marcel Jira wird vielleicht mal ein Kulturbeamter werden, der den Bagger dann verbieten kann.

Ergänzungen:

  • http://www.sj-wien.at/leopoldstadt/wordpress/bbpress/topic.php?id=1538
  • Auf der Kommentarseite von Bagger gibt es weiterbildende Kommentare nicht nur von Marcel/Che, sondern auch von caru: www.derbagger.org/artikel/rechtslinks
  • Ein kluger Artikel, erst nach Bagger 11 erschienen: www.tcsdaily.com/article.aspx?id=121509A
  • Ein Zitat zum Zweittitel: „Die Politik bedeutet ein starkes, langsames Durchbohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich.“ Max Weber
  • Und zum Spektrum: „People are always talking about the political spectrum, but many don’t know what their political spectrum is based upon, or even how a spectrum works.“ Jon N. Hall
  • Und meine Meinung zu dem allem: „Ich bin nicht immer meiner Meinung.“ Paul Valéry
  • Buchtipp: Paul Johnson, Modern Times, 1997. Derek Leebaert: The Fifty-Year Wound, 2002.

Kommentare

wenn jemand linke dinge

wenn jemand linke dinge dreht, ist er recht? wenn jemand immer recht hat, ist er dann link? hier rechts: ein link.

Caru --

danke für den link - bei mir erschien er aber links :D
und der sänger - er bemakelt!

defunct link der Dünnbrettbohrer

http://www.sj-wien.at/leopoldstadt/wordpress/bbpress/topic.php?id=1538

Ja, da ist nichts mehr. Ich sicherte jedoch den Link notariell :D
also wer das Elaborat lesen will, ich kann's liefern.
Grüß, Jan Kor

Neuen Kommentar schreiben

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
By submitting this form, you accept the Mollom privacy policy.