Rezension: Albert Sánchez Piñol - Im Rausch der Stille

Buchcover Pinol, © S. Fischer Verlag GmbH Nichts lässt so viel Platz wie die Leere ..
Von einem, der auszog um die Stille zu suchen und in der Leere am Rande der Welt ein Drama unmenschlich menschlicher Grausamkeit fand. „Unser Leuchtturmleben kann man nicht glauben; unser Leuchtturmleben ist das unsinnigste aller Epen. Es fehlt ihm jeder Sinn.“

Es ist das Erstlingswerk des aus Barcelona stammenden Schriftstellers Albert Sánchez Piñol, bereits 2002 auf Katalan, 2006 schließlich in deutscher Sprache erschienen – in großer Zahl verkauft, vielfach besprochen, ein Bestseller. Trotzdem soll an dieser Stelle nochmals auf „La pell freda“ (im Original „Die kalte Haut“) verwiesen werden, für alle, denen diese großartige, leidenschaftliche und abstruse Parabel bis jetzt entgangen ist.

Der Protagonist und wortgewaltige Berichterstatter der unwirklichen Erzählung wächst im Irland einer nicht allzu fernen Vergangenheit auf. Seine Jugend verlebt er im Waisenhaus, erhält eine gute Ausbildung und engagiert sich bereits früh im Kampf gegen die englischen Besatzer. Die zenmönchischen Weisheiten, die er bis zur Volljährigkeit in der Obhut eines alten Tutors erfährt, können ihn nicht daran hindern, nach dessen Tod seine Leidenschaft der irischen Sache zu widmen.
Als die Engländer jedoch abziehen und langsam die Härte der neu eingesetzten Regierung spürbar wird, kommen dem jungen Rebellen Feind und Freund abhanden. In die Enge getrieben, entscheidet er sich, seine Heimat zu verlassen – eine politische, in ihrem Kern jedoch philosophische Flucht.
„Von da an stellte sich mir nur noch eine Frage: Wollte ich in einer von Gewaltspiralen gesteuerten Welt bleiben, die das Unglück der Menschen endlos fortsetzte? Meine Antwort lautete nein, nie mehr und nirgends, und darum entschied ich mich für die Flucht in eine Welt ohne Menschen. Ich war kein Gesetzesflüchtiger. Jetzt floh ich vor etwas Größerem, etwas viel Größerem.“
Er meldet sich freiwillig als Wetterbeobachter auf einer kleinen, unwirtlichen Insel an einer der am wenigst befahrenen Seerouten des Atlantiks.
Von Beginn an gestaltet sich sein Aufenthalt dort recht unplanmäßig. Das Haus des Wetterbeobachters ist verlassen, sein Bewohner, der den Platz räumen sollte, verschwunden und den Leuchtturmwärter, das einzig menschliche Wesen, das er während des nächsten Jahres zu Gesicht bekommen soll, findet er betrunken, apathisch und offenbar verrückt geworden in seiner steinernen Festung vor.
Bereits in der ersten Nacht offenbart sich dem Aussteiger das grauenhafte Geheimnis des öden Landstrichs. Er wird von Fischmenschen, oder Froschmenschen, in jedem Falle von Ungeheuern heimgesucht, die ihn auf ihren Speiseplan gesetzt haben. In jener Nacht, wie in jeder darauffolgenden.
„Ich denke über die Absichten nach, die mich auf die Insel führten. Ich suchte den Frieden des Nichts und statt der Stille habe ich es mit einer Hölle voll Ungeheuer zu tun. Welche neue Bedeutung sollten meine Augen herausfinden? Welches wäre gemäß meinem Tutor die richtige Interpretation? Ich muss viel an ihn denken. Wie sehr ich mich auch befrage und prüfe, so drängt sich doch nur diese eine fürchterliche Gewissheit auf, die alles zerdrückt: Ungeheuer, Ungeheuer und noch einmal Ungeheuer. Nichts zu sehen, nichts zu beurteilen, nichts zu bedenken.“
Am Leben zu bleiben gelingt ihm nur in einer Kampfgenossenschaft mit dem Leuchtturmwärter, ein widerlich rauher Österreicher mit dem ganz und gar unösterreichisch klingenden Namen Batís Caffó. Dieser vertreibt sich die wenigen Mußestunden mit einem weiblichen Ungeheuer, das er im Leuchtturm als Maskottchen hält und die, wie der Erzähler selbst herausfinden soll, ungeahnte erotische Freuden beschert.
Panische Angst, Gewalt und Lust bestimmen das Leben auf der Insel und erst nach Monaten der blinden Zerstörungswut keimt mit dem wachsenden Gefühl für die fremdartige Geliebte auch der Verdacht sich in der ersten Einschätzung des Feindes getäuscht zu haben. Die Rolle der Fischfrau im Kampf um den Leuchtturm ist so unergründbar wie das Wesen selbst, ein Bollwerk aus Schweigen, der Interpretation überlassen, an der jeder Liebende zerbrechen muss.
Piñols Erzählung ist grausam, furchteinflößend, leidenschaftlich und philosphisch fragend, ohne sich jemals aufdrängen zu wollen. Im Kampf um das nächtliche Überleben treten die Abgründe des Menschseins zu Tage, überfluten das karge Stück Land und ertränken die hehren Grundsätze des belesenen Geistes. Auf dieser Insel hat die Vernunft nur eine schwache Stimme im Angesicht einer Bedrohung, die sich jeglicher rationaler Interpretation entzieht. Die Absurdität des Dramas rechtfertigt die Mittel und in einer unheilvollen Kombination aus Intelligenz und Grausamkeit wird alles, was an Zerstörungskraft hervorgebracht werden kann, gegen den Feind eingesetzt.
Auch die gewalttätige Leidenschaft und letztendlich die Liebe trifft mit einer Wucht, die taumeln lässt. Dass sie es sein soll, die den entwurzelten Menschen wieder auf den Pfad der Gerechten bringt, lässt aufatmen ob der Selbstverständlichkeit, mit der man als Leser die Verteidigung des Leuchtturms aufnahm.
In den ersten Kommunikationsversuchen mit den fremdartigen Wesen findet man wieder festen Boden unter den Füßen, der Sieg der Vernunft.
Was Piñols Erzählung auszeichnet, ist die realistische Konsequenz, mit der er den Weg zu Ende geht.
Der Name Batís Caffó entkoppelt sich letztendlich von der Person und wird zu einem Symbol der Resignation ob der sich immer wiederholenden Geschichte, zu der die Menschheit verdammt ist.

Albert Sánchez Piñol, „Im Rausch der Stille“
original: „ La pell freda“, Verlag Edicions La Campana, Barcelona, 2002
deutsche Ausgabe: Fischer Taschenbuchverlag, 2006

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