Rezension: Imre von der Heydt – Rauchen Sie?

Rauchen Sie?Die Crux des Rezensionenschreibens ist die Notwendigkeit, das zu rezensierende Objekt – zumindest vom Anspruch her – genauestens unter die Lupe genommen haben zu müssen, um ein adäquates Urteil abgeben zu können. Vor diesem Anspruch versagt diese Rezension ... oder nein, sie deutet einfach im Vorhinein ihr Objekt um – Arbeitstitel: die Rezension eines Covers.

Eine stilisierte Zigarette vor schwarzem Grund – Farbsymbol der geteerten Lunge oder des nichtenden Nichts, zu dem für den Raucher im Angesicht einer Zigarette alles wird – qualmt einsam vor sich hin. Natürlich lebt dieses Cover von den Gegensätzen. Der Titel, dem schon in der lockeren Kursivschrift der Schein der Mündlichkeit zu eigen ist und der wahlweise als legerer Anbaggerspruch oder freundliche Einleitung für nervige Schnorrereien dienen kann, kontrastiert mit dem rationalen Anspruch einer Verteidigungsschrift im Untertitel, die in großen, festen Lettern schnörkellos in die schwarze Wand gemeißelt sich als unum­stöß­liches Manifest geriert. Dieser Rationalität steht allerdings wieder das Objekt der Apologetik ent­gegen: die Leidenschaft, ein Begriff, der die Unhinterfragbarkeit eines zwar persönlichen, aber vitalen Bedürfnisses suggeriert und dem zugleich die Aura erotischer Anziehungskraft anhaftet – die Optik des phallusartigen, leicht nach oben stehenden Lustobjekts (wer`s mag, metaphorisiere noch den Rauch) tut ihr Übriges. Dabei adelt ja schon der Autorenname das Laster – asso­ziiert der Leser doch edle, arrivierte Salon­gesellschaften, den krassen Gegen­satz zum heutigen Paradigma des Zigaret­tenrauchers, des Gossenrauchers, der in seinen Taschen nervös nach einer Zigarette fingert, um seine Sehn-Sucht zu befriedigen. Allerdings dezent zugleich nimmt sich der Autorenname in der Form aus: kleine Schrift in zurückhaltendem Orange-Braun-Dunkelgelb – als tue der Name nichts zur Sache, als sei er nur akzidentiell, als handele es sich bei dem Buch nicht um ein persönliches Statement, sondern, wie der monumentale weiße Untertitel ja schon andeutete um unantastbare Objektivität. Ebenso unaufdringlich wie der Autorenname prä­sentiert sich der Verlag als Fußnote am unteren Rand des Covers. Unterstützt und modifiziert die Art und Weise der visuellen Präsentation je für sich genommen die Informationen in ihrer Bedeutung, so wirkt die Präsentation in ihrer Gesamtheit als eine mehr spielerische Komposition: Die Alternation von Zigarettenfilter- und Zigarettenschaftfarbe in der Y-Achse, die das Farbvorbild der leicht ver­schobenen X-Achse in der Mitte des Covers, die Zigarette, zugleich wiederholt und ironisch bricht, indem es die Kluft zwischen Grafik und Schrift sowie zwischen X- und Y-Achse scheinbar mühelos überbrückt, zeugt zum einen vom Witz und zum anderen von der Komplexität der grafischen Kon­s­truktion.
Polarisierend dürfte das Cover in gestalt­psycho­logischer Hinsicht sein, visualisiert doch die Trichter­förmigkeit, welche von der breitesten ersten Zeile bis hin zur kürzesten letzten Zeile entsteht, je nach Blickwinkel des Rezipienten entweder den sich nach oben hin ausbreitenden Rauch – Sinnbild des Freiheit suchenden Genusses – oder aber den enger werdenden Lebensweg des Rau­chers. Das Cover verspricht also Zündstoff – und zwar nicht unbedingt den, der die Zigarette zum Glühen bringen könnte, sondern vielleicht den, der das feurige Gemüt des militanten Nichtrauchers anheizen könnte.
Hält das Buch, was das Cover verspricht?
Schaun’s doch nach.

Rauchen Sie? Verteidigung einer Leidenschaft von Imre von der Heydt, 255 Seiten, Dumont Literatur und Kunst Verlag 2005.

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