Rezension: Mario Benedetti - Pedro y el Capitán

pedro y el capitan Die Bühne – ein Verhörzimmer. Ein Tisch, zwei Stühle, der Hauptmann. Pedro, Mitglied der oppositionellen Linken und politischer Gefangener eines nicht näher spezifizierten diktatorischen Regimes, wird mit sichtbaren Spuren einer vorangegangenen Folterprozedur in den Raum geführt.
So der Beginn eines jeden der vier Akte in Benedettis Theaterstück, das institutionalisierte Folter thematisiert, ohne zu demonstrieren. Viel bedrohlicher noch liegt sie wie ein dunkler Schatten über der reduzierten Szenerie. Benedetti, der selbst nach dem Militärputsch 1973 seine Heimat Uruguay als Anführer einer linken Bewegung verlassen musste, weiß, wovon er spricht. Bedächtig umkreist er die zentrale Frage: Was bringt einen Menschen dazu, einen anderen zu foltern. In seinem Stück verzichtet er auf Stereotypen eines anklagenden Exempels der Grausamkeit, eher beschreibt er die Begegnung zweier Männer, beide der gebildeten Mittelschicht angehörig, die eine unterschiedliche Ideologie trennt, welche so die Rollen vorgibt.

„La obra no es el enfrentamiento de un monstruo y un santo, sino de dos hombres, dos seres de carne y hueso, ambos con zonas de vulnerabilidad y de resistencia 1“ (aus dem Prolog)
Auf psychologisch raffinierte Weise lässt Benedetti die Protagonisten die Stärken und Schwächen des anderen ausloten – die Macht, die dem einen durch die Uniform verliehen ist, misst sich mit der des Schweigens.
Zu Beginn bemüht sich der Hauptmann, ein Mann des Wortes, mit dem herablassenden Respekt des Überlegenen, durch Argumente sein Gegenüber zum Sprechen zu bringen. Ein Hervorheben von Gemeinsamkeiten, ein Pochen auf Vernunft, das keine Antworten erzwingen will. Langsam entwickelt sich das Verhör zum Dialog, in dessen Mittelpunkt der Prozess der Wandlung steht, der den Hauptmann zum Folterknecht, den Bankbeamten zum Märtyrer werden ließ.
Während Letzterer im Laufe der fortschreitenden Folterprozedur seine Rolle im Angesicht des Todes bewusst als Stärke gegen den Aggressor wählt, wird dem Hauptmann durch das beharrliche Schweigen Pedros jegliche selbstgebastelte, moralische Rechtfertigung entzogen. Schließlich degradiert der Gefangene den Hauptmann zum Bittsteller.

Mario Benedettis Arbeit als Kritiker, Kolumnist, Dichter und Literat brachte ihm zahlreiche Preise in Südamerika und Europa ein, mit der Verfilmung seines Romans „La tregua“ (deutscher Filmtitel: „Der Waffenstillstand“) sogar eine Oscarnominierung. „Pedro y el Capitán“, sein einziges Theaterstück, entstand 1979 im kubanischen Exil.

Wer das Werk (deutscher Titel: Pedro und der Hauptmann) heute in Buchhandlungen sucht, wird kopfschüttelnden FerialpraktikantInnen gegenüberstehen, die geduldig alle Titel verfügbarer Bücher Benedettis aus ihren Archiven ablesen, um zu dem Schluss zu kommen: Nein, das wird wohl nicht mehr verlegt. So ist es. Die Leere in den Augen der braven Praktikantin.
Wer sich nicht scheut, der Literatur mit einem .zip-zipfel zu begegnen, der findet das gute Stück dennoch im spanischen Original auf: http://www.elortiba.org/benede1.html

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