Roast your sins away!

Himmel, Hölle, Fegefeuer – und wo dabei das Huhn ins Spiel kommt

„Bekanntlich ist das Paradies ein Ort der Harmonie und des Wohlbefindens. Sämtliche in einer Gesellschaft auftauchende Konflikte treten hier nicht auf, weil es keine sozialen und persönlichen Gegensätze gibt (…)“ – so ist es zumindest im Wikipedia-Artikel „Garten Eden“ unter „Soziale Deutung“ nachzulesen. Man darf sich also Hoffnungen darauf machen, Gleiche/r unter Gleichen sein, wenn man denn zu Lebzeiten stets anständig und gehorsam war. Im Gegensatz dazu steht die Vorstellung der Hölle: Jene, die sich alles andere als redlich verhalten, schmoren im quälenden Höllenfeuer, ohne jemals darin zu verbrennen. Dazwischen gibt’s natürlich noch das Fegefeuer, denn der unmittelbare Zugang zum Paradies ist niemandem möglich, da in diesem Gedankenmodell jede/r zumindest durch die Erbsünde vorbelastet ist und somit mehr oder weniger Zeit im Fegefeuer zubringen muss.

In diesem gilt es dann, die angesammelten Sünden herauszubrutzeln, um anschließend geläutert das Paradies zu betreten.

Das „Hühnerparadies“!
Scheinbar befindet sich ein Paradies auch in Wien, das sogar mehrfach. Ohne danach gesucht zu haben, stach mir unlängst das Hühnerparadies ins Auge. Ein Freund gab mit der provokanten Frage „Na, ob das die Hühner auch so sehen?“ den Anstoß, darüber mal nachzudenken. Wo sind die Gemeinsamkeiten zu den drei besprochenen Ebenen? Zur Hölle fällt es eher schwer eine zu finden, zum Paradies hingegen weniger: gerupft, geköpft und gespeert ist ein Huhn gleich dem anderen, aber Harmonie? Möglicherweise. Wohlbefinden? Eher nicht.
Somit handelt es sich bei derartigen Hühnerparadiesen wohl doch um Hühnerfegefeuer, welche die Hühner durchschreiten müssen, um von ihrer Ursünde erlöst zu werden. Diese besteht folglich darin, dem Menschen in rohem Zustand nicht bekömmlich zu sein – eine Sünde, die dem Huhn herausgebrutzelt wird. Sobald das geschafft ist, kann der Vogel nun seiner paradiesischen Aufgabe zugeführt werden, die es ist, dem Menschen zu munden. Ist es nun auch die Aufgabe des Menschen, als Nahrung zu dienen? Das mag gut sein, vielleicht nährt der Mensch den Glauben an ein Paradies, für das man schon so manches in Kauf nimmt, um letzten Endes womöglich damit jemand anderem dienlich zu sein? Man weiß es nicht. Interessant an der Geschichte mit dem Federvieh ist noch Folgendes: Als „glücklich“ werden ironischerweise jene Hühner bezeichnet, denen es – nach menschlichem Ermessen – zu irdischen Zeiten gut ging, selten aber die ausgelutschten Gebeinhaufen oder gar die Seele der Tiere nach dem erfolgreichen Transfer ins Paradies.

Homo Sapiens Domesticus?
Eines muss man den Tieren aber zugute halten: Sie wurden zumindest nicht vor die Wahl gestellt, sie haben sich nicht für diese Version des Ablaufs entschieden. Im Gegenteil, er wurde ihnen von außen aufgezwungen. Hühner kennt man heute in der Zuchtform Gallus Gallus Domesticus, als vom Menschen domestiziert. Auch die Gattung des Homo Sapiens scheint domestiziert, allerdings von internen Kräften. Warum zähmt der Mensch also? Anhand des Huhns wird der Grund deutlich: Er macht sich dadurch etwas dienlich, und zwar das Domestizierte. Somit liegt die Vermutung nahe, dass die Grundidee der Bändigung der Menschen durch Ihresgleichen darin besteht, viele davon wenigen dienlich zu machen. Mittel zum Zweck scheinen oftmals Sinngebungssysteme konstruiert aus normativen Werten zu sein, wobei wahrscheinlich jedoch erst das Stellen der Frage nach dem Sinn das dringende Bedürfnis nach deren Beantwortung auslöst. Da diese Frage aber schlichtweg nicht absolut zu beantworten ist, wird sie oftmals mit taktischer Finesse eingesetzt. Stellt man den Fragenden die Antwort für gewisse Gegenleistungen in Aussicht, so sind diese eher bereit, solche Leistungen zu erbringen. Glauben generell ist an sich nichts Verwerfliches, doch die Bändigung der Gedanken mittels konstruierter Antwortmodelle wohl doch.
Wie könnte nun ein Resümee von alledem lauten? Vielleicht „Don’t be a chicken“, ich nehme aber Abstand davon, eine solche Empfehlung explizit auszusprechen, da mir dies nicht im Geringsten zusteht. Der große Vorteil der Menschen gegenüber den Hühnern sollte schließlich darin bestehen, frei in dem zu sein, was man (nicht) glaubt.

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