Schach dem kleinen Korsen

„Ein wenig Überlegung wird jedermann überzeugen, daß die Schwierigkeit, eine Maschine jegliches Spiel gewinnen zu lassen, kein bißchen größer ist […] als die, sie ein bestimmtes Spiel gewinnen zu lassen.“ (Poe)

Eines Nachmittags im Herbst 1769 führte ein gewisser François Pelletier, halb Physiker, halb Taschenspieler, am kaiserlichen Hof in Wien seine „magnetischen Spiele“ vor; er prahlte damit, daß seine Apparate auf bahnbrechenden Errungenschaften der französischen Wissenschaft beruhten. Pech für ihn: Neben Maria Theresia saß ihr Hofkammerrat Wolfgang Ritter von Kempelen, dessen Hobby mechanische Basteleien waren. Er erklärte ihr während des Programms die Tricks und behauptete keck, er könne etwas bauen, was den Franzosen weit in den Schatten stellen sollte.

Auf kaiserlichen Befehl verschwand er danach für sechs Monate in seiner Werkstatt in Preßburg und kehrte im Frühling 1770 mit einem seltsamen Kumpan zurück: einem lebensgroßen hölzernen Türken, der vor einer schreibtischartigen Truhe saß; darin sah man Zahnräder, Walzen und Hebel und konnte zwischen ihnen auch hindurchblicken.
Der Türke hatte einen mechanischen Greifarm, mit dem er Schachfiguren zielsicher über ein Brett bewegte, und er spielte besser Schach als die düpierten Höflinge; Philipp Graf Cobenzl verlor vor den Augen der Kaiserin als erster haushoch gegen ihn. Wenn jemand einen schwachen Zug machte, rollte der Holzkopf geringschätzig die Augen; und wenn man ihm statt des Schachbretts eine Tafel mit Buchstaben und Ziffern vorlegte, konnte er Rechenaufgaben lösen und vernünftige Antworten auf Fragen geben – die erste Maschine der Welt, die den Turing-Test bestand! Ein Räderwerk wollte dem Menschen seinen Rang als einziges denkendes Wesen ablaufen!

SchachtürkeEroberungszüge

Nachdem jeder Adelssproß und Diplomat in Wien den Türken einmal gesehen hatte, räumte Kempelen seine Sensation in die Rumpelkammer. Er widmete sich Projekten, an denen ihm mehr lag; er baute moderne Bewässerungsanlagen für die Landwirte im Banat und entwarf eine Schreibmaschine für Blinde. Erst 1781, anläßlich eines Besuchs des russischen Großherzogs Pawel Petrowitsch, ließ Joseph II. ihn die Schachmaschine wieder hervorholen und schickte ihn nachher damit auf Europatournee. Im Pariser Café de la Regence, damals Zentrum des europäischen Schachs, traten Großmeister wie Legall de Kermeur und Philidor gegen den Türken an – zwei der wenigen, die ihn schlugen. In London brach ein Federkrieg der Pamphletisten aus; sie warfen mit Theorien um sich, warum und wie ein Mensch in der Maschine versteckt sein müsse. In Deutschland lehrte sie E. T. A. Hoffmann das Gruseln – es spiegelt sich in der Erzählung „Die Automate“ in seinen Serapionsbrüdern – und der Schauspieler Heinrich Beck schrieb einen Schwank „Die Schachmaschine“, den Goethe 1799 in Weimar inszenierte.
1804 starb Kempelen, und sein Sohn verkaufte den Türken an den Erfinder und Showman Johann Nepomuk Mälzel. Mälzel gab den (geringfügig umgebauten) Türken als eigene Erfindung aus, ließ ihn nur noch Schach spielen – das Frage- und Antwortspiel roch zu sehr nach Trick – und nahm ihn auf eine erfolgreiche Tournee nach Amerika mit, die erst 1838 endete.

Einen Türken bauen

Obwohl der Originaltürke 1854 bei einem Museumsbrand in Philadelphia zu Asche wurde und die zahlreichen Aufdecker (der berühmteste: Edgar Allan Poe mit seinem Artikel „Maelzel’s Chess Player“, 1836) jeweils nur ein paar Puzzleteile seines Innenlebens richtig errieten, ließ es sich doch so genau erschließen, daß zwei getreue Nachbauten möglich waren. Einer läßt sich seit 2004 im Heinz-Nixdorf-Museum in Paderborn bewundern. Der andere lauert in Los Angeles, im Kuriositätenkabinett seines Schöpfers John Gaughan, der ansonsten exquisite Zauberapparate für David Copperfields Kollegen liefert – welche genau, verrät er ungern. Gaughans Türke hat 1989 tatsächlich einen Schachcomputer besiegt – allerdings hatte man den beiden ein Endspiel vorgelegt, bei dem auf jeden Fall gewinnen konnte, wer als erster zog.
Selbstverständlich war und ist der Schachautomat getürkt – manche sagen sogar, dieser Ausdruck wäre seinetwegen geprägt worden. Ein Mensch im Inneren der Truhe folgte dem Spiel anhand von magnetischen Zeigern und manövrierte die Figuren von einem zweiten Schachbrett aus mittels einer sinnreichen Storchschnabelmechanik. Für Kempelens Genie spricht, daß die Zeitgenossen allenfalls ein Kind oder einen Liliputaner in der Truhe vermuteten, höchstens noch einen Affen oder – so fabulierte der französische Magier Robert-Houdin in seinen Memoiren – einen rebellischen polnischen Offizier, dem man beide Beine abgeschossen hatte. Tatsächlich hatte ein normaler ausgewachsener Mensch darin Platz, und man konnte die Kiste dennoch von allen Seiten vorzeigen, ohne daß jemand mehr als nur Räderwerk sah – Copperfield läßt grüßen. Kempelen engagierte in Paris sogar eigens einen eher wuchtigen Spieler (Boncourt), um den Leuten das Raten zu erschweren. Löblicherweise verrieten die Assistenten weder Kempelen noch Mälzel jemals; die Gegner des Türken spielten stets gegen ein unergründliches Phantom.

Prominente Gegner

Im Lauf der Zeit fanden sich viele berühmte Leute in dieser Lage, zum Beispiel Benjamin Franklin (als Diplomat in Paris) und der Mathematiker Charles Babbage. Die Türken-Mythologie, die etwa ab 1820 zu wuchern begann, wollte aber vor allem, daß ihr Held gekrönte Häupter mattgesetzt hatte: Louis XV. von Frankreich (er starb 1774, ehe der Türke Wien verlassen hatte), Friedrich II. von Preußen (er spielte gar kein Schach), George III. von England (zeitlich möglich, aber jeder Beleg fehlt), Katharina II. von Rußland (das gehört zum selben Märchen wie der beinlose polnische Rebell). Teils waren das Gerüchte, teils Wichtigtuerei von Mälzel – zu Reklamezwecken. Gut dokumentiert scheint dagegen eine Partie des Türken gegen Napoleon Bonaparte, 1809 nach der Schlacht bei Wagram, als der Kaiser zu Verhandlungen in Schönbrunn weilte.
In seinen Mémoirs (1830 erschienen, nicht von ihm selbst verfaßt) erzählt Napoleons Kammerdiener Louis Constant Wairy, wie der Kaiser Mälzels Maschine durch regelwidrige Züge auszutricksen suchte, der Apparat ihn aber prompt korrigierte und nach drei falschen Zügen alle Figuren vom Brett wischte. Später hieß es aber, es sei noch eine zweite, reguläre Partie gespielt worden. Sie erschien am 20. Dezember 1845, Zug für Zug aufgezeichnet, in der Schachkolumne der Illustrated London News unter dem Titel „The Automaton Chess Player Redivivus“; ein Autor wird nicht genannt, aber vermutlich war es der inoffizielle Schachweltmeister, Journalist und Shakespeare-Kenner Howard Staunton (1810–1874). Hier die Partie in moderner Notation; Napoleon spielte Weiß.

Die nebulöse Partie

1. e4 e5 2. Df3? Dieser Zug heißt in Schachbüchern „Napoleons Angriff“, und man warnt jeden Anfänger davor, seine Dame so bloßzustellen. … Sc6 3. Lc4 Sf6 4. Se2 Lc5 5. a3? Napoleon fühlt sich durch den schwarzen Läufer angegriffen und verteidigt b4 mit dem Bauern – überflüssiger Tempoverlust. … d6 6. 0–0 Lg4 Der Angriff des Türken beginnt! 7. Dd3 Sh5 8. h3 Lxe2 9. Dxe2 Sf4 10. De1? Sd4 11. Lb3?? Der dümmste Zug in dieser Partie; kann der Kaiser wirklich erwartet haben, das Pferd von d4 würde sich auf diesen Läufer stürzen? Vielleicht wollte er den Automaten auf die Probe stellen. Egal, Schwarz führt den geplanten Angriff weiter: … Sxh3+! 12. Kh2 Dh4 13. g3 Sf3+ 14. Kg2 Sxe1+ 15. Txe1 Dg4 16. d3 Lxf2 17. Th1 Dxg3+ 18. Kf1 Ld4 19. Ke2 Dg2+. Nach der ursprünglichen Quelle hat Napoleon hier aufgegeben, aber boshafte Leute haben die schmähliche Flucht des weißen Königs bis zum Garaus weitergesponnen: 20. Kd1 Dxh1+ 21. Kd2 Dg2+ 22. Ke1 Sg1 23. Sc3 Bringt nur noch eine minimale Verzögerung. … Lxc3+ 24. xc3 De2++. Der Kaiser ist matt – es lebe der Kaiser. Angeblich hat er in einem Wutanfall alle Figuren durchs Zimmer geschleudert (wie in Constants Erzählung der Automat, nur weniger dezent).

Wer war der Kiebitz?

Es liegt nahe, diese Partie für fiktiv zu erklären; nicht nur, weil der anonyme Kolumnist keine Quelle angab. Constants Ghostwriter könnte sie ja der Kürze wegen und aus Rücksicht auf den verstorbenen Ex-Kaiser übergangen haben – aber hat Constant selbst sie sich jahrzehntelang so genau gemerkt und vor seinem eigenen Ende noch schnell an ein englisches Magazin weitergereicht? Welcher andere Zeuge hätte 1845 noch davon berichten können? Mälzel war 1838 gestorben, auf einem Schiff mitten im Atlantik, deprimiert und dem Trunk verfallen, nachdem das Gelbfieber seinen Gefährten Wilhelm Schlumberger hingerafft hatte – den genialen Schachspieler, der in den USA als Seele des Türken fungiert hatte. Nicht mehr verfügbar war auch Mälzels Assistent aus den Jahren um 1809: der Wiener Schachmeister Johann Baptist Allgaier. Er starb 1823, zwei Jahre nach Napoleon.
Gewiß könnte Mälzel oder Allgaier die Partie notiert haben, als Souvenir an die Begegnung mit dem großen Korsen, und Findigkeit oder Zufall hätte ein Notizblatt aus ihrem Nachlaß nach London verschlagen. Constant zufolge kann es auch noch weitere Kiebitze gegeben haben: Marschall Louis-Alexandre Berthier (verstorben 1815), in dessen Arbeitszimmer sich das Ganze zutrug, und eine Handvoll ungenannte Lakaien. Daß die Partie trotzdem Dichtung ist, dafür spricht am stärksten der Verlauf der Partie selbst.

Verdächtiges Spiel

Napoleon stellt sich an wie der erste Mensch. Den überstürzten Damenzug am Anfang – zusammen mit 3. Lc4 die Androhung eines Schäfermatts auf e7, falls der Automat sehr dumm wäre – kann man noch als korsisches Draufgängertum durchgehen lassen; das mißglückte Läuferopfer im 11. Zug als „Renaissance-Schach“ – fünfzig Jahre früher, ehe Legall und Philidor einen vernünftigeren Stil einführten, wäre es noch „Feigheit vor dem Feind“ gewesen, hätte das schwarze Rössel den Läufer nicht gefressen. Wie passen aber solche Donquichotterien zu dem lahmen Defensivzug 5. a3, und erst recht zum verzagten Rückzug der Dame auf e1 – wo sie mit 10. Dg4 den Springer angreifen, die Position ausgleichen und die Partie retten könnte?
Aber was macht der Türke? Einen so unfähigen Gegner hätte er weit schneller erledigen können: 10. … Dg5 (statt Sd4) hätte mit einem Matt auf g2 gedroht, und Weiß hätte höchstens noch sechs oder sieben Züge standgehalten. Im 14. Zug die Dame zu schlagen war Luxus; stattdessen Sf4+, und Weiß wäre trotz Dame in zwei Zügen matt gewesen. Dasselbe Springermanöver einen Zug später hätte immer noch ein sicheres Matt gebracht, wenn auch langsamer. War es in der Kiste so finster, oder wollte der versteckte Spieler dem Kaiser immer noch eine letzte Chance lassen? Napoleon war als schlechter Verlierer bekannt, den man oft untertänigst gewinnen ließ. Verräterisch scheint mir aber, daß er im 16. Zug den Damenbauern nicht auf d4 vorgerückt haben soll, wo er den schwarzen Läufer aufgehalten hätte – vielleicht keine Rettung, aber eine Verzögerung, die nicht zu nutzen nach barem Selbstmord aussieht. Oder – weil sich der Schluß sonst weniger blamabel gestaltet hätte – nach boshafter Inszenierung.

Ein Schachroman

Die Partie zeichnet uns – lang nach seinem Scheitern und Ableben – eine böse Karikatur Napoleons. Er spielt dummdreist, mit einem Kraftaufwand, den er wenige Schritte später bereuen muß – man sehe nur, was mit seiner Dame passiert. Er will alles allein machen – man verfolge, wie sich sein König als Angriffsfigur gegen zwei Springer ins Feld wirft. Altmodisch ist sein Stil obendrein; und dann zeigt er noch (siehe oben) Anfälle jämmerlichster Feigheit, ein Köter, der kläfft und den Schwanz einzieht – oder ein Feldherr, der Moskau attackiert und sich dann bei Nacht in der Kutsche davonstiehlt. All die ungenutzten Chancen, die ihm der Türke einräumt, gehören zum Plan des Londoner Anonymus: Er läßt den Kaiser, vom letzten Truppenrest verlassen (sein Königsflügel wird regelrecht eingestampft) ein unrühmliches Ende nehmen – statt auf St. Helena auf e1. Ein humoristischer Historienroman, in Schachzügen erzählt – und das 27 Jahre vor Lewis Carrolls „Through the Looking Glass“! Hut ab vor Staunton, oder wer immer der Autor war, und ein schallendes Gelächter! Schlimm genug, daß den Spaß während 164 Jahren niemand verstanden hat – zumindest hat keiner laut gelacht. Und beruhigend, daß damit auch J. B. Allgaiers Andenken entstaubt wird: Wenn die Partie erdichtet ist, muß der „deutsche Philidor“ und Schachlehrer der Wiener Erzherzöge sich kein so schwaches Spiel gegen den Sieger von Austerlitz geleistet haben.

Matt

Napoleon I. ist zwar auch mit dem Napoleon-Gambit (Lc4 als 5. Zug von Weiß in der schottischen Partie) in die Schachliteratur eingegangen, mit dem er vielleicht 1820 auf St. Helena gegen seinen Mitverbannten General H. G. Bertrand gewann – eine vernünftige Partie, die mit seiner angeblichen Tolpatschigkeit gegenüber dem Türken scharf kontrastiert. Aber es ist nicht so berühmt wie „Napoleons Angriff“, der von vornherein nur eine Teufelei des britischen Schachsatirikers war. Böse Zungen sehen in der davonrennenden Dame auch noch ein Symbol für Joséphines zahlreiche außereheliche Affären: Der Kaiser schafft es gleich von Anfang an nicht, seine Königin im Haus zu behalten. Aus schachgeschichtlicher Perspektive kann einem Napoleon richtig leid tun. Désolé, p’tit caporal.

Das Standardwerk zum Schachautomaten, mit umfangreichen Literaturangaben: Tom Standage, The Mechanical Turk, Penguin Books 2002.
Eine detaillierte Besprechung der (als historisch vorausgesetzten) Partie Napoleon-Automat: http://www.log-in-verlag.de/service/2004/Schachautomat.pdf_

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