Sex als Arbeit

Verletzung der Menschenwürde oder Menschenrecht? Abzuschaffendes Übel oder selbstbestimmte Arbeit? Freiwilligkeit oder Zwang? – Die Diskussion um Prostitution/Sexarbeit bewegt sich entlang mehrerer Dichotomien.

Schreiben, Reden, Forschen zum Thema Prostitution (a), so die Soziologin Martina Löw, findet „jenseits der Meistererzählung“ statt. „SexarbeiterInnen, ZuhälterInnen, SozialarbeiterInnen, PolizistInnen wissen viel über Prostitution, aber diese Kenntnisse widersprechen sich und folgen unterschiedlichen Erzählsträngen“. Darum gibt es in diesem Feld „zahlreiche Wahrheiten“, die nebeneinander existieren.

Auch und gerade in feministischen Debatten sind die Positionen zur Frage, wie Prostitution theoretisch und politisch-rechtlich gefasst werden soll, polarisiert. Vereinfacht gesagt, können die Argumente der Diskussionen zu drei Positionen (Künkel 2007) zusammengefasst werden.

Abolitionismus

Die erste für Europa wichtige Position entstand Ende des 19. Jahrhunderts in England. Ihre Vertreter_innen verstehen Prostitution als Sklaverei, als Ausdruck ungleicher Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern bzw. als eine Form männlicher Gewalt und als Verletzung der Würde von Frauen. Die Bezeichnung „Sexarbeit“ wird abgelehnt, weil sexuelle Ausbeutung und Gewalt gegen Frauen damit unsichtbar gemacht würden. Ziel ist es, Prostitution abzuschaffen – daher auch der Name dieser Strömung: Abolitionismus (englisch: to abolish = abschaffen, beseitigen). Dabei soll nicht die einzelne Prostituierte (b) bestraft werden, denn diese wird als Opfer verstanden. Jedoch sollen jene, die von Prostitution profitieren – beispielsweise Freier oder Bordellbesitzer_innen – kriminalisiert werden. Staatliche Regelungen der Prostitution werden abgelehnt, weil letztere dadurch als unabänderliche Realität anerkannt werde. Zwischen freiwilliger und erzwungener Prostitution wird hier nicht unterschieden, da die Freiwilligkeit der Entscheidung, im Sexgewerbe tätig zu sein, prinzipiell in Frage gestellt wird. Frauen, die so ihren Lebensunterhalt verdienen, werden als Opfer von Rahmenbedingungen gedacht (wie etwa sexueller Missbrauch in der Kindheit, Drogenabhängigkeit, Verschuldung, mangelnde Erwerbsalternativen), die Freiwilligkeit ausschließen.

Freiwilligkeit versus Zwang

Diesen abolitionistischen Bestrebungen wurde die Unterscheidung zwischen freiwilliger und erzwungener Prostitution entgegen gestellt (Doezema 1998). Durch die Bezeichnung Sexarbeit wird der Arbeitsaspekt hervorgehoben. Sexarbeit wird als Erwerbsmöglichkeit gedacht, für die mensch sich entscheiden kann, als Dienstleistung, die die gleiche Anerkennung und auch den gleichen Schutz verdient wie jede andere Arbeit. Damit in Zusammenhang steht die Forderung nach Anerkennung als Arbeit sowie besseren, geregelten Arbeitsbedingungen für Sexarbeiterinnen. Zwang und Gewalt sind der Prostitution nach Ansicht der Vertreter_innen dieser Position nicht inhärent, sondern variieren historisch, nach Prostitutionsform und (staatlichem) Regulierungssystem.
Gleichzeitig sollen aber jene Frauen geschützt werden, die zur Prostitution gezwungen werden.

Jenseits der Dichotomie

In jüngerer Zeit wird die Unterscheidung von freiwilliger und unfreiwilliger Prostitution von mehreren Expert_innen und Aktivist_innen kritisiert und in ihrer Eindeutigkeit in Zweifel gezogen. Es geht hier nicht darum, zu leugnen, dass einige Frauen in der Sexindustrie unter schlimmsten Bedingungen arbeiten; genauso wenig soll behauptet werden, dass eine Frau sich nicht für Prostitution als Beruf entscheiden kann. Jedoch, so die Argumentation, könne eine solche Unterscheidung einer anderen Vorschub leisten: derjenigen zwischen unschuldigen, ahnungslosen, hilfsbedürftigen Opfern auf der einen Seite und freiwilligen (devianten) Prostituierten auf der anderen, die im schlimmsten Fall keine Hilfe oder Anerkennung verdienen. Den „Opfern“ wird darüber hinaus die eigene Handlungsfähigkeit (agency) abgesprochen, was sich vor allem in der Debatte um Frauenhandel in Begriffen wie „verführt“ oder „verschleppt“ äußert.
Aus dieser Sicht ist auch der Terminus „Zwangsprostitution“ problematisch, da damit Sexarbeit weiter stigmatisiert wird. Der Begriff taucht zumeist im Zusammenhang mit Menschenhandel auf; allerdings ist Prostitution nicht der einzige Bereich, in den Menschen gehandelt werden, d.h. in dem sie unter schlechtesten Bedingungen arbeiten müssen – andere Beispiele sind Hausarbeit, Ehe, Bau- und Gastgewerbe. Allerdings wird niemand von Zwangsaupairerei oder Zwangsmaurerei sprechen. Zwang wird begrifflich nur mit Prostitution verbunden. „Zwangsprostitution“ soll also nicht der Gegenbegriff zu freiwilliger Prostitution sein, sondern im Vordergrund sollen Rechte für Sexarbeiterinnen stehen, um deren Position zu stärken.

„Prostitutionsregime“

Die unterschiedlichen Sichtweisen auf Prostitution/Sexarbeit spiegeln sich auch in unterschiedlichen staatlichen/rechtlichen Regulierungen wider. Wieder idealtypisch, kann von vier Prostitutionsregimen gesprochen werden:
Während prohibitive Regime Prostitution verbieten und sowohl Sexarbeiterinnen als auch Kunden und Zuhälter kriminalisieren (Beispiel: USA und ehemalige kommunistische Staaten), verfolgen abolitionistische Regime das Ziel der letztendlichen Abschaffung von Prostitution. Sie kriminalisieren in der Regel Kunden und Zuhälter, aber nicht die Prostituierten selbst (Beispiel: Schweden). Reglementaristische Regime entkriminalisieren Prostitution, treffen aber zumeist keine weiteren Absicherungen für Anbieterinnen von Sexarbeit. Der Staat kontrolliert unmittelbar die Formen der Ausübung von Prostitution – in der Regel durch sittenpolizeiliche Maßnahmen wie Registrierung und staatliche Gesundheitsuntersuchungen. Dies ist z.B. in Österreich der Fall. In Sexwork-Regimen ist der Kauf und Verkauf von sexuellen Dienstleistungen als Form der Arbeit anerkannt und rechtlich geregelt (Beispiel Niederlande).

Sittenwidrigkeit in Österreich

In Österreich ist Prostitution nicht verboten, allerdings gilt sie als sittenwidrig. Das bedeutet, dass eine Sexarbeiterin das vereinbarte Entgelt nicht einklagen kann, wenn sich ein Freier weigert zu zahlen. Dadurch ist ihre Position erheblich geschwächt und Prostitution in Österreich am Rande der Legalität angesiedelt.
NGOs wie LEFÖ, die mit Sexarbeiterinnen arbeiten, fordern daher deren Abschaffung und die Anerkennung von Prostitution als Arbeit mit allen daran geknüpften Rechten.
ski

Literatur:

Künkel, Jenny (2007): Sex, Crime und „richtige Männer“: Frauenhandelsmythen zur WM 2006. In: Eick, Volker/Sambale, Jens/Töpfer, Eric (Hg.): Kontrollierte Urbanität. Zur Neoliberalisierung städtischer Sicherheitspolitik. Bielefeld: transcript Verlag, S. 261‑284.

Kempadoo, Kamala/Doezema, Jo (1998; Hg.innen): Global Sex Workers. Rights, Resistance, and Redefinition. New York/London: Routledge.

Löw, Martina (2006): Blickfänge. Räumlich-geschlechtliche Inszenierungen am Beispiel der Prostitution. In: Berking, Helmuth (Hg.): Die Macht des Lokalen in einer Welt ohne Grenzen. Frankfurt/New York: Campus Verlag, S. 181‑198.

Prantner, Marie-Theres (2006): Sexarbeit … Frauenrechtsverletzung oder eine Arbeit wie jede andere? Eine kritische Analyse ausgewählter rechtlicher Regelungen in Europa. Master Thesis, Wien.

www.lefoe.at
www.lustaufrechte.at

Anmerkungen:

a Die Begriffe „Prostitution“ und „Sexarbeit“ werden hier, so nicht explizit auf einen Unterschied hingewiesen wird, als Synonyme verwendet.
b Obwohl es auch männliche Prostituierte gibt, und auch einige wenige Kundinnen, verwende ich hier zur Verdeutlichung des Geschlechterverhältnisses keine „neutralen“ Formulierungen, sondern spreche von weiblichen Prostituierten und männlichen Kunden.

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