Österreich einig Atomfreiistan!

Über die Ambivalenz der Österreicher in der Haltung zur Atomkraft

Es gibt ein paar Dinge, die ziemlich undankbar sind. Schnapshändler in Teheran zum Beispiel, Kanalräumer in Kalkutta oder Qualitätsbeauftragter in einer chinesischen Spielwarenfabrik. Und dann gibt es etwas, das all dies wie einen Thermenbesuch erscheinen lässt. Der ultimative Scheißjob zur Lage der Nation: ATOMKRAFTBEFÜRWORTER in Österreich. Es ist ein scheiß Job, aber irgendwer muss es ja machen.
Eines der wenigen Dinge, über die sich ganz Österreich einig ist, ist dass Atomkraft furchtbar, gefährlich und eine verachtenswürdige Sache ist. Glücklicherweise ist Österreich eine atombefreite Zone, äh atomkraftbefreite Zone.

Österreich ist atomfrei!

atomkraftOder doch nicht ganz? Seibersdorf war/ist doch ein Forschungsreaktor und das Dings im Atom­institut Wien zählt auch nicht. Oder doch noch immer nicht ganz? Unser Strom kommt doch aus der Steckdose oder zumindest aus Laufkraftwerken und wenn die nicht reichen aus Speicherkraftwerken wie Kaprun. So weit so richtig. Teilweise zumindest. NUR: Stromverbräuche richten sich LEIDER nicht nach den Durchflussraten der Donaukraftwerke. Wie wärs mit einem fernsehfreien Abend während des EM-Finales 2008? Keine so gute Idee? Na, da werden wir ein wenig Strom von unseren Nachbarstaaten importieren … Glücklicherweise produzieren ja Tschechien, Italien und Deutschland keinen Atomstrom. Nun ja, fast nicht. Aber er ist zumindest nicht in Österreich produziert. Ist ja schon was. Aber ist es eigentlich so schlimm, dass unser schönes Land „bösen“ Atomstrom importiert? Mitnichten! Vielmehr ist es die DERZEIT wohl beste Symbiose aus Ökonomie und Ökologie, die der Mensch mehr oder minder beherrscht. 365 Tage Strom aus Windenergie? Immer her damit! Allzeit bereiter Solarstrom? Immer her damit! Überschüssige Energie aus Wasserkraftwerken auch im Sommer? Immer her damit!

Wo geht’s hier zur nächsten „Wünsch dir was“-Show?

Leider ist die Thematik der Stromversorgung keine „Wünsch dir was“-Show. Das große Problem an diesen 3 Energieträgern ist folgendes: Sie stehen schlicht und ergreifend nicht immer dann zur Verfügung, wenn sie gebraucht werden. Strom besitzt nämlich eine ziemlich lästige Eigenschaft. Er lässt sich nur sehr widerwillig speichern. Da sich Batterien in den nächsten 300 Jahren vermutlich nicht für den bundesweiten Verbrauch eignen werden, bleibt der Trick mit den Speicherkraftwerken. Strom wird zu Spitzenbedarfszeiten produziert und das Wasser zu Zeiten mit niedrigem Energieverbrauch (meist nachts) wieder in höhere Stauseen gepumpt. Ist ja eigentlich ein ganz nettes Prinzip, die Verluste halten sich in Grenzen (rund 30%). Leider reichen die Kapazitäten längst bei Weitem nicht aus. Und es gibt einen kleinen Schönheitsfehler bei diesem Prinzip. Solche Kraftwerke werden in sehr sensiblen Landschaften (Alpen) gebaut (irgendwelche Speicherseen im Weinviertel?) und bringen das dortige Ökosystem gehörigst ins Wanken. In Österreich hat es ja schon fast Tradition gegen Wasserkraftwerke zu sein. Was derzeit diverse Bürgerinitiativen in Tirol sind, war früher einmal die Geburtsstunde der Grünen-Bewegung. In Hainburg erkämpfte sich unter der Führung des Auhirsches Nennig die Bevölkerung (mit dabei: ein gewisser „Mr160 km/h from the too small place Vorarlberg“ Hubert Gorbach – The times they are a changing), einen Platz für Lurchi, Quaxi & co. Denn der Österreicher mag zwar Wasserkraftwerke, aber nur nicht dort, wo in Ökosysteme eingegriffen (global betrachtet: 3-Schluchten-Damm, Ilsu) wird. Also prinzipiell überall. Darum hat es auch in Österreich seit 10 Jahren (Freudenau) keine nennenswerte Wasserkraftwerksinbetriebnahme gegeben. Wohl aber einen Anstieg des Energieverbrauchs. Allen Beteuerungen zum Trotze, nur dem Wohl der Umwelt verpflichtet zu sein, verbraucht Österreich immer mehr Strom (in den letzten Jahren jeweils um rund 2,5% mehr pro Jahr). Und die wollen bereitgestellt werden. Windkraft wäre ja eine ganz nette Alternative, die natürlich wie alle anderen Methoden einen oder mehr Haken hat. Zum einen: Landschaftsverschandlung. Österreicher haben meist ein Heimatbild, das sich nicht mit Windparkästhetik deckt. Und sie zerstören mal wieder den Lebensraum von Tieren, die nicht gerne unter Rotorblättern herumfleuchen. UND: Der Wind bläst, wann immer er will. Und nicht wenn er stromspitzenbedarfsgerecht gebraucht würde. (-> siehe Speicherprobleme) Von brennenden 100m Ungeheuern, die nicht zu löschen sind, und herumfliegenden Rotorblättern nicht qualitativ suboptimaler Windräder sowie der latenten Gefahr der Überlastung der Stromnetze wie in Deutschland mal gar nicht zu sprechen. Photovoltaik ist ja wirklich ganz nett, aber hat wieder sehr klassische Tücken. Menschen wollen auch am 21. Dezember mit Strom versorgt werden. Oder wenn es regnet. Oder wenn es Nacht ist. Und eines will Frau & Herr Österreicher gar nicht. Viel zahlen für den Strom. Umweltschutz schön und gut, aber die Kosten soll jemand anderer zahlen. Willkommen in Österreich!

Die Queens of the stone(kohle) age von nebenan

Aber schauen wir mal zum Nachbarn. In Deutschland hat sich die damalige Rot-Grüne Regierung zum sukzessiven Ausstieg aus der Atomkraft bekannt. Das war zum Wohle der Umwelt. Zur Verhöhnung der Umwelt werden jetzt Braunkohlekraftwerke gebaut, um die Versorgung zu sichern. BRAUNKOHLE UM DIE UMWELT ZU SCHÜTZEN?! Das ist in derselben Kategorie, als würde man H.C. Strache zum Integrationsbeauftragten der Grünen machen. Leider gilt für Schadstoffe seit jeher Reisefreiheit über Ländergrenzen hinweg und so wird auch Österreich vom deutschen „Umweltschutz“ profitieren und etwas Schwefeldioxid (das mit Wasser zu schwefeliger Säure reagiert) & co abbekommen. Was sollen denn die ganzen Lungenfachärzte machen, sollte sich wider Erwarten doch mal ein vernünftiger Nichtraucherschutz hierzulande durchsetzen? Schon jetzt wird mit einer Kilowattstunde Strom aus deutscher Erzeugung 17-mal soviel CO2 produziert, als das bei Strom französischer Produktion der Fall ist (übrigens weltweiter Spitzenreiter in Sachen Atomkraft). Anstatt in neue Atomkraftwerke zu investieren bzw. alte zu modernisieren, geht Deutschland den Weg zurück in die energietechnische Stein(kohle)zeit. Da bleibt einem nur noch Kopfschütteln. Deutschland + Atomkraft? Da war doch in letzter Zeit was. Ja genau Brunsbüttel + Krümmel! Und dort wurde mal wieder bewiesen, dass Atomkraft doch nicht sicher ist. Oder wars doch umgekehrt? Bei beiden kam es zu Komplikationen (Kurzschluss im Umspannwerk bzw. einem Brand bei einem Transformator), die so weit von einer tschernobylesken Katastrophe entfernt waren wie Georg Bush jr vom Friedensnobelpreis, die jeweils zu einer Schnellabschaltung der Reaktoren führten. Wobei es jetzt 2 Interpretationsmöglichkeiten gibt. Atomkraft ist nicht sicher und es passieren immer wieder Unfälle. Oder: Auch wenn es zu Problemen kommt, gibt es genug Sicherheitseinrichtungen, die eingreifen, wenn mal was passiert. Der Autor tendiert zu zweiter Interpretation, auch wenn 100% Sicherheit wie überall im Leben Illusion ist. Ein Unfall nach dem Muster von Tschernobyl wäre in westeuropäischen modernen Atomkraftwerken nicht möglich. (Technische Details dazu sind zu ausschweifend und überall im Internet für jedermann nachlesbar. Dezidiert ausgenommen: krone.at und bild.de.) Um es abschließend zu sagen. Atomkraft ist nicht die Zukunft der Energieversorgung. Aber solange dem Menschen keine versorgungssicheren (Windkraft), das Klima killende (Kohle) Technologien zur Verfügung stehen, wird er nicht um Atomkraft herumkommen. Und sei es durch Stromimporte …

Kommentare

kleine Korrektur

Italien produziert (derzeit) wirklich keinen Atomstrom, sondern machts wie Österreich und importiert ihn.
Berlusconi hat aber Pläne verlautbaren lassen in ALBANIEN (sic!) ein italienisches Atomkraftwerk bauen zu wollen.

Seltsame Zeiten: Zuerst werden Jobs outgesourced und jetzt auch schon Atomkraftwerke...

Neuen Kommentar schreiben

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
By submitting this form, you accept the Mollom privacy policy.