Streiten bis die Fetzen fliegen

Und wenn es auch nur Worte sind – eine verbale Attacke ergibt die andere, einem Vorwurf folgt bestimmt der nächste. Aufgetan hat sich die sprichwörtliche Wand, an der jedes Verständnis abprallt, und einen weiteren Streit zum zähen Ende bringt. In solchen und ähnlichen Situation übt sich die eingetragene Mediatorin Rosemarie Untner als Dolmetscherin zwischen verhärteten Fronten. Der Bagger im Gespräch.

Wie würden Sie den Beruf Mediation definieren?
Persönlich definiere ich es als Konfliktregelung, wenn verschiedene Parteien Probleme miteinander haben, aber trotzdem in der Zukunft miteinander auskommen müssen. Mediation ist sehr zukunftsorientiert, wir gehen nicht in die Vergangenheit. Es ist keine Therapie oder Vergangenheitsbewältigung, sondern es wird versucht, Lösungen für die Zukunft zu finden, so dass ein Miteinander wieder funktioniert.

Rosemarie Untner, MediatorinMediation ist ein sehr junger Beruf. Seit wann gibt es ihn?
In Österreich werden seit ca. 10 Jahren Mediatoren ausgebildet und ein Gesetz gibt es seit etwa 4 Jahren.

Warum boomt Mediation in der heutigen Zeit?
Als „Boomen“ würde ich das nicht bezeichnen. Ich glaube, dass der Begriff „Mediation“ ein bisschen inflationär verwendet wird. Manches hat mit der Mediation, wie sie uns ursprünglich gelehrt wurde, überhaupt nichts zu tun, sondern wird verwechselt mit „Moderation“.

Also ist heute bloß der Begriff modern?
Genau. Das freut mich auf der einen Seite. Allerdings habe ich schon Veranstaltungen gehalten, bei denen ich dazu gesagt habe: „Bitte bringen Sie keine Decke mit“, weil das sofort als Meditation verstanden wurde!

Ist Mediation eine typische Einrichtung der westlichen Wohlstandsgesellschaft?
Nein, das glaube ich nicht. Soweit ich informiert bin, hat es so etwas schon in China vor hunderten von Jahren gegeben. Es hat immer wieder Menschen gegeben, die Streit oder Konflikte bearbeitet haben, in einer anderen Form vielleicht, als wir es heute machen. Was wir versuchen, ist, dass die Lösungen direkt von den Beteiligten kommen. Weil das besser umsetzbar ist, als wenn ein Dritter sagt: „So hast du das zu machen.“

Treten Sie manchmal als Mediatorin auf jemanden zu und machen ihn auf seinen Konflikt aufmerksam?
Nein. Ich kann nicht auf jemanden zutreten und ihm sagen, ich löse euren Konflikt. Ich merke schon, wenn es nicht schlecht wäre, wenn sich ein Dritter einschalten würde. Aber es ist die Angelegenheit der Leute und nicht meine.

Kommen meistens beide Streitparteien oder nur eine?
Das ist ein bisschen das Problem bei der Mediation: Einer ruft an und der Zweite mag nicht. Das wird keine Mediation. Das kann z.B. eine Einzelberatung sein. Für die Mediation aber muss die Freiwilligkeit, dass sich alle auf einen Tisch setzen, gegeben sein.

Was konkret lernt man bei der Ausbildung zum Mediator?
Viel Theorie. In diversen Rollenspielen versucht man, Praxis zu bekommen. Mit Emotionen umgehen lernen. Mediation ist nicht immer friedlich: Es gibt Ausbrüche, Aggressionen, vor allem verbale. Wenn es zur körperlichen Aggression kommt, mach ich vielleicht etwas falsch als Mediatorin.

Wenden Sie selbst Rollenspiele an?
Nein. Anfangs sind die Klienten meist sehr geladen. Sie sitzen da und sprechen nicht miteinander. Und wenn, dann würde das nur in den Diskussionen enden, die sie ohnehin alleine haben. Ich schaue, dass am Anfang die Gespräche nur über mich gehen. Sprich, jeder einzelne spricht mit mir und der andere hört zu – so gut er kann. Viele können in dem Moment nicht mehr zuhören. Ich fungiere am Anfang eher als Dolmetscherin.
Und dann kann man schön langsam schauen, dass sie ins Gespräch kommen. Nämlich wirklich ins Gespräch.

Wo ist der Punkt, an dem der Klient „entlassen“ wird?
Er kann jederzeit aufhören. Genauso wie ich jederzeit aufhören kann, wenn ich das Gefühl habe, es geht jetzt nicht. Oder wenn ich das Gefühl habe, jetzt wär’s wichtig, dass er/sie sich einen Anwalt nimmt. Das ist mir auch schon passiert.

Was muss da vorfallen?
In dem Fall ging’s um eine Trennung auf Zeit – angeblich. Mit 2 Kindern. Der Vater wollte geteiltes Besuchsrecht, wollte nicht so viele Alimente bezahlen usw. Im Laufe der Zeit ist herausgekommen, dass er schon längst eine Freundin hatte, was die Frau nicht wusste. Da sage ich schon: „Ich glaube, jetzt ist es wichtig einen Anwalt beizuziehen.“

Das heißt, so ein Konflikt wird auch nicht gelöst?
In dem Fall wurde er von mir nicht gelöst, sondern es wurden Sachen hervorgebracht, die nicht offen gelegen sind. Die Wahrheit zu sagen und Offenheit ist einfach wichtig.

In diesem Fall wollten aber beide Parteien diese Mediation haben?
Ja, um die Trennung zu regeln.
Es ist mir aber auch schon passiert, dass zwei Leute 2 Stunden bei mir waren und dann draufgekommen sind, sie können eh miteinander reden. Super! Für mich war’s erledigt (lacht).

Braucht man bestimmte Talente für den Beruf?
Viele Techniken kann man sich anlernen. Ich glaube auch, dass die Praxis die Erfahrung bringt. Wichtig ist Zuhören können, Abgrenzen, und mit Themen umgehen zu können, die für einen selber unverständlich sind.

Das heißt, Abstand behalten ist auch eine wichtige Fähigkeit?
Ich bin ein Außenstehender. Außenstehende sehen andere Dinge. Und wenn ich mich hineinziehen lasse in den Konflikt, bin ich kein Außenstehender mehr. Da können Sie gleich zur nächsten Freundin gehen. Und das ist nicht meine Rolle.

Was sind die Erwartungen der Klienten?
Dass ich die Lösungen habe. Beinhart. (lacht) Daher sind die Erstberatungen auch kostenlos. In denen sage ich: Ich gebe keine Lösungen. Da müssen sie sich halt überlegen, ob sie sich das erarbeiten wollen. Weil es ist Arbeit.

In wie viel Prozent der Fälle müssen Sie ablehnen bzw. scheitert die Mediation?
Manche kommen nach dem Erstgespräch nicht mehr, aber da würde ich nicht sagen, es ist gescheitert. Nur weil wir nicht gemeinsam die (schriftliche oder mündliche) Vereinbarung gemacht haben, würde ich nicht sagen, es ist gescheitert.

Ab welchem Punkt sollte man einen Mediator einschalten?
Wenn gemeinsam weitergearbeitet werden muss. Wenn sich z.B. ein Paar trennt und ein Kind hat, dann wird immer eine Beziehung weitergeführt werden. Oder wenn Konflikte unter Arbeitskollegen herrschen, wo niemand die Absicht hat zu kündigen.

Kann man das irgendwo festmachen, ab wann solche Personen Mediation brauchen? Es gibt ja durchaus genug Menschen, die einen Konflikt selber lösen können.
Wenn ich mit dem anderen nicht mehr sprechen kann. Wenn ich nur noch auf Argumente – Gegenargumente gehe. Wenn jedes Gespräch gleich endet.

Das heißt, es gibt verschiedene Ebenen von Streit?
Genau. Es gibt diese Eskalationsstufen von Glasl (siehe Infobox) mit einigen Ebenen, bis zur eigenen Selbstvernichtung: „Es ist mir egal, ob ich jetzt drauf gehe, aber der andere, der geht auf alle Fälle drauf.“

Sind bei solchen Dingen gewisse Dispositionen von Menschen Ursachen dafür, dass es zu solchen Eskalationen kommt? Oder kann das jedem passieren?
Ich glaube schon, dass Menschen Tendenzen haben. Die einen geben gerne nach … bis es nicht mehr geht. Aber natürlich haben wir gerne Recht. Und natürlich ist der andere Schuld. Und dieses Nachdenken „Was kann ich dazu beitragen? Was habe ich dazu beigetragen?“ ist oft sehr schwierig.

Sind die meisten Strittigkeiten Detailfragen?
Ich glaube, dass sich vieles daraus entwickelt. „Für mich ist das keine Kleinigkeit, sondern ein Thema.“ Aus Verallgemeinerungen entstehen dann wirkliche Konflikte.

Ihre Klienten sind ja wahrscheinlich irgendwann einmal gut ausgekommen. Können Sie feststellen, wie es zu diesem Wandel kommt?
Schwierig, weil wir in die Zukunft schauen. Ich schaue nur: Warum stört das? Und wie kann man da jetzt eine Lösung finden?

Ist jeder Konflikt lösbar?
Ich glaube, dass, wenn alle Seiten bereit sind und sich auf den Prozess einlassen, dann bestehen gute Chancen, dass der Konflikt gelöst werden kann. Wenn’s jetzt um irgendwelche politischen Konflikte geht, dann trau ich mich nicht so leicht zu sagen, dass alle lösbar sind.

Sehen Sie Kriegsberichterstattung als Mediatorin aus einem anderen Blickwinkel?
Nein. Weil ich die Hintergrundgeschichte nicht kenne. Ich weiß nicht, wer sonst noch die Finger im Spiel hat. Ich glaube nicht, dass ich das lösen könnte. Das wäre anmaßend.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führten as & va

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