Sturm über Schloss Tattergrey

Die tragische Geschichte der Lady Loretta – Teil #7

Was bisher geschah: Lady Loretta Sibelya von Knockersville, eine vom Leben bereits schwer geprüfte junge Witwe, auf Drängen ihrer Familie wiederverheiratet, wird während ihres Aufenthalts auf Schloss Tattergrey, der von fortwährenden Intrigen und falschen Verdächtigungen überschattet ist, von einem weiteren harten Schicksalsschlag getroffen, als ihr Mentor und Sponsor, Onkel Edwin, während einer Inspektion der Renovierungsarbeiten am Westflügel, deren Leitung nach dem unerwarteten Tod des Bau­herren und Ehemanns ihrer Cousine, Richard Manteroy, dem erfolgreichen Ingenieur Roger von Hampelshire übertragen wurde, auf tragische Art und Weise ums Leben kommt.

... die Tür fiel hinter ihm zu und sein Blick auf Lady Loretta, die sich auf dem Canapé ausgestreckt und, wie er mit leichtem Erstaunen feststellte, ihrer Schuhe und Strümpfe entledigt hatte. Sie musste seine Überraschung bemerkt haben. Ein beschämtes Lächeln umspielte ihre vollen Lippen, als sie sich langsam aufrichtete. Wie um sich zu entschuldigen sagte sie leise: „Oh! Verzeihen Sie vielmals – ich wollte einfach nur die Beine hochlegen nach diesem ­langen Abend ...“ Sie verstummte, und mit heißen ­Wangen senkte sie den Kopf. Roger fühlte, er müsse etwas sagen, um die peinliche Stille zu überbrücken. „Lady Loretta ...,“ begann er mit heiserer Stimme, brach jedoch ab und räusperte sich. Bevor er erneut ansetzen konnte, hatte Loretta ihr dunkel umrahmtes Antlitz wieder erhoben und mit leicht schiefgelegtem Kopf, die anmutig geschwungenen Augenbrauen hoch­gezogen, blickte sie ihn nun aus trauererfüllten Augen an. Er wagte es nicht, weiterzusprechen.

Für eine Weile war nur das Knistern und ­Knacken der schweren Holzscheite im Kamin zu hören, untermalt vom Klatschen schwerer Regentropfen ans Fenster.

Lady Loretta schien ihre Fassung wiedergewonnen zu haben; ihre schlanken Hände fassten ihr Haar und strichen es leicht aus ihrem eben­mäßigen Gesicht, bevor sie sie in den Schoß legte. Für einen Moment glaubte Roger den gewohnten Stolz in ihren Augen aufblitzen zu sehen.
Schließlich brach sie das Schweigen. „Wissen Sie, Roger“, begann sie, indem sie den Blick wieder auf den Boden richtete, „dieser Tag war nicht leicht für mich. Für keinen in der Familie.“ Trotzdem sie mit ruhiger Beherrschung sprach, konnte Roger nicht umhin, ein leises Zittern in ihrer Stimme zu bemerken. Wie zerbrechlich sie wirkte, trotz ihres stolzen Ausdrucks, den sie sich sogar jetzt, allen Umständen zum Trotz, behalten hatte. Einen Augenblick lang verspürte er das starke Bedürfnis, dieses zarte Wesen sanft in die Arme zu nehmen. „Natürlich“, erwiderte er nun in verständnisvollem Ton, indem er sich langsam der jungen Frau näherte, die den Blick noch immer gesenkt hielt, „für uns alle ist es nicht einfach.“ Nun stand er direkt vor ihr. „Lady Loretta ...“, begann er abermals, leiser, aber diesmal mit Bestimmtheit, und fasste sie sanft am Kinn. Sie ließ es zu, dass er ihr zum ersten Mal seit seiner Ankunft auf Schloss Tattergrey tief in die Augen sah; bisher war sie seinem durch­dringenden Blick immer ausgewichen. Sie ­wehrte sich auch nicht gegen die einzelne Träne, die sich ihren Weg über das sanfte Rund ihrer elfenbeinfarbenen Wange bahnte. Sein Blick, in der Sonne von strahlendem Blau, im gedämpften Licht des Salons jetzt dunkel und geheimnisvoll schimmernd, berührte sie auf eine Art, die sie nicht mit Worten zu beschreiben vermochte, und in ihrem Herzen regten sich Gefühle, die sie seit langer Zeit nicht mehr empfunden hatte, nicht mehr empfinden wollte ...

„Oh, Roger ...“, stieß sie leise schluchzend hervor, ihre Brust hob und senkte sich heftig, „wenn Sie nur wüssten!“ Sanft legte er seinen Zeigefinger auf ihre weichen Lippen und ließ sich langsam neben ihr auf dem Canapé nieder. „Beruhigen Sie sich“, murmelte er, hielt einen Moment inne, in dem er sie prüfend anblickte, und küsste sie schließlich auf die Wange, wie um die Träne aufzuhalten. Lorettas mühsam errungene Fassung schmolz bei dieser zärtlichen Berührung dahin und heiß durchströmte sie mit einem Mal der brennende Wunsch, ihren Stolz aufzugeben, ihre Fassade fallen und ihrem Schmerz ­freien Lauf zu lassen und sich diesem Mann, der sie seit seiner Ankunft mit seiner ungewöhn­lichen und charmanten Art in den Bann gezogen ­hatte, leiden­schaftlich hinzugeben. Das Kaminfeuer schien plötzlich hell aufzulodern, der Regen ­heftiger zu werden, gleich dem Sturm, der in ­ihrer zer­rissenen Seele wütete und an den Grundfesten jener Mauer rüttelte, die sie über die Jahre um ihr Herz aufgebaut hatte. Roger erahnte wohl den Kampf in ihrem Innersten, denn nun zog er die Erschaudernde sanft, aber be­stimmt an sich und berührte leicht ihre Lippen mit den seinen. Sie erwiderte den Kuss erst zögerlich, dann, von ihren Gefühlen gänzlich überwältigt, ­heftiger, sein Gesicht mit beiden Händen fassend, er selbst, von Verlangen gepackt, vergrub seine Hand in ihrem Haar und beide gaben sich voller Leidenschaft einem innigen Kuss hin.

„Loretta!“

Lorettas Herz schien stehenzubleiben, als die beiden jäh aus ihrem Treiben gerissen wurden. Mit schrecklicher Gewissheit hatte sie augenblicklich die Stimme ihres Mannes erkannt, der, von den beiden unbemerkt, während ihres verbotenen Spiels eingetreten war. Sofort ließ ­Loretta von Roger ab. Vor Entsetzen wie ge­lähmt starrte sie nun ihren Gatten an, der seinerseits fassungs- und regungslos in der Tür stand. Roger war als Einziger ruhig geblieben, erhob sich nun gelassen und bewegte sich, nicht ohne seine Kleidung zurechtgerückt zu haben, mit lang­samen, bedächtigen Schritten, die Hände auf dem Rücken verschränkt, auf Lorettas Ehemann zu. „Paul“, begann er mit ruhiger Stimme und ­fixierte sein Gegenüber, während er sich näherte. Aus dem Augenwinkel sah Loretta im dämmrigen Licht des Raums etwas aufblitzen. Verwirrt blinzelte sie die Tränen aus ihren Augen. Was hielt Roger da in der Hand? War der Tod ihres Onkels wirklich nur ein Unfall? Er hatte die Tür nun fast erreicht. „Paul!“, stieß sie atemlos hervor, von plötzlicher Panik ergriffen. Im nächs­ten Moment tauchte ein greller Blitz das Zimmer für eine Sekunde in gleißendes Licht, und ohrenbetäubender Donner brachte das Gemäuer zum Erzittern! Im selben Augenblick erloschen sämtliche Lampen im Raum, sodass nur noch der schwache Schein des Feuers geisterhafte Schatten über die alten Gemälde auf den Wänden tanzen ließ. In die plötzliche unheilvolle Stille fiel ein gedämpfter Schrei, irgendwo im Haus, ansonsten hörte Lady Loretta nichts außer ihrem eigenen keuchenden Atem und das laute Klopfen ihres bangen Herzens ...

Wird Paul diesen Abend überleben? Oder hält Roger doch nur Lorettas Ehering in der Hand, den er tags zuvor am Grund des Schlossbrunnens gefunden hatte? Wir werden es nie erfahren. Der Autor musste seine Tätigkeit bedauerlicher- aber notwendigerweise wegen Spiel- oder Trunksucht aufgeben.
Lesen Sie in der nächsten „Bagger“-Ausgabe Teil 10 des beliebten Fortsetzungs-Ärzteromans ­„Diagnose: Liebe“. Wird Schwester Sara endlich zu ihrer großen Liebe finden?

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