Tabes Nivis

oder: Eine Reise entlang des Singularitätenzyklus.
Eine Erzählung für Erwachsene und andere.

_Im Prolog lernten wir flüchtig den gelernten Bürokommissär mittleren Alters Georg O. kennen sowie eine bis dato mysteriöse, jedoch eher junge Person namens A. Viel ist zugegebenermaßen noch nicht passiert, darum spart sich der Verfasser das ewige „Was bisher geschah“-Blabla. Aus Gründen der Lesbarkeit wurde die Verwendung des unsäglichen „man/frau“ und andere Verballhornungen wie „man/frau/kind“ bzw. „mensch“ zugunsten des nach der Auffassung d. V. weitaus praktischeren, weil Mann und Frau gleichermaßen einbeziehenden „man“ großzügig abgelehnt. Wer sich beleidigt fühlt, dem schlägt d. V. vor, sich indignierte Wurstwaren vorzustellen und diese nachzuahmen. Vegetarier nehmen Tofu._

Kapitel I, Teil 1: Altweibersommer

Als Georg O. eines Tages eingehend seine nackten Füße musterte, entdeckte er eine Warze an der linken kleinen Zehe. Leicht befremdet unterzog er diese Merkwürdigkeit einer genaueren Betrachtung, hielt den Fuß unter Zuhilfenahme seiner Hände möglichst nah an sein Gesicht, drückte mit den Fingern die Zehe zusammen, erspürte mit den Fingerkuppen die kleine runde Erhebung – sie war hautfarben bis auf einen kleinen dunklen Punkt in der Mitte –, kratzte mit den Nägeln daran, erwog kurzzeitig, eine Lupe zu Hilfe zu nehmen und stellte fest: auf die Schnelle ließ sich das Ding nicht entfernen. Die Warze hatte sich als unbemerkter Eindringling ungefragt O.s Zehe bemächtigt – er empfand dies als eine große Ungerechtigkeit.

In einer Bar. In der Schlange vorm Klo anstehend, lässt A. den Blick wandern; beobachtet die lautlosen Bewegungen der jungen Menschen mit den fröhlichen Mienen. Die alles übertönende Musik untermalt die Szenerie: in dämmrig-buntem Licht Tanzende, an der Bar sich gegenseitig ins Ohr Schreiende, ein schwitzender Kellner mit silbernem Drachen auf der Brust, ein DJ, der sich in seliger Ergriffenheit den Kopfhörer ans Ohr hält. Mädchen mit adretten Frisuren und glänzenden Stirnen drängen vorbei, sich ihres bestrickenden Äußeren, gekonnt durch wohlbedachte Kleiderwahl unterstrichen, ganz und gar bewusst. Ein Fußballspiel flimmert über den Bildschirm über der Bar. In der Schlange tut sich etwas – traumwandlerisch bewegt man sich einen Schritt weiter. Die alles übertönende Musik überdeckt die eigenen Gedanken, ihr Fluss reißt sie mit auf eine Reise ins Nichts. Der genossene Alkohol tut sein Übriges –
Noch immer in der Schlange vorm Klo anstehend, bemitleidet man allmählich die eigenen Gehörgänge. Hier ist was los. Überall glänzt und glitzert es von sorgfältig bemalten Augenlidern, frisch gewaschenen Haaren, apartem Modeschmuck und Schuhwerk nach dem dernier crie. Man atmet verrauchte Luft und starrt in junge Gesichter, die sich fortwährend durch diese unwirkliche Welt bewegen, begleitet von der alles übertönenden Musik, deren immergleicher Rhythmus sich ohne eigenes Zutun aller Gliedmaßen zu bemächtigen scheint; die Menge wippt und wiegt sich neben einem; selbst die Schlange vorm Klo schaukelt im Takt. Während man sich gegen den eigenen Bewegungsdrang wehrt, bemerkt man das Unwohlsein. Man fühlt sich fremd in dieser Altweibersommernacht.

Kühl und irgendwie herbstlich war die Luft, als Georg O. am nächsten Morgen vor die Türe trat. Die Stadt, die keine besondere war, obgleich ihre Bewohner fortwährend von ihrer Besonderheit sprachen und also ganz und gar davon überzeugt waren – man berief sich wie auch andernorts auf berühmte Dichter, Künstler und Gelehrte, die hier gewirkt hatten, auf das vielfältige Kulturleben, auf die ebenso reichhaltige Historie, welcher allerlei hervorragende Gebäude Zeugnis leisteten, und die letztendlich eine eigentümliche Mentalität der Bewohner und also auch die ganz einzigartige Atmosphäre der Stadt hervorgebracht hatte et cetera –, die Stadt also stand ungerührt ob der Ereignisse, die sich in ihr abspielten, an Ort und Stelle wie tags zuvor, ohne sich um den ihr nachgesagten Charme zu kümmern. Nicht, dass O. sich diese Gedanken machte. Die Fähigkeit, oder vielmehr der Anreiz zum Denken war O. schon vor langer Zeit abhanden gekommen, wie er selbst sagte. Die Tage liefen immer nach dem selben Schema ab; morgens erhob sich O. gegen halb acht, täglich lief er den selben Weg zur U-Bahn, darin sich immer die gleichen, nicht aber die selben Leute befanden; Tag für Tag die selbe Arbeit, abends Fernsehen. Ein 0815-Leben führte er also, denn O. hatte längst eingesehen, dass er keine besonderen Eigenschaften besaß; zumindest konnte er abgesehen von einer gewissen Neigung zur Hypochondrie keine feststellen. O., darüber keineswegs unglücklich, betonte gerne, dass er sich damit „einen Haufen Ärger“ ersparte; wiewohl andere behaupteten, O. habe lediglich den Weg des geringsten Widerstandes gewählt. Zunächst dachte er also an nichts, zumindest an nichts Besonderes, als er die heimatliche Gasse verließ und, an einer toten Taube vorübergehend, in die breitere Straße einbog.

An einem trüben Altweibersommernachmittag. Unversehens ist die Küchenwand mit fetten weißen Raupen übersät. A., erst allmählich das Ausmaß der Invasion begreifend, beobachtet mit kalter Faszination, wie die Untiere ihre dunkleren Köpfchen auf ihrer Wanderschaft nach einem zur Verpuppung und in Folge Metamorphose geeigneten Ort hin- und herrecken, sieht zu, wie sie innehalten, um die jeweilige Stelle, wie A. mutmaßt, auf ihre Tauglichkeit zur Einnistung zu überprüfen, wie sie die satten Bäuche über den im trüben Licht des Altweibersommernachmittags gelbweiß leuchtenden Kalk zerren und sich ihre kleinen feisten Körper auf grausige Art winden in einem fortwährenden Strecken und Zusammenziehen. A., das Getier nicht aus den Augen lassend, nähert sich einem auf dem Kühlschrank untergebrachten Obstkorb: Eine Horde kleiner Fliegen erhebt sich träge in die Luft und verteilt sich wie zum Hohn auf der Küchenwand, in unmittelbarer Nachbarschaft zu den gemächlich vor sich hin Kriechenden. Im trüben Licht des Altweibersommernachmittags öffnet man eine Dose mit Kakao. Eine aufgebrachte Motte klatscht einem gegen die Wange. Ratlos steht man inmitten dieses Treibens und weiß plötzlich um seine Wehrlosigkeit.

Der von äußerster Gleichförmigkeit (wenn der Ausdruck erlaubt sei) geprägte Ablauf seines Lebens wurde jäh gestört, als O. abends in seiner gutbürgerlich eingerichteten Wohnung (O. hatte keine bestimmten Vorlieben was Mobiliar betraf, jedoch schien es ihm zu gegebenem Zeitpunkt richtig, begünstigt vielleicht durch eine mehr oder weniger bewusste Reminiszenz an seine Kindheit, die im Übrigen überaus normal verlaufen war und derer aus diesem Grund keine weitere Erwähnung getan werden muss, seine Wohnung in „gutbürgerlichem Stil“, wie er es bezeichnete, einzurichten; wobei niemand recht wusste, was er mit diesem Begriff eigentlich meinte) das Badezimmer betrat und ob der plötzlichen Nässe an seinen Füßen sogleich die Überschwemmung in selbigem bemerkte. Die treulose Waschmaschine hatte offenbar ihren Geist aufgegeben. Dieses unerwartete Ärgernis musste O. wohl etwas aus der Bahn geworfen haben, denn sein Blick fiel jetzt auf eine Stelle zwischen der Badewanne und dem zugehörigen Einhebelmischer, die ihm zuvor niemals aufgefallen war. Seine Augen weiteten sich vor Schreck (wie O. es formulieren würde), als er eine Vielzahl kleiner dunkler Punkte entdeckte, die sich auf den Fugen zwischen den gutbürgerlich gestalteten Fliesen tummelten und die O. ohne Umschweife auf Schimmelbefall zurückführte. O. witterte Verrat.

Den Tränen nahe verließ Georg O. an diesem Altweibersommerabend sein ehemals trautes Heim, um, entgegen seiner Gewohnheit, eine Bar aufzusuchen, in welcher er eine nicht unbeträchtliche Menge alkoholischer Getränke einzunehmen gedachte. Noch ahnte er nicht, welch eigentümliche Begegnung ihn erwartete.

Spannend: Wen trifft er wohl, und ist A. eine Frau oder ein Mann? Wer verbirgt sich hinter Georg Simon O.? In der nächsten Ausgabe lesen Sie, wie’s weitergeht – in Teil 2 „Mittherbst“ des ersten Kapitels. Oder Sie schreiben an den Bagger und bemühen sich um eine Entlassung d. V.

Kommentare

A: ♀ / ♂?

ich sag frau, weil sich männer nie in lokalen vor dem klo anstellen (außer ev. im subterrarium, aber das ist erstens kein lokal sondern ein vereinslokal und zweitens gibts dort keinen fernseher in dem fußballspiele gezeigt werden)

die coole einstellung

die coole einstellung gegenüber den raupen oder maden oder was das sein sollen spricht auch eher dafür, daß a. eine frau ist.

welche bar?

Ich bin ja versucht auf das Chelsea zu tippen. Die Bar hätte man von der Kloschhlange aus im Blickfeld. Fernseher wo Fußball gezeigt wird gibts auch, nur on man die von der Schlange aus sieht bin ich mir nicht so sicher? Und haben die kellner dort silberne Drachen auf der Brust???
Den DJ allerdings sieht man glaub ich wirklich nicht von besagtem Örtchen aus.

wenn die kloschlange lang

wenn die kloschlange lang genug ist, reicht sie oft bis vor die erste budel, d.h. fernseher + fußball und kellner gut im blickfeld, dj aber noch immer weit entfernt - dazu müsste sie sich durch 4 gürtelbögen ziehen.

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