Theaterpädagogik – die spielerische Reise zum (unerforschten) Selbst

Wir erfinden uns ständig neu, wir passen uns immer neuen Situationen an und beweisen u.a. durch „lifelong learning“, dass wir uns stets verbreitern (wollen). – Wirklich? Oder sind wir nicht vielmehr phlegmatische Gewohnheitstiere, die es sich in vorgefundenen Strukturen so gut es geht einrichten, Widerstände scheuen und allenfalls mit den Rollenerwartungen unserer Umwelt geschickt jonglieren – und uns selbst völlig außer Acht lassen?

Kontrastreicher und unzureichender könnte man die menschliche Spezies wohl nicht fassen, wir sind weder weiß noch schwarz, sondern ein (grauslich) graues Volk(?) – Widerlegung erwünscht! Die leuchtende jeweils wechselnde individuelle Handhabung der – und Beziehung zur – Welt ist uns abhanden gekommen. Wir sind entweder (ideologisch eindimensional) erstarrt, chamäleonesk oder uneigentlich in unserem Sein – so zumindest der (nicht unbegründete) Verdacht der Theaterpädagogen.

Was sie versuchen ist, mit spielerischen Mitteln das Repertoire menschlichen Erlebens und Verhaltens zu verbreitern, damit wir wieder „ganz“ werden. Welche Mittel sie dazu einsetzen hängt jeweils vom idealisierten Lehrmeister ab, aber allen gemein ist, dass sie uns unsere (selbst gesetzten) Grenzen spüren lassen wollen und diese übertreten helfen.

Theater als Ausdruckshilfe zu (m)einer noch um Facetten reicheren Persönlichkeit. Das be­ginnt mit improvisierenden Übungen – immer mit dem therapeutisch klugen Hintergedanken: Wer im Spiel mit neuen Situationen gut umzugehen weiß und nicht in Panik gerät, bzw. ins gewohnte Muster („fight or flight“) verfällt, ja der stellt sich dem Leben künftig auch anders. Ein wichtiger Bestandteil dieser propädeutischen Hilfe zur Verhaltensveränderung ist das „ausgesetzt Sein vor Anderen“: es wird nicht vorm PC eine andere Persönlichkeit erfunden, sondern Ich muss Ich bleiben (zwar nur vor einer Hand voll Leuten im Schonraum, aber dennoch:) – ich werde auf mein glaubwürdiges Situationsbewältigen hin geprüft. Was hier so theoretisch dröge und freudlos klingt macht in Wahrheit viel Spaß: da spricht der Übungsleiter „freeze“ und eine bisherige Spielsituation wird positionsgleich von anderen Darstellern übernommen – die dann auch einen anderen Kontext daraus machen müssen.

Gehen also ein Frauchen mit Hund ab, so obliegt es den Nachfolgern daraus etwas zu machen: von grotesken Liebesanträgen eines Drachen bis zu überraschenden SM-Szenen kann daraus alles werden und der Spielende lernt i.d.R. noch etwas über sich und seinen gegenwärtigen Weltbezug dazu. Gerade hier scheiden sich wieder die Geister: bin das wirklich ich oder musste ich mich nicht in die vorgegebene Spielsituation fügen? Letzteres klingt verdächtig nach „Ausred verlaß` mi net“. Denn niemand schränkt mich im Spielprozess ein: ich kann alles, darf alles – bin frei zu tun und zu lassen, was ich will: „Der Mensch ist nur da frei, wo er spielt“ (Schiller). Das restriktionslose Verhaltenkönnen, der Weg zum Sein und das (bewusst eingesetzte) Spielen ist Bestandteil selbstreflexiver Theaterpädagogik.

Natürlich wird dieses Verfahren auch in anderen Feldern als der Selbsterforschung und Selbsterweiterung eingesetzt, so zum Beispiel in der Integrationsarbeit für Behinderte und Fremde und dort mit durchaus politischem Hintergrund. Theaterpädagogik ist also zumeist mehr als der Name vermuten lässt: Nicht nur Trainingshilfe vom fertigen zum werdenden Schauspieler, sondern sie ist ein Versuch uns aktiv und beherzt in unserer noch unerforschten Vielheit kennen zu lernen. Wer es wagen will: Viel Spaß dabei!

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