There are no rules

_Die alljährliche Viennale macht den Herbst zur schönsten Zeit im Jahr. Zumindest für Filmbegeisterte. Um 11 Uhr vormittags im Kinosessel versinken, Rumkugeln essen „en masse“, hoffen auf einen guten Film. Keinesfalls enttäuschend war „Mogari no mori“, ein Film der japanischen Regisseurin Naomi Kawase. In Cannes gewann der Film den großen Preis der Jury. Bleibt zu hoffen, dass der überaus sehenswerte Film auch regulär in die heimischen Kinos kommt…_

Filme können es schaffen, körperliche Reaktionen zu wecken. Man erschrickt, wenn der Mörder aus dem Dunkel hervortritt und das Messer zückt, man hält sich den Bauch vor Lachen, wenn eine komische Situation Anlass dazu gibt, und man kann sie kaum zurückhalten, die Tränen, wenn der Film Momente der Traurigkeit zeigt. Der Film „Mogari no mori“ (Der Trauerwald, 2007) gehört definitiv in die letzte Kategorie.
Naomi Kawase erzählt die Geschichte zweier Menschen, die beide unter dem Verlust geliebter Personen leiden. Machiko (Machiko Ono) hat ihren Sohn bei einem Unfall verloren. Denkbar ungünstig ist ihre Verfassung, als die junge Frau eine neue Stelle als Pflegehelferin in einem Altenpflegeheim antritt. Die Leiterin spürt ihre Unsicherheit. „There are no formal rules, you know.“, sagt sie ihr zur Beruhigung.
Shigeki (Shigeki Uda) lebt in ebendiesem Altenheim. Er hängt immer noch an seiner Frau, obwohl Makos Tod bereits 33 Jahre zurückliegt. Seinem Leben fehlt der Sinn. „Am I alive?“, fragt er einmal.
Ein gemeinsamer Ausflug von Shigeki und Machiko wird zur Konfrontation mit sich selbst, den erlittenen Verlusten, Schmerzen und Ängsten. Und zur Konfrontation mit dem anderen. Beide erfahren Nähe und Geborgenheit. Ohne Hintergedanken. Machiko drückt ihren nackten Oberkörper an den völlig durchnässten, vor Kälte zitternden Shigeki, reibt seinen Körper mit ihren Händen. „We are alive“, flüstert sie ihm ins Ohr.
„Mogari no mori“ ist ein Film über Tod, vielmehr aber über Freundschaft und einen menschlichen Umgang miteinander. Abgeschottet vom Rest der Welt, weit weg von der Trostlosigkeit des Alltags, verirren sich beide in einem verwachsenen Laubwald, und finden am Ende zueinander und zu sich selbst.
„Mogari no mori“ ist ein stiller Film, der sich Zeit nimmt für das Rauschen des Blätterwaldes, oder das Geräusch des Windes, der durch ein Kornfeld fährt. Kino braucht keine großen Worte um tiefe Gefühle ausdrücken zu können.

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