Ur-Laub im Urwald: Die Tropen

Warnung der Gesundheizministerin: Der folgende Text weist hohe En-trop-ie auf.

Wollen wir einen Ausflug in die Tropen machen? Bleiben Sie sitzen. Sie sind schon mittendrin. Damit meine ich nicht etwa die globale Erwärmung. Auch wenn wir angeblich jeden Sommer ein paar Tropennächte mehr haben – von „Tropennacht“ reden die Berufs-Wetterfrösche, sooft wir nachts mehr als 25°C messen. So warm ist uns noch lange nicht. Außerdem definiert das Lexikon „Tropen“ eindeutig als Bereich zwischen den Wendekreisen, und da sind wir nicht. (Sie wissen schon, im Norden der des Krebses und im Süden der des Steinbocks, jeweils bei Breitengrad 23,5. Und nein, es geht nicht um Henry Miller.)

Ich meine auch nicht, daß Sie vielleicht nicht leben können, ohne Mangos und Papayas zu essen und Mahagonimöbel zu kaufen. Das können Sie ohneweiters – ich jedenfalls sitze auf Fichtenholz und esse Äpfel. Trotzdem können Sie weder sprechen noch schreiben, noch auf die Straße gehen oder (falls Sie immer zuhause bleiben) das Radio einschalten, ohne sich sofort in die Tropen zu verstricken. Schon verirrt? Kommen Sie bitte weiter in den Dschungel. Er wird durchsichtiger, sobald man ganz drinnen ist.

Stop!

Am Straßenrand (wir leben in der Zivilisation) steht manchmal eine sechseckige Blechplatte an einer Stange, rot-weiß bemalt und mit dem englischen Wort STOP beschriftet. Was bedeutet das? Zunächst einmal „stehenbleiben“. Augenblicke später heißt es „weiterfahren“ – denn parken darf man neben dem Schild nicht. Beides aber nur, wenn es rechts von uns steht. Wenn es links steht, und wir sehen die Rückseite, bedeutet es für uns gar nichts – für andere schon. Wie kann ein bißchen Blech und Farbe nichts, etwas und dessen Gegenteil bedeuten, und woher wissen wir’s? Aus der Fahrschule? Das Zeichen verstehen auch Kinder, die obendrein kein Englisch können.
Wörter funktionieren genauso. „Her mit der Karte!“ – daraufhin gibt Ihnen der Kellner die Speisekarte, der Gegner beim Preisschnapsen den Karo Buben, und Ihr Partner die Postkarte, die er nicht hätte lesen dürfen. Nicht nur heißt kein Wort in keiner Sprache dasselbe wie kein anderes (soviel zum Problem des Übersetzens), die Worte heißen nicht einmal dasselbe wie sie selbst, und man versteht sie – fragen Sie ein Kind – erst, wenn einem vorher jemand gesagt hat, was gemeint ist. Es nützt Ihnen gar nichts, wenn Sie die Herkunft eines Wortes kennen – daß z. B. „Tropen“ von einem griechischen Zeitwort kommt, das „drehen“ heißt. Es hilft auch nichts, zu wissen, wie ein Wort meistens oder im allgemeinen gebraucht wird: Ihr Gegenüber ist erzlistig, und Sie müssen jederzeit gewärtigen, daß es die harmlosesten Wörtchen mit einer völlig neuen Bedeutung befrachtet. So sind wir Menschen nun mal.

T(ee) wie Tropen

Der Teekessel singt. Unsinn! Singen können nur Lebewesen, die eine Stimme haben. Der Tee zieht. Woran zieht er? Zieht er wie das Pferd die Kutsche, oder der Schachspieler mit der Dame? Eher zieht das Wasser die Inhaltsstoffe aus den Teeblättern. Aber auch nicht ganz, weil das Wasser keine Person ist, die etwas tun kann. Es läuft eben ein physikalischer Vorgang ab, nachdem Sie den Tee aufgegossen haben. Moment – ich denke, den Tee gibt es erst, wenn er fertig gezogen hat? Wie kann man ihn dann vorher schon aufgießen? Sie meinen, das Wasser auf die Blätter. Aber die sind trocken, und wir wollen den Tee doch trinken. Und sind die Blätter allein überhaupt Tee? Tee ist doch die gesamte Pflanze und wächst, wo? In den Tropen.
„Tropen“ sagen Leute, die sich mit Rhetorik befassen, zu fast allen Ausdrücken, bei denen man etwas sagt und damit etwas anderes meint. „Segel nähern sich dem Strand.“ Hoffentlich sind die Schiffe noch dran. „Schau in den Shakespeare.“ Lieber in das Buch, in dem Texte von ihm abgedruckt sind. Das waren Metonymien. Jetzt kommen Metaphern: „Deine Haare sind Gold, deine Augen sind der Himmel. Leih mir dein Ohr.“ „Meine Ohren klingen.“ Warum hört das niemand außer mir, obwohl es keine Einbildung ist? Wir sagen auch etwas und meinen genau das Gegenteil. „Du bist ein wahres Kirchenlicht.“ Das war eine Metapher und eine Ironie, in Wirklichkeit ist derjenige ein Armleuchter, und ein Rindvieh obendrein.
Glauben Sie nicht, man verstünde solche Wendungen nur, wenn man sie schon kennt und sich mit anderen drauf geeinigt hat. „Deine Füße sind Orchideen; dein Augenaufschlag ist der Monsunregen für den Sommer meines Herzens.“ „Der Wasserfall raucht; die Ameisen erzählen sich Geschichten.“ Das geht genauso mit der Stoptafel: für den einen bedeutet sie „Liebe“, weil er an der Kreuzung sein erstes Rendezvous hatte, für den anderen „Verlust“, weil dort sein Lieblingshund überfahren wurde. Da kein Wort an seinem Gegenstand festgeschmiedet ist, steht letztlich jedes Wort bei Bedarf für alles. Daß wir einander trotzdem verstehen, liegt nur daran, daß Kinder und Dichter so geschickt im Dechiffrieren sind. Andere vergessen es manchmal. Aber auch die kriegen ihr Täßchen Tee.

Aussageloses: die Lichtung

Manchmal finden Leute den wuchernden Wörterdschungel nicht mehr schön, besonders nach Zeiten gründlichen Sprachmißbrauchs; sagen wir, nach jedem Krieg. Oder wenn man gerade ein paar schlechte Schlager gehört hat. Aber the show must go on. Dann werden plötzlich Gedichte geschrieben, die gar keine Wörter mehr enthalten, sondern nur Möchtegern-Babygebrabbel. Oder man weicht gleich auf Künste aus, von denen niemand eine definierbare Aussage erwartet, sagen wir die Musik.
Töne vermitteln aber auch Bilder und Stimmungen. Wie erklärt ein Komponist dem Hörer, daß er weder Tannengrün noch einen tropfenden Wasserhahn im Sinn hat, sondern „reine“ Musik macht? Er muß glaubhaft machen, er hätte nach einem mathematischen System komponiert. Zwölftonreihen, nun auch bald schon 90 Jahre alt, waren da ein guter Anfang. Aber die zwölf Töne lassen sich immer noch auf 12!=479001600 Arten kombinieren. Könnte der Komponist nicht doch an das verfaulte Blaukrautblatt gedacht haben, an das mich der Klang dieser bestimmten Reihe erinnert?

Tropen: Musik als Bausatz

Um das auszuschließen, mußte ein Josef Mathias Hauer (1883–1959) kommen, mehr schöngeistiger Heimwerker als Komponist; man kann von ihm annehmen, daß er als Kind gern mit bunten Bauklötzen gespielt hat. Da fand er heraus, daß man die Zwölferreihen auch mitten auseinander nehmen und dann beide Hälften einzeln permutieren kann, so daß bei 44 solchen Hälftenkombinationen – genannt, wie denn sonst, „Tropen“ –, wenn man sie außer dem Durcheinanderschütteln auch noch dreht und spiegelt, alle 479001600 Reihen herauskommen. Nur hat man nicht mehr so ganz freie Hand hat, sobald man sich eines der Bausteinpaare herausgepickt hat. So etwas wie eine musikalische Bonbonniere? Oder eher wie ein Periodensystem?
Hauers Bezeichnung „Tropentafel“ nimmt sich schlicht aus. Er verglich diesen Bausatz (er hatte noch andere) allerdings mit so ziemlich allem, von der Sphärenharmonie über die Goethesche Farbenlehre bis zur Atombombe, hielt ihn für das Wesen der Musik, des Geistes und der Welt schlechthin. Dabei stellen doch die Tropen, produktiv aber willkürlich, immer nur sich selbst wieder her. Der Dschungel mit seinen Farnen, Pfeilgiftfröschen und Saprophyten hingegen ist der Evolution ausgesetzt, die mehr als nur ein Paar Würfel in der Hand hält – so verändert er sich von einer Beobachtung zur nächsten grundlegend. Wenn man lang genug wartet, wird er zur Wüste.
Sucht nicht auch die moderne theoretische Physik (eine reine Kunstform) Prinzipien der Harmonie im Unschönen, bedingt durch ein Höchstmaß an Mathematik? Dabei muß sie sich seit geraumer Zeit überlegen, daß auch Mathematik und Logik nur über sich selbst sprechen – und, wer weiß, dann und wann lügen.

Geheiligtes Dazwischenreden

Meine Lieblingstropen waren immer die karolingischen. Sie wissen schon: Wenn in einer gregorianischen Messe gesungen wurde „Kyrie … (viele Takte lang der Vokal e) eleison“, wurde den Karolingern langweilig, und sie belegten das lange Herumgesinge (man sagt „Melisma“) mit einem Text. Zum Beispiel „Kyrie, fons bonitatis, pater ingenite, a quo bona cuncta procedunt“. Solches unverschämte Hineintexten in die Ritualformel, nannte man „Tropus“. Daraus entwickelten sich im Lauf der Zeit eigene Musikstücke mit völlig neuem Text, die immer noch „Tropen“ hießen. Und nicht selten wurde die ganze Messe nach den Anfangsworten des Tropus benannt. Die Fons-bonitatis („Quell der Güte“)-Messe – ist das nicht viel hübscher, als wenn’s nur Schuberts Deutsche Messe wäre?
Solche Tropen sind aus der Alltagsrede gar nicht wegzudenken. Wie viele Dialoge vom Schlafzimmer bis zum Ökologenkongreß könnten das als Überschrift tragen, was ein Disputant sagt, wenn er „ääähhhhhhhh…“ meint? Der Tropus/die Trope ist der berüchtigte Text zwischen den Zeilen. Aber nicht der weiße Papierstreifen, auf den sich jedeR notieren kann, was ihm/ihr paßt. Er/sie steht tatsächlich in den Zeilen selbst, und Sie finden ihn erst, wenn Sie sich Hals über Kopf in die Tropen stürzen. Also, auf geht’s! Bleiben Sie ruhig sitzen. Legen Sie eine Gregorianik-CD ein, lesen Sie ein gutes Handbuch der Stilkunde, und essen Sie dazu eine Ananas.

Kommentare

da ist ein beistrich

da ist ein beistrich zuviel. wer ihn findet, kriegt eine chili.

hab ihn:

,

nein, das ist deiner.

nein, das ist deiner. meiner ist oben noch drin.

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