Viel Lärm ums Nichts

leider leerEin fiktiver Dialog um Sein oder Nichtsein des Nichtseins.

Es ward am Sankt Nimmerleinstag im Jahre Schnee, als ein alter Mann namens Manfred, dessen Löffel mit Sicherheit bereits zu anderwärtiger Benutzung freigegeben wurde, einen seiner zahlreichen Geburtstage zelebrierte. Um diesem eine Aura der Besonderheit zu verleihen, wurden all seine treuesten Gefährten eingeladen, die schließlich auch erschienen sind und mit ihm ein wahrhaft rauschendes Fest feierten. Gegen Mitte der Nacht sonnten sich die meisten Gäste in ihrem verworrenen Bewusstsein und schufen somit eine Atmosphäre fernab jeglicher Befangenheit. Mitten im tosenden Getümmel setzte sich der alte Mann, um sich aus einem Krug reinen Wein einzuschenken._

_Während die Flüssigkeit in seinem Schlunde verschwand, näherte sich sein Geschwister Aspasia. Diese beobachtete, wie sich der Blick des alten Manfred zusehends verdunkelte und langsam senkte, um schließlich in scheinbar vollkommener Kontemplation auf dem Krug zu verweilen. Aspasia unterbrach diesen Moment der zeitlichen Starre und frug: „Manfred, wo starrst du hin?“

Manfred: Um dir diese Frage zu beantworten, musst du zuerst einen Blick in meinen Krug werfen.
Aspasia: Gut. Ich werfe.
Manfred: Und, was siehst du?
Aspasia: Nichts! Worauf willst du hinaus? Mir scheint, dir ist der süße Wein etwas zu Kopf gestiegen.
Manfred: Nun ja, das stimmt natürlich, dennoch musste ich mich eben hier und jetzt, so wie ich hier sitze, plötzlich darüber wundern, wie wir Menschen nur die Dreistigkeit besitzen können, zu behaupten, es befände sich „Nichts“ in diesem Krug.
Aspasia: Himmel, Manfred, wovon sprichst du in deiner Umnachtung? Du hattest Wein im Gefäß, den du dir zur Gänze in den Magen gegossen hast! Wein minus Wein ergibt null! Nichts!
Manfred: Ja, ich weiß. So hat man uns gelehrt zu denken, so ist es seit jeher Brauch. Doch scheint mein Hirn nun plötzlich in der Lage zu sein, diese Begriffe zu hinterfragen, da es ihren gebräuchlichen Sinn nicht mehr verstehen will. Präziser ausgedrückt: Ich fühle mich durch die augenscheinliche Paradoxie des Wortes „Nichts“ irritiert. Denn ist es nicht so, dass wir etwas, das nicht ist, als Nichts bezeichnen und damit dieses „nicht vorhandene etwas“ in den Status des Exis­tierenden erheben, da wir für diesen Zweck den Begriff „Nichts“ verwenden? Und wird damit nicht das Nichts zum Etwas, da es eben nicht „nicht“ ist, sondern ein „Nichts“ ist? Auch denke ich, dass es aufgrund dieser Tatsache besonders schwierig ist, zu behaupten, es befände sich nun „nichts“ in meinem Krug, da man dafür das Wort „nichts“ benutzen müsste und somit verlautbaren würde, es befände sich nun doch etwas im Krug: nichts. Wie also könnte ich jemandem mitteilen, dass sich wirklich nichts im Krug befindet?
Aspasia: Mampfi, du sprichst in Rätseln. Es wäre wohl besser gewesen, du hättest nichts getrunken!
Manfred: Ein vortreffliches Beispiel, genau das meine ich damit – ich hätte zwar nichts trinken können, indem ich einfach nicht getrunken hätte. Sozusagen hätte ich auf die Tätigkeit „trinken“ verzichten können. Aber ich hätte nicht das Nichts trinken können, also etwas trinken, das gar nicht existiert! Beweise mir doch das Gegenteil, und versuche doch mal, dieses Nichts, das sich im Krug „befindet“, zu trinken! Das Ganze zeigt doch, wie widersprüchlich die Logik unserer Sprache ist.
Aspasia: In der Tat ist es ein sprachliches Problem, so wie du lallst! Und weil du von Widersprüchen sprichst, so widerspreche ich dir sogleich: Sieht man nämlich von den Luftmolekülen ab, so bleibt doch das Volumen des leeren Raumes im Krug übrig. Wäre der Raum nicht drinnen, könnte man ja irgendwie gar nicht von „drinnen“ sprechen, und damit natürlich auch nicht von irgendwas, das sich drinnen befindet. Also, wenn sich Nichts im Krug befindet, so ist das einfach nichts anderes als der leere Raum im Krug. Und außerdem, was kann ich denn dafür, dass man das Nichts nicht trinken kann? Wäre der Raum trinkbar, so würde ich mir diese Leere jetzt genussvoll „hineinleeren“!
Manfred: Um ein Nichts zu sein, ist der Raum schon zuviel. Das Wesen des Nichts ist es doch gerade, kein Wesen zu besitzen. Jede Eigenschaft, die das Nichts beschreiben würde, wäre eine Eigenschaft von etwas. Das Nichts lässt sich nicht beschreiben – weil es eben nicht ist.
Aspasia: Nun mal halblang. Nur weil es nicht existiert, kann man es nicht beschreiben? Humbug. Das geflügelte Pferd existiert auch nicht, und ich beschreibe es dir: Es hat Flügel.
Manfred: Aber nur, weil du Existenz materiell definierst. Das meine ich jedoch nicht. Ganz allgemein: Das Nichts ist der Inbegriff der Nicht-Existenz. Alles, was über das Nichts zu sagen ist, ist, dass es nicht existiert. Mehr nicht.
Aspasia: Erwischt! Man kann also doch etwas darüber sagen.
Manfred: Gut, aber das ist doch nichts weiter als eine Tautologie. Wie, wenn man erwähnt, dass ein Kreis rund ist. Oder dass ein Greis alt ist. Das steckt sowieso schon in den Begriffen selbst drinnen.
Aspasia: Du warst immer schon ein schlechter Verlierer. Ich denke, mit meinem Beispiel gezeigt zu haben, dass Existenz keine notwendige Voraussetzung dafür ist, um einem Ding Eigenschaften zuzuordnen. Vielmehr ist Existenz eine gleichberechtigte Eigenschaft unter den anderen. So wie es rote und gelbe Dinge gibt, gibt es auch Dinge, die existieren, und solche, die nicht existieren.
Manfred: Sag mal, was redest du da? „Es gibt Dinge, die nicht existieren“ ist ein Unsinn. Und die Aussage „Es gibt Dinge, die existieren“ besagt gar nichts.
Aspasia: Meinetwegen, die Formulierung war wohl etwas unglücklich. Aber Nichts desto trotz hat das Nichts unabhängig von seinem Dasein noch verschiedene Gesichter. Es gibt ja außer dem räumlichen auch ein zeitliches Nichts – alles, was nicht mehr bzw. noch nicht ist. Was heute ein Nichts ist, kann morgen ein Sein sein. Das Nichts ist wie eine Möglichkeit oder ein Platzhalter, wo etwas sein könnte, und ist in dieser Funktion sehr flexibel.
Manfred: Leere Worte, mein Schwesterherz. Deine Auffassung vom Nichts trägt gar nichts, in der dir geläufigen Ausdrucksweise ein blankes Nichts dazu bei, etwas über Dinge oder Tatsachen auszusagen. Was du mit Nichts bezeichnest, hat für sich alleine keine Existenzberechtigung – im wahrsten Sinne des Wortes! Es heißt nichts anderes, als dass etwas entweder irgendwo nicht ist, irgendwann nicht ist, man etwas nicht tut, oder was auch immer. Das Nichts hat als Subjekt nur deswegen Platz in unserem Sprachgebrauch, weil wir es groß schreiben und mit einem Artikel versehen können. Für sich genommen ergibt es absolut keinen Sinn. Wir sprechen darüber, ohne darüber sprechen zu dürfen, weil wir gar nichts darüber sagen können. Eigentlich … darf man über das Nichts nicht sprechen!
Aspasia: Na hör mal, du hast doch damit angefangen! Wofür war dann unsere Unterhaltung gut? Für Nichts und wieder Nichts? Weißt du, was ich denke? Ich denke, dass das Nichts, gerade weil es logisch unstimmig ist, eine Bereicherung für die Sprache darstellt. Logik, mein Lieber, ist das Gefängnis der Lyrik. Und das Nichts ist eine Feile im Kuchen. So schauts aus im Schneckenhaus!

Tja, liebe LeserInnen, nicht dass ihr denkt, die Kontroverse wäre an dieser Stelle schon zu Ende gewesen. Der weitere Verlauf wird jedoch durch fingierte Gedächtnislücken seitens der beiden Kontrahenten ersetzt, welche eine Fortsetzung der Erzählung zu einem Ding der Unmöglichkeit machen. Wenn man so will, tritt an deren Stelle sozusagen ein Nichts. Oder die reine Möglichkeit einer Fortsetzung. Als gesetzestreue Bürger halten wir uns nun jedoch an das kategorische Verbot von Manfred, welches uns nicht gestattet, über das Nichts des weiteren Verlaufes der Geschichte zu sprechen. Dieser Umstand darf von LeserInnen, die den gesamtgesellschaftlichen Nutzen dieses Artikels in Frage stellen, als Entgegenkommen betrachtet werden.

Kommentare

Eine kleine Ergänzung

Für einige PhilosophInnen existiert sogar das geflügelte Pferd - unter Zuhilfenahme von Modallogik und Vielweltentheorie...Interessierte mögen diese Theorie des (extremen) _modalen Realismus_ bei Herrn David K. Lewis ("On The Plurality of Worlds") nachlesen.

sogar der gehörnte hase

sogar der gehörnte hase existiert ja.

tja

demnach existiert jedes x, für das formuliert werden kann: "x existiert".

den gehörnten hasen hab

den gehörnten hasen hab ich gesehen!

obwohl die gesamte indische philosophie ihn behandelt, als gäbe es ihn nicht.

mit oder ohne

mit oder ohne Zwetschkenschnaps? ;-)

beides. noch nicht jedoch

beides. noch nicht jedoch gesehn hab ich die aus hasenhörnern trefflich gezimmerte leiter.

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