Vom Entbinden

_Julia Stockenreiter ist seit einigen Monaten in Wien als diplomierte Hebamme tätig. In einem Interview mit ihr gräbt der Weihnachtsbagger einem Berufsstand auf den Grund, welcher in höchstem Maße für die Aufrechterhaltung der Menschheit verantwortlich ist._

InterviewWie viele Geburten hast du schon hinter dir?
Genau kann ich das nicht sagen, es waren bis jetzt ca. 70-80. Ich arbeite in einem Krankenhaus, wo wir im Jahr ca. 1400 und an einem Tag 3-4 Geburten haben.

Weißt du, wie lange die längste Geburt gedauert hat, bei der du dabei warst?
Das ist eigentlich davon ab, wie du Geburt definierst: Aber bei mir ist es so, dass ich 12-Stunden-Dienste habe, d.h. die längste Geburt, die ich betreut habe, dauerte für mich 12 Stunden.

Wie lang dauert eigentlich eine Geburt durchschnittlich?
Das ist auch verschieden und hängt von vielen Faktoren ab. Beim ersten Kind kann man schon mit 15-20 Stunden rechnen. Es kommt darauf an: das wievielte Kind, die Stärke der Wehen, die Statur der Mutter, die Größe des Kindes usw.

Geht’s schneller wenn man schon mehr Kinder bekommen hat?
Ja, im Normalfall. Geburt kann man nie in ein Schema zwängen, es gibt immer Abweichungen.

Warum eigentlich gerade Hebamme? Warum hast du dich für den Beruf entschieden?
Es war so, dass ich immer etwas Medizinisches machen wollte und meine Oma hat mich dann gefragt, ob ich nicht Hebamme werden will – mein erster Gedanke war da: „Nein, sicher nicht! Das tu ich mir nicht an.“ Dann habe ich aber Hebammen kennen gelernt und mich ein bisserl mit dem Berufsbild auseinandergesetzt. Dann hat mir das immer mehr zugesagt und ich habe mich beworben. Außerdem hatte meine Mutter immer viel von meiner Geburt erzählt und auch generell zu diesem Thema eine positive Sichtweise übermittelt.

Was deinen Beruf betrifft: Welche Rückmeldungen bekommst du in deinem Bekanntenkreis bzw. in der Öffentlichkeit?
Ganz unterschiedliche, die meisten sind positiv: „Ma, schön!“, „Das ist ja voll lieb, mit Kindern!“ usw. Aber ein Mann hat einmal zu mir gesagt: „Wäh, ist das denn schön?“ Und eine Freundin – sie ist auch Hebamme – wurde einmal gefragt: „Bist du lesbisch?“

Weißt du wie viele Hebammen es in Österreich gibt?
Ca. 1500. Da gibt’s eine ganz nette Homepage: www.hebammen.at. Da kann man alles nachlesen.

Welche Tätigkeiten führt eine Hebamme gewöhnlich durch?
Der Hebammenberuf umfasst laut Definition die Betreuung der Schwangerschaft, der Geburt und der Wöchnerin (eine Frau nach der Geburt, Anm.), Hilfestellung bei der Säuglings- und Neugeborenenpflege sowie Stillhilfe – und die Hebamme ist zuständig für das gesunde Neugeborene bis zum ersten Lebensjahr. Wenn das Kind nicht gesund ist, ist der Kinderarzt zuständig.

Wie sieht denn die genaue Aufgabenaufteilung zwischen Hebammen und Ärzten aus?
Für die regelrechte „normale“ Geburt ist die Hebamme zuständig. Die Ärzte lassen mir da auch freie Hand. Ich hab aber die Pflicht, bei Regelwidrigkeiten den Arzt zuzuziehen und dann gemeinsam mit ihm zu arbeiten, wobei er dann weisungsbefugt ist.

Wo und wie wird man denn als Hebamme ausgebildet?
Ich habe noch die dreijährige Ausbildung an einer Akademie gemacht, mittlerweile wurde die Hebammenausbildung bereits in einigen Bundesländern auf Fachhochschulniveau angehoben.
Die Ausbildung ist sowohl theoretisch als auch praktisch – um das Diplom zu erlangen, habe ich 40 Geburten betreuen bzw. 100 Neugeborene und Wöchnerinnen begleiten müssen.

Ist es schwierig, als Hebamme einen Job zu bekommen?
Nein, also bei uns in Österreich wird nach Angebot und Nachfrage ausgebildet. Die Hebammen, die in Pension gehen und die Hebammen, die fertig werden, gleichen sich aus. In der Akademie wurden alle drei Jahre maximal 24 Hebammen aufgenommen, wobei sich jährlich ungefähr 200-300 bewerben.

InterviewNach welchen Kriterien wird man dann da aufgenommen?
Ich selbst hatte einen Eignungstest über räumliches Vorstellungsvermögen, Konzentrationsfähigkeit, Feinmotorik usw., dann noch Gespräche und Gruppenarbeiten. Ich musste auch einen Aufsatz über einen kleinen Film schreiben, der uns gezeigt wurde.

Willst du eigentlich selbst Kinder haben?
Auf alle Fälle!

Schreckt der Beruf nicht eher ab?
Gar nicht. Ich habe zwar keine Illusionen mehr, aber es haben ja alle geschafft. Und ich sehe ja dann, wie schön es ist, wenn man dann das Kind hat, welches alles Vorherige in den Schatten stellt.

Welche Illusionen hattest du denn?
Z.B. die sanfte Geburt – die gibt es nicht. Egal ob das jetzt im Wasser oder sonst wo gemacht wird, es tut immer weh und ist immer eine Grenzerfahrung. Man kann zwar die Situation entspannter gestalten, was bewirkt, dass man nicht so verkrampft ist und die Geburt schneller abläuft. Aber es ist so oder so schmerzhaft, was jedoch in vieler Hinsicht seinen Sinn als Schutzmechanismus hat.

Es gibt ja so manches Klischeebild über die Rolle des Mannes bei der Geburt, vom im Wartesaal eingeschlafenen Ehepartner bis zum Mann, der vor Aufregung in Ohnmacht fällt. Was ist dran an diesen Klischees?
Generell sind die Männer schon eine Unterstützung für die gebärenden Frauen. Ich denke, es ist wichtig, dass sich die Männer ein bisschen mit der Geburt generell auseinandersetzen, und wie das ungefähr abläuft.

Hast du eigentlich auch männliche Hebammen-Kollegen?
Nein, bei der Ausbildung nicht und ich hab auch keinen einzigen männlichen Kollegen jemals kennengelernt. Männer sind jedoch durchaus berechtigt, den Hebammenberuf zu erlernen. Männliche Hebammen gibt es z.B. in Holland, Frankreich und den skandinavischen Ländern.

Und die nennt man dann…
Auch „Hebamme“.

Was hältst du persönlich von der Möglichkeit, als Mann Hebamme werden zu können?
Ich bin prinzipiell nicht dagegen, dass ein Mann Hebamme wird, weil es genug Männer gibt, die sehr einfühlsam sind und das ganze sicher auch können.
Jedoch kann eine Hebamme bei einer Geburt, die eben „Frauensache“ ist, auch psychisch als Bezugsperson wirken. In so einer Situation wünscht man sich möglicherweise eher eine weibliche Hebamme. Wenn man sich vorstellt, dass vielleicht bei Komplikationen noch ein männlicher Gynäkologe und ein männlicher Anästhesist dabei sind – ich würde mich da als Frau nicht so wohl fühlen.

InterviewEs gibt da ein Gerücht: Angeblich kommt es nicht selten vor, dass Mütter den Mutterkuchen nach einer Geburt selbst verzehren. Stimmt das bzw. welche Gründe hat das?
Also mir ist das persönlich noch nie passiert. Das Gerücht habe ich zwar schon mal gehört – es gibt die Legende oder den Mythos, dass man keine Wochenbettdepression bekommt, wenn man ein Stückchen Plazenta isst. Aber inwieweit das wahr ist oder nicht, kann ich nicht sagen. Wenn, dann ist es wirklich selten. Es kommt vielleicht öfter vor, dass man sich die Plazenta mit heim nimmt, eingräbt und einen Baum darauf setzt.

Es heißt ja, die Geburt sei ein Wunder. Wie stehst du als Hebamme dazu? Macht einen der Beruf religiöser oder eher im Gegenteil?
Religiöser würde ich nicht sagen, es kommt drauf an, wie du eingestellt bist. Ich finde schon, dass es wie ein Wunder ist, dass da so ein fix und fertiger Mensch herauskommt, auch wie Mutter und Kind bei einer Geburt aus Instinkten heraus alles so gut bewältigen – das ist faszinierend. Ich würde das jedem empfehlen, da einmal dabei zu sein. Jeder Frau und jedem Mann!

Wie ist denn die Stimmung so am 24. Dezember auf der Geburtenstation?
Kann ich leider nicht sagen, weil ich noch nie zu Weihnachten Dienst hatte. Heuer ist meine Premiere.

Das Interview führten Reinhard Klauser und Anna Sawerthal

Neuen Kommentar schreiben

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
By submitting this form, you accept the Mollom privacy policy.