Vom Fälschen und Gefälschtwerden

Hitlers TagebücherDas Bedürfnis, Massenmörder, Diktatoren, Tyrannen – kurz gefasst das Böse zu verstehen, ist groß. Daher rührt wahrscheinlich auch die überdurchschnittlich hohe Anzahl an gefundenen gefälschten Tagebüchern von schauderhaften Gestalten.

Dass die Hitler-Tagebücher im Endeffekt nicht viel mehr bieten als einige Randnotizen zum Problem Blähungen, wenige unmotivierte Vermerke über Wegbestreiter und sonst nur aus fein säuberlich zusammengeschriebenen Chroniken bestehen, ist da natürlich ernüchternd.
„Die Tagebücher sind echt“, schrieb Chefredakteur Peter Koch im Mai 1983 ins Editorial der Zeitschrift stern, eine Woche nach Veröffentlichung der Sensationsentdeckung. Der Fund sollte der Knüller des Jahrhunderts werden – was auch gelungen ist, allerdings nicht ganz so, wie sich das die Redaktion vorgestellt hatte.

Als besonders lesernah schätzte Michael Seufert, zur damaligen Zeit Redakteur, das Blatt ein.
Dass noch Jahre später enttäuschte Leser in der Redaktion anrufen, mit den klingenden Worten „Mein stern hat mich betrogen“, zeigt nicht nur, dass der stern eine äußerst theatralische Leserschaft besitzt, sondern auch, dass Seufert wohl recht hatte.
Peter Koch hatte jedoch nicht recht. Zwei Ausgaben zu den vermeintlichen Hitler-Tagebüchern waren bereits erschienen, auf der ganzen Welt berichteten alle namhaften Zeitungen über die Entdeckung. Der Streit über die Echtheit war gleich vom ersten Tag an entbrannt, bei einer überbesetzten Pressekonferenz am 25. April, als die Sensation der Welt präsentiert wurde.

Wahr oder falsch?

Noch während der Konferenz wurden mit schlagenden Argumenten heftige Zweifel an die Redaktion herangetragen. Hitler hätte nach dem Attentat in der Wolfschanze 1944 nicht mehr Tagebuch führen können, weil er Schüttellähmung an der rechten Hand hatte. Gegendarstellung von Koch: Es war die linke Hand. Weiters: Keiner von Hitlers engsten Vertrauten hätte jemals davon erzählt, dass er Tagebuch schreibe. Wann hätte er das überhaupt machen sollen? Gegendarstellung: Die Lebensgefährtin des Chauffeurs von Hitler berichtet sehr wohl davon, dass ihr Partner ihr wiederholt erzählt hätte, dass Hitler im Auto öfter gesagt haben soll: „Das muss ich heute Abend in mein Tagebuch schreiben.“
Hitler, der begeisterte Tagebuchschreiber, der sogar während Autofahrten in pubertär anmutender Weise von seiner Leidenschaft spricht? Das wäre gelinde gesagt, überraschend. Genau jene Überraschung wollte der stern der Öffentlichkeit präsentieren. Stichhaltige Beweise bleiben aber aus. Schließlich wirft die bild-Zeitung einige Tage nach der Veröffentlichung die Frage auf, warum denn auf dem Deckblatt der Tagebücher nicht die Initialen „AH“, sondern „FH“ stehen? Da muss sogar die Redaktion erst grübeln. In der alten Schrift sind diese Buchstaben leicht verwechselbar. Vielleicht stehe es für „Führer Hitler“?

Das Versagen der Redaktion

Möglich. Allerdings nicht sehr wahrscheinlich. Viel wahrscheinlicher wäre es jedoch, dass in einer professionellen Redaktion, mit Erfahrung und hohen Ansprüchen, sich jemand diese Fragen früher gestellt hätte. Schließlich war der stern schon über zwei Jahre damit beschäftigt, die Tagebücher – im Endeffekt 60 an der Zahl – zu beschaffen.
Insgesamt bezahlte der stern 9,3 Mio. DM für die 60 Bände. Anfangs hat man mit zwei Mio. für 23 Bände gerechnet. Dass sich die ursprünglichen 23 Bände beinahe verdreifachten, wunderte scheinbar auch niemanden.

Verkehrte Welt

„Nur ein genialer Fälscher hätte diese Diktion über Tausende von Seiten durchhalten können“, versucht Peter Koch in seinem Editorial verzweifelt, weitere Argumente für die Echtheit der Tagebücher zu finden. Es übersteigt jede Ironie, wenn er weiters meint: „Verkehrte Welt. Je absurder der Vorwurf der Fälschung begründet wird, umso weniger scheint er Zweifel zu wecken.“
In dieser Patt-Situation zwischen Gläubigen und Zweiflern, bringt es die französische Zeitung Le Matin wohl am besten auf den Punkt: „Diese Texte sind auf jeden Fall ‚gefälscht‘, denn Hitler war ein notorischer Lügner.“

Die Tagebücher sind nicht echt

Das sieht am 6. Mai auch der stern ein, nachdem das Bundeskriminalamt ein Gutachten vorlegt: Das verwendete Papier der Bücher stammt eindeutig aus der Nachkriegszeit.
So weit hat Konrad Kujau, so der Name des ambitionierten Fälschers, nicht mitgedacht. Überhaupt hat er die Fälschungen nie von langer Hand geplant, viel eher reagierte der als einfältig beschriebene Mann aus Stuttgart auf eine Bedürfnislage unter NS-Nostalgikern. Im Untergrund blühte – und blüht auch heute – das Geschäft mit allerlei Krimskrams der NS-Zeit. Kujau interessierte vor allem das Finanzielle dabei: Die Interessenten sind willig, sehr viel Geld für Abzeichen, Schriften, Orden usw. zu bezahlen. Und wenn er keine Originale beschaffen konnte, so waren Fälschungen schnell hergestellt. In der Versessenheit der Alt- und Neo-Nazis, NS-Souvenirs zu besitzen, waren die Stücke im Zweifel schnell einmal echt. Als Kujau die Tagebücher ins Spiel brachte, setzte schließlich jeder Verstand aus. Zu verlockend ist das Angebot, zu sensationell wäre die Entdeckung, dass Hitler doch Tagebuch geschrieben hat.

Der Meisterfälscher …

Konrad Kujau verschaffte sein Werk Weltruhm. Dass die Tagebuch-Fälschung aufgeflogen ist, wird ihn im Endeffekt gar nicht stören. Im Gegenteil: Der Reporter, der auf ihn reinfiel, war die Lachnummer, Kujau der „geniale Fälscher“ mit dem überragenden Talent zum Schriftenfälschen. Vier Jahre und drei Monate wurde Kujau aus dem Verkehr gezogen, doch kaum aus dem Gefängnis wieder entlassen, eröffnete der Geläuterte ein Atelier, in dem er offiziell Original Kujau-Fälschungen verkaufte. Das Geschäft lief prächtig, seine Kujau-Picassos, Kujau-Klimts und Kujau-Monets erzielen bis zu 3500 Euro. Ende gut, alles gut? Nicht ganz.

… ist kein Meisterfälscher?

Es existieren etliche Fotos von ihm vor seinen Werken. Gekonnt posierte der im Jahr 2000 verstorbene Meister für alle geneigten Fotografen, mit Palette und Pinsel in der Hand – die Bilder selbst waren aber immer schon fertig gemalt. Das mutet tatsächlich verdächtig an. Noch verdächtiger erscheint jedoch, dass Kujaus Nichte bis sechs Jahre nach dem Tod des Onkels im Internet um die 700 handsignierten Original-Kujaus versteigerte.
Auf diese Überflut an Kujaus wurde vor zwei Jahren auch die Polizei aufmerksam. Es stellte sich heraus, dass die Werke nicht aus des Meis­terfälschers Hand stammen, sondern Massenware aus China waren.

Die Spur führt nach Wien

Auch das Fälschermuseum in Wien besitzt einen Kujau. Diane Grobe, Leiterin des Museums, ging schon beim Ankauf vor drei Jahren davon aus, dass etwas daran nicht ganz stimmt. „Aufgrund der Beschaffenheit der Leinwand und des Rahmens sowie an dem schlechten Farbauftrag vermuteten wir schon kurz nach dem Erwerb, dass dieses Bild nicht aus der Hand eines Meisterfälschers stammen kann.“ Diane Grobe nimmt weiters an, dass es niemals Original Kujaus gab. Der listige Betrüger hätte niemals auch nur einen Farbklecks auf eine Leinwand gesetzt, wahrscheinlich konnte er nicht einmal besonders gut malen. Chinesische Billigarbeiter haben für ihn gemalt, er hat nur noch sein Signet auf die Kopien gesetzt – und fertig war die perfekte Original-Kujau-Fälschung.
Leider war eben auch die gefälscht. Kujaus Nichte half ihm, die Bilder an den Mann und an die Frau zu bringen. Ob das nun den Wert der Gemälde steigert oder herabsetzt, sei jedem selber überlassen. Wenn Grobe recht behält und Kujau tatsächlich nie gemalt hat, dann bleibt das einzig echte Kujau-Original, das existiert, das gefälschte Hitler-Tagebuch.
Im Übrigen: Die angebliche Nichte heißt zwar tatsächlich Petra Kujau, ist aber – so die Ermittlungen der Polizei – nicht mit Konrad Kujau verwandt.

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