Von den Wundern

und warum wir uns zur Weihnachtszeit keine erwarten sollten. Höchstens -kerzen.

„Warum Weihnachten feiern?“ unkt ein gut abgehangener Feministinnenwitz. „Es wird doch jeden Tag ein Mann geboren, der sich nachher für Gott hält.“
Dem müssen wir entgegenhalten, daß Jesus vielleicht einer der wenigen war, die sich gerade nicht für Gott hielten (nicht einmal für den Messias, siehe z. B. Lukas 9, 20-21). Außerdem war die Weihnachtslegende samt Stall, Stern und Hirten auf dem Felde ursprünglich auf den iranischen Lichtgott Mithras zugeschnitten – der feierte da zur Wintersonnenwende Geburtstag, wie es einem Sonnengott ansteht, und Jesus kam erst zu dem Ganzen, als die Christen in Rom die schlaue Idee hatten, ein Konkurrenzfest gegen das der Mithrasanhänger aufzubauen. Vielleicht wären wir sonst heute alle persische Sonnenanbeter. So haben wir es in der Geschichtestunde gehört.
An die Geburt eines Knaben durch eine (jawohl, körperlich!) jungfräuliche Mutter glaubt heutzutage nicht einmal mehr die Mehrheit aller Gemeindepfarrer, sagen uns Kirchenstatistiken. Weder hat also jemand Geburtstag, mit dem wir einigermaßen bekannt wären, noch ist ein Wunder geschehen. Woher, um Mithras’ willen, wollen wir da einen Anlaß zum Feiern nehmen?

Zum Feiern, wohlgemerkt, nicht zum Schlemmen, Bäumeaufstellen und Geschenke-Hinundherreichen. Das tun wir ohnehin, weil es uns die Kommerzgesellschaft predigt. Um wirklich zu feiern, von innen her. Brauchen wir dazu nicht vielleicht doch ein Wunder? Suchen wir uns eines.
Wir können sagen: ein Wunder ist alles, was uns wundert. Dann brauchen wir nur mit großen Kinderaugen in die Welt hinauszugehen und zu staunen. Aber schaffen wir das? Wir wundern uns ja auch über die abgründige Leere der Staatskasse und die Gehässigkeit der Frau Pospischil vom Zehnerhaus, feiern sie aber nicht.
Vielleicht wäre ein Wunder für Erwachsene die Aufhebung eines logischen Widerspruchs: ein Toter, der lebt, oder eine Mutter, die zugleich Jungfrau ist. Wir treffen Leute, denen anscheinend solche Wunder geschehen und die davon höchst begeistert sind; aber damit sie uns auch geschehen, müßten wir zuerst unseren Verstand an der Garderobe abgeben. Warum soll aber der arme Verstand nicht mitfeiern? Ich für mein Teil fühle mich nackt ohne ihn.
Reicht ein physikalischer Widerspruch, z. B. unzerrissenes Jungfernhäutchen nach Geburt eines voll entwickelten Knaben? Von mir aus gerne, sofern mir jemand halbwegs plausibel machen kann, daß dergleichen je wirklich passiert ist. Wenn man mir etwas zu glauben zumutet, das eindeutig in die Domäne der Naturwissenschaften gehört, aber das Glauben soll nur gelten, wenn ich die Wissenschaft bei der Suche danach nicht zu Hilfe nehme – geben Sie mir sofort meinen Verstand wieder heraus, Fräulein, und nein, es gibt kein Trinkgeld.

Sicher können wir auch unsere Begrenztheit zugeben und sagen: ein Wunder ist alles, was wir beim gegenwärtigen Wissensstand nicht erklären können. Der Mensch, der als erster mit zwei Steinen Feuer schlug, war für seine Zeitgenossen ein Wundertäter; für uns nicht, wir haben ein Feuerzeug. Daß die Wunder immer weniger werden, davor hüten uns dann Menschen wie Einstein und die Quantenmechaniker: sie sorgen gerade durch immer subtilere Forschungsergebnisse dafür, daß etwa die Gravitation und das Verhalten von Elementarteilchen von Generation zu Generation geheimnisvoll bleiben. So ist letztlich, wenn man das Nachfragen („Warum, Mama?“) weit genug treibt, alles in der Welt ein Wunder. Erinnern Sie sich an Peter O’Toole in „The Ruling Class“, als er ein verrückter junger Earl war und sich für Jesus hielt? Er brauche keinen Tisch schweben zu lassen, verkündete er – die menschliche Hand sei Wunders genug.
Seltsam, daß sich der Wunderbegriff, wenn man ihn solchermaßen auf alle Phänomene ausgedehnt hat, eigentlich nur mehr für Atheisten eignet. Wo bleibt das Wunder, wenn ich argwöhnen muß, daß es immer einen gibt, der weiß, wie der Zaubertrick funktioniert? Wenn es ihn aber nicht gibt, wo bleibt Weihnachten?

Derweil der Weihnachtsrummel in den Geschenke-Umtauschrummel, den Silvesterwahn (von Papst Silvester reden wir ein andermal!), den Jännerschlußverkauf und den Fasching überfließt, vergißt jeder jeden Tag, sich selbst als sein eigenes Wunder zu feiern. Klingt das abgedroschen? Das tut die Wahrheit meistens.
„Eine lasthafte und verhurte Generation sucht ein Zeichen, und es wird ihr kein Zeichen gegeben werden als das Zeichen des Propheten Jona“ (Matthäus 12, 39) – das Laubdach über ihrem Kopf wird eines Morgens vertrocknet sein, und sie wird sich bei jemandem, den sie nicht einmal für kompetent hält, über ihren Sonnenstich beklagen (Jona 4, 6-8). Und das alles, weil sie nicht die Nerven hat, gemütlich im Schatten sitzen zu bleiben.
caru

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