Von der Hitze im Körper

Das Allgemeinwissen, dass der Mensch eine Körpertemperatur von um die 37°C hat und dass diese, wenn sie erhöht ist, eine Krankheit anzeigen kann, ist noch nicht sehr alt. Wenn man sich krank fühlte, ging man entweder zu einem Arzt oder einer anderen heilkundigen Person, die dies durch ihre Erfahrung bestätigen konnte; selber aber die Krankheit aus dem subjektiven Erleben objektiv greifbar zu machen, blieb den Kranken verwehrt. Bis ein einfaches Verfahren aus der Physik als Hilfsmittel eingeführt wurde.

Zurück in die Vergangenheit

„Zwei unumstößliche Fundamentalthatsachen sind es, welche die Feststellung der Eigenwärme bei Kranken rechtfertigen, fordern, zur Pflicht machen und den Werth der thermometrischen Exploration begründen:

Es ist die Thatsache, dass im gesunden Zustand der Mensch unter allen Umständen, in jedem Alter, unter allen Verhältnissen und Lagen, bei allen Einflüssen, so lange sie ihn nur nicht krank machen, eine nahezu gleiche hohe Eigenwärme zeigt: die Thatsache der Beständigkeit der Eigenwärme des Gesunden: und zweitens die Thatsache, dass die Wärme beim kranken Menschen häufig von der constanten Temperatur des Gesunden abweicht: die Thatsache der Veränderlichkeit der Eigenwärme bei Kranken.“

1868 begann der Leipziger Arzt Dr. Karl August Wunderlich mit diesem Paragraphen seine Veröffentlichung „Das Verhalten der Eigenwärme in Krankheiten“, die einer neuen Definition des Wortes Fieber zum endgültigen Durchbruch verhelfen sollte.
Seit Jahrhunderten war dieser Begriff mit dem Inhalt „Krankheit“ belegt, und die „Hitze“ stellte nur ein Symptom dar, das von Patient wie Arzt subjektiv beschrieben, bei ausreichender Erfahrung des Letzteren helfen konnte die Unterart des Fiebers herauszufinden. Der Goldstandard, die Krankheit Fieber zu diagnostizieren, lag jedoch in der Messung und Interpretation des Pulses.

Bis 1850 Prof. Ludwig Traube von der Berliner Charité begann die Eigenwärme der Patienten auf seiner Station für eine Studie über Digitalis zu vermessen. Ein Jahr später überzeugte er Dr. Wunderlich seinem Modell zu folgen und die neue Methode systematisch anzuwenden. 17 Jahre später bei der Herausgabe seines Buches hatte dieser dann „ein Material von vielen Tausenden thermometrisch verfolgter Krankheitsfälle und von Millionen von Einzelmessungen gesammelt.“
Noch in den Kinderschuhen steckend war Fiebermessen damals eine ernste Angelegenheit, von der ersten bis zur letzten Minute durchchoreographiert, um die Wiederholbarkeit des Experimentes zu sichern.
Die zur Messung verwendeten Thermometer sind mit dem, was man heute darunter kennt, kaum zu vergleichen. Ihnen fehlte noch die Maximaleinrichtung, die das einmal erwärmte Quecksilber daran hindert bei Entzug der Wärmequelle wieder abzusinken. Um das Instrument nun direkt vom Körper des Patienten ablesen zu können, war es relativ groß und so dauerte die gleichmäßige Erwärmung des Inhaltes eine halbe Stunde. Zur Interpretierbarkeit von Höhe und Verlauf trug man die Einzelwerte gesammelt gegen eine Zeitachse graphisch auf.
Thermometer Wie das Fiebermessen selbst ist auch diese Fieberkurve im klinischen Alltag erhalten geblieben, hat der gesamten fallbezogenen Patientenakte im klinischen Sprachgebrauch den Namen geliehen und ist um zusätzliche Patientendaten wie Vitalparameter und laufende Medi­kation erweitert – allgegenwärtig und unverzichtbar um den Verlauf von Krankheiten interpretieren zu können.

Fundamentale Tatsachen

Die wichtigste Hinterlassenschaft Wunderlichs liegt aber in den Schlüssen, die er aus seinen Beobachtungen gezogen hat. Die meisten dieser „Fundamentalsätze“, wie er sie nannte, sind heute gültiges Allgemeinwissen. Der Normalbereich, in dem sich die Eigenwärme bewegen darf, oder dessen Abhängigkeit von der Tageszeit, ist heute ebenso den meisten Menschen geläufig wie die Bereichsgrenze zum Fieber und die maximale noch mit dem Leben vereinbare Temperatur. Da aber heutzutage die orale Temperaturmessung bei den meisten Studien als Standard verwendet wird, sind die hier angegebenen genauen Werte zu Vergleichszwecken neueren Studien entnommen und stammen nicht aus dem Datenmaterial 1868s. Die mittlere oral gemessene Temperatur liegt bei 36,8° ±0,4°C, wobei ältere Menschen auch darunter sein können. Die normale tägliche Temperaturvariation beträgt typischerweise 0,5°C und das Maximum einer oral gemessenen Temperatur darf um 6:00 morgens 37,2°C und um 16:00 abends 37,7°C betragen, um als normal zu gelten.
So sind dieser physikalischen Definition nach alle Werte, die die morgend- und abendlichen maximalen Normaltemperaturen überschreiten, als Fieber zu bezeichnen.
Aber Fieber ist keine rein physikalische Angelegenheit und so muss man, um dem gesamten Phänomen Fieber genauer auf den Grund zu gehen, die Definition erweitern beziehungsweise Fieber zur Hyperthermie abgrenzen.

Fieber – eine Erfindung des Gehirns

Die Eigenwärme des Körpers wird im Gehirn hauptsächlich vom Hypothalamus kontrolliert. Dieses Zentrum definiert einerseits die Temperatur, die im Körper vorherrschen soll und achtet andererseits auf ihre Einhaltung. Während nun „Hyperthermie“ einen Zustand beschreibt, in dem die Kerntemperatur trotz aller verfügbaren Gegenmaßnahmen den Sollwert übersteigt, wird dieser beim Fieber vom Hypothalamus ausgehend nach oben reguliert.
So besitzt auch das Fieber – von wenigen speziellen Krankheiten abgesehen – ähnliche tageszeitbedingte Schwankungen wie die normale Tagestemperaturkurve, die bei Patienten mit Hyperthermie nicht auftreten.
Die bekannteste krankhafte Ausprägung einer Hyperthermie ist der Hitzschlag. Zum Fieber abgrenzen lässt er sich durch eine meist auf übermäßige Wärme- und ungenügende Wasserzufuhr hinweisende Anamnese, die typisch heiße und trockene Haut der Patienten sowie die Wirkungslosigkeit von fiebersenkenden Arzneimitteln. Betroffen sind oft junge Menschen, die in einer sehr heißen Umgebung schwere Arbeit verrichten, oder ältere Menschen, bei denen die Fähigkeit zur Temperaturregulation oft eingeschränkt ist. Diese Einschränkung spiegelt sich auch in der meist niedrigeren normalen Körpertemperatur älterer Leute wider sowie in dem häufig auftretenden Unvermögen, höheres Fieber zu erzeugen.

Erst kalt – dann heiß

Der Prozess der Fieberentstehung geht wie folgt vonstatten:
Die Körperkerntemperatur wird unter der Kontrolle des Hypothalamus in einem Bereich mit sehr engen Grenzen weitgehend konstant gehalten, während die Temperatur der Extremitäten je nach Umgebungswärme über mehrere Grade schwanken kann. Generiert wird die Eigenwärme des Körpers durch die bei metabolischen Prozessen der Organe frei werdende Wärme, wobei hier Leber, Fettgewebe und Muskulatur den Hauptbeitrag leisten. Die Abgabe der Wärme findet an den Oberflächen statt, die den Körper zur Umgebung hin abgrenzen, also Haut und Lunge.
Ob nun der Sollwert im Hypothalamus nach oben geregelt wird, um Fieber zu verursachen, oder die Körperkerntemperatur zu stark vom normalen Niveau nach unten absinkt, die Reaktion ist dieselbe.
Zunächst werden Nerven aktiviert, die die Blutgefäße in der Peripherie des Körpers engstellen, um so wenig Wärme wie möglich zu verlieren, beziehungsweise Kurzschlussgefäße in den Extremitäten öffnen, die es dem Blut erlauben Abkürzungen zu nehmen, um eine möglichst kurze Zeit in Kontakt zur kalten Oberfläche zu sein.

Dieses Umleiten des Blutes von der Peripherie hin zu den inneren Organen vermindert die Wärmeabgabe über die Haut. Die dabei auftretende Gänsehaut ist ein Relikt aus der Zeit, als der Körper noch mit dichterem Haarkleid bedeckt war. Die Muskeln an den Wurzeln der Körperhaare kontrahieren sich, um das Fell durch das Aufstellen der Haare zu verdichten und die Luft daran zu hindern frei am Körper zu zirkulieren und durch diese Bewegung Wärme besser abzuleiten.
Der Mangel an Haaren stellt aber keinen Überlebensnachteil dar, denn da diese Geschehnisse von dem bewussten Gedanken „mir ist kalt“ begleitet werden, werden die Haare durch verhaltenstechnische Maßnahmen, die Wärmeabgabe zu reduzieren, ersetzt.
Ist dies nicht genug, um die im Gehirn als Sollwert eingestellte Temperatur zu erreichen, beginnt der Körper Wärme zu produzieren. Der Aktivitätsschub, der dazu verhelfen soll, findet in allen Teilen des Organismus statt, aber die Auswirkungen werden für uns nur an der Muskulatur spübar – es setzt Schüttelfrost ein.
Säuglinge sind zu diesem Mechanismus der Wärmeproduktion noch nicht befähigt, können aber über eine andere Gewebeart die benötigten zusätzlichen Grad erlangen. Ihr Körper ist an bestimmten Stellen mit einer besonderen Art Fett ausgestattet, sogenanntem braunem Fettgewebe, dessen bis jetzt einzig festgestellte Aufgabe die Wärmeproduktion zu sein scheint.
Fiebert der Mensch nun wieder ab, kehrt sich der Vorgang komplett um: Kleidungsstücke werden abgelegt, Blutgefäße an den Extremitäten geöffnet, der Körper beginnt zu schwitzen, um die überschüssige Wärme schneller durch Verdunstung abgeben zu können.

Zytokine, Pyrogene und das letzlich Schuldige

Aber vom Ende der fieberhaften Erkrankung gehen wir noch einmal ganz an den Anfang zur wichtigsten und kompliziertesten Frage: Wie wird der Sollwert verstellt?
In der Natur, wie auch im menschlichen Körper, gibt es Stoffe, meist Proteine, die Fieber auslösen können – Pyrogene genannt. Pyrogene, die von außerhalb des Körpers stammen, werden als exogen bezeichnet und sind meistens Bestandteile eines Bakteriums oder dessen Stoffwechselprodukte. Jene Pyrogene, die der Mensch selbst produziert, heißen endogene Pyrogene und gehören zu einer Übergruppe von Proteinen (Zytokine), die als Boten- und Effektorstoffe bei Prozessen im Immunsystem beteiligt sind.

All diese verschiedenen Stoffe verursachen die Produktion des Proteins, das letztendlich für die Erhöhung der Sollwerttemperatur im Gehirn, aber auch für die oft begleitenden Muskel- und Gelenkschmerzen verantwortlich ist: Prostaglandin E2.
Die Verhinderung dieses Proteins ist auch der Ansatzpunkt der heute gängigen fiebersenkenden Arzneimittel. Rezeptfrei in jeder Apotheke erhältlich werden sie oft nach Konsultierung des Fieberthermometers zur Eigentherapie verwendet. So normiert und reduziert das Thermometer die Krankheit auf das Fieber und vereinfacht für den Konsumenten schließlich die Optionen und kann seine Eigenverantwortlichkeit erhöhen.
Auch für Ärzte wird es mit demWechsel von der subjektiven Krankheit Fieber, die anhand von Erfahrung richtig gedeutet werden wollte, hin zum objektiv genormten Symptom einfacher, da seine Höhe, sein Verlauf oder seine bloße Anwesenheit zusätzliche Information zur genaueren Diagnose und damit gezielteren Behandlung geben kann.

Leitlinie?

Ob bei gestellter Diagnose die Behandlung des Symptoms Fieber von Ärzten als notwendig, sinnvoll oder schädlich erachtet wird, ist zwar bei bestimmten Patienten einfach zu untermauern, bei einem Großteil jedoch abhängig vom Zeitgeist der gerade vorherrschenden Lehrmeinung. Da bis jetzt noch keine Studie einen Beweis dafür geliefert hat, dass Fieber selbst die Genesung von einer Infektion erleichtert oder das Immunsystem unterstützt, wird zur Zeit die Behandlung von Fieber und seinen Symptomen als nicht schädlich oder genesungsverzögernd angesehen.

Kommentare

periphere überwärmung...

sahr geehrte damen und herren,
seit jahren leide ich unter extremen hitzestau an füssen und vorallem den händen.bei einem aufenthalt in thailand,war ich so geschwächt,dass ich erst beim eintauchen ins kalte wasser ,wieder kraft fand.als müsste ich meinen körper löschen.
vor 3 jahren war ich sommer so schwach ,dass ich nur im kühlen zimmer mich aufgehalten habe.dieses jahr bekomme ich bläschen an den fingern..
vielleicht können sie mir weiterhelfen an welche adresse ich mich wnden muss.
mit freundlichem gruss
sandra künzig

Da Ferndiagnosen ungenau,

Da Ferndiagnosen ungenau, unzulänglich und unethisch sind, wärs am besten wenn sie sich an eine/n MedizinerIn ihres Vertrauens in ihrer Nähe wenden.
Als erster und zentraler möglicher Ansprechpartner ein/e praktische/ HausärztIn", der/die sie kennt, dem/r sie sich anvertrauen können und der/die ihre Probleme ernst nimmt. Kann durch diese/n keine Diagnose gestellt werden, sollte diese/r sie weiterüberweisen (auch immer ein guter Grund zuerst zum/r AllgemeinmedizinerIn zu gehen- sie können sich einen zusätzlichen Weg ersparen um die Überweisung abzuholen)
Falls Sie lieber gleich zu einem/r FachärztIn wollen, würde ich am ehesten eine/n HautärztIn empfehlen, weil sie etwas von Bläschen geschrieben haben.
Mögliche Differentialdiagnosen würden sie aber auch auf die Innere Medizin, oder die Frauenheilkunde führen.
Deshalb würde ich den/die HausärztIn als ersten Weg anraten.
Alles Gute!

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