Was in der Geschichte begraben liegt

begrabenEin Streifzug hinter die Kulissen verschiedener Diskursmechanismen rund um Abfall und Reste vergangener Zeiten und auf die Kehrseite vorgefertigter Meinungen, die von alten Bildern gespeist werden. Für Gabi Teichert und das Knie.

Zur Veranschaulichung: Szenario ist ein Feld aus erdigen Brocken. Angerollt kommen große, auf Gleisketten laufende Maschinen mit kräftigen Turbinen und mächtigen Schaufeln. Sie graben das Gelände um. Stetig schneidet das Eisen ins Erdreich und wirft es auf. Zurück bleiben gigantische Maulwurfshügel, die zugleich in die nächste Schaufel wandern oder unter dem Gewicht der Maschinen plattgewalzt werden.

So könnte eine Metapher für die Geschichte aussehen: Der Fortschritt der Zeit erschafft Geist und Qualitäten, jedes Jahrhundert entwickelt seine spezifischen Techniken, die halten, bis sie ausgedient haben, die transformiert werden, bis sie komplett mutiert sind. Alles Unbrauchbare wandert in den Abfall, wird kompostiert, die Erde wandert aufs Feld und düngt neue Zeiten. Unverdauliche Geschichte wird leider nicht vom Biomüll getrennt und so mischt sich historischer Sondermüll ins Erdreich und ragt zwischen den klumpigen Brocken hervor. Geschichte ist nicht mehr als ein gigantisches Trümmerfeld, ein Moloch aus durcheinander gewürfelten Zeitschichten, an deren Bruchstellen noch das Blut vergessener Kriege klebt. In diesem Gefilde (man sollte Gummistiefel tragen) verbirgt jede winzigste Facette den Schlüssel für die Tür zum zivilisatorischen Hinterstübchen, ein magischer Raum, der von außen wie eine Abstellkammer aussieht und sich beim Eintreten als bodenloser Schacht entpuppt.
Natürlich erscheint selbst die Existenz einer solchen Tür im Stimmengewirr der Gegenwart, in der man wie in einem Foyer laut schnatternd darauf wartet, in den Festsaal der Zukunft eingelassen zu werden, nur von marginaler Wichtigkeit, zumal es jenen unglückseligen Neugierigen, die die Tür bemerken und eintreten, sehr selten gelingt, aus diesem Schacht wieder aufzutauchen und eher in der Geschichte verloren gehen wie Alice im berüchtigten Kaninchenbau. Geschichte ist schließlich nicht mehr, wie sie war, sondern ist nur das, was von ihr im Jetzt noch bleibt. Handelt es sich dabei um materielle Überreste, lässt sich die Vorstellung von der Vergangenheit relativ einfach rekonstruieren – so schreitet die gegenwärtige Betrachtung einer Ruine zurück in der Zeit, kehrt das Nagen des Verfalls um und erschafft so ein neues Gebäude, eine Imagination, wie es ausgesehen haben könnte, aber wahrscheinlich nicht ausgesehen hat. Selbstredend gestalten sich diese dialektischen Zeitbilder noch einmal anders, wenn es sich um Überreste geistigen Ursprungs handelt. So gab es zum Beispiel eines Tages die Idee von der Gleichheit der Klassen und dem Revolutionspotential des arbeitenden Volks, zumindest wird Derartiges erzählt oder lässt sich in alten, verstaubenden Büchern nachlesen. Was ist aus diesen Ideen geworden? Und wie kam es, dass heute so viel von den „kleinen Leuten“ oder sogar vom sogenannten „kleinen Mann“ die Rede ist?

Kino!

Sehen wir da nach, wo so vieles offensichtlich scheint: im unerschöpflichen Bilderarchiv des Kinos. Natürlich gabs da auch schon mal mehr Potential als heute. In der klassischen Hollywoodillusion treffen wir den kleinen Mann und da wissen wir schon, dass er Tellerwäscher ist, aber zudem legt er einen gewissen Witz und Charme an den Tag und flink und behände steigt er die imaginären Leitern zu höheren Klassen auf: „Wer wird Millionär?“ ist nur die letzte Instanz eines kulturellen Brandings Marke Paramount (Universal, MGM, Warner?). Zunächst ist es der Einzelne, der sich aus den Missständen des harten, einfachen, genügsamen Lebens herausgearbeitet und sich mithilfe seiner Gehilfen Trick, Hirn und Glück über die plumpe Masse des Proletariats erhoben hat. Brennpunkt bleibt immer der leitende Charakter, der eine Idee hat, der aus der Menge hervorsticht: welch Lobgesang der individuellen Leistung auf Kosten des großen, anonymen Kollektivs. Hier, in diesen Studios der Engelsstadt nahm ein gewaltiger Bilderstrom seinen Anfang und wie eine Tsunamisturmflut ist er über das visuelle Kulturgut unserer Zeit hinweggefegt, in dem bis heute die Botschaften seiner Symbolhaftigkeit fest verankert sind. Zu Beginn war es vielleicht nur die Ausmusterung kommunistisch gesinnter Künstler_innen und eine eher kapitalkonforme Neubesetzung der Stellen à la Mc Carthy, aber das neoliberale Mantra des Tellerwäschers, der zum Millionär geworden ist, kennen selbst heute noch alle, selbst die, die von Mc Carthy keine Ahnung haben.
begrabenDabei hat Hollywood diese einfachen Leute studiert. Es hat ihr Bild gezeichnet, in einer Einstellung, die kohärent multipliziert wurde. Meist sind es die Armen (im Plural), die Ausgebeuteten (so viele), die ewigen Opfer unserer bösen Welt, in der immer nur der Stärkere (wir wissen, es war der Tellerwäscher, nicht der Butler) gewinnt. Hat ein Kollektiv für sich selbst (aus Eigenermächtigung, ohne Führerokkultismus) in einem Hollywoodfilm jemals etwas geleistet? Man erinnere sich nur an die ausgemergelten Juden aus Schindlers Liste oder die eingesperrte dritte Klasse auf der Titanic, wunderschön auch die heulenden Frauen, Alten und Kinder in der Schlacht um Helms Klamm im Herren der Ringe. Menschen im Plural als Singular des Opfers: Es hat kein Gesicht. Tränen-Close-ups dienen nur der Kompassion, Mitleid mit dem armen, einfachen Volk, Mitleid mit dem Stand der Dinge, mit anderen Worten, erweitertes Selbstmitleid. Warum hat man es nötig, die Masse (die Idee der Masse) zum ewigen Opfer zu stilisieren? Und können wir uns überhaupt eine Darstellung eines Kollektivs vorstellen, die seinem Potenzial entspricht? Was uns hier vermittelt wird, ist nicht nur, dass die großen Bösen der Welt so viele Menschen ausgebeutet haben und ausbeuten, sondern auch, dass sich der Stand der Dinge nicht geändert hat und sich auch nicht ändert, weil die, die ihn ändern könnten, damit beschäftigt sind, sich dem Bilderstrom hinzugeben. Hollywood fesselt uns in unserer Namenlosigkeit und bleibt dabei immer noch so verlockend verführerisch wie das Lotto-Spiel – denn man kann ja nie wissen, und man hofft so inständig darauf, auch einmal zu gewinnen, um auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen.
Und träumen ist viel einfacher als tun. Was das Kollektiv geträumt hat, weiß keiner mehr. Einige fragen auch schon skeptisch, ob es dieses Kollektiv je gegeben hat oder ob es nur eine utopische Idee weniger Sozialutopist_innen war, die vom sogenannten einfachen Volk mehr erwartet haben, als dieses leisten wollte.

Politik!

Die einfachen Leute sind indes nach wie vor Zielgruppe Nummer eins des Populismus, der so tut, als verträte er die Interessen dieser Großschicht, Interessen, die ihm im Grunde vollkommen egal sind, weil es nur darum geht, hohe Prozentzahlen zu erzielen, um mehr Geld zur Verunfügung zu haben. Fast wäre anzunehmen, dass sich die populistische Wahlmaschinerie eben jenen Bilderresten bedient, die Tsunami „Hollywood“ zurückgelassen hat, mit anderen Worten: Der Populismus ist jene amorphe Form von Politik, die es als Erstes verstanden hat, sich an eine vollkommen medialisierte Wähler_innenschaft zu richten, die sich von Boulevardpresse und „Unterschichtenfernsehen“ beeinflussen lässt.

begrabenBeinah rutscht es einem über die Lippen: die armen, bildungsfernen, einfachen Leute, die nicht verstehen, was mit ihnen gespielt wird. Schluss damit! Sie wählen nicht blau, weil sie schlichtweg dumm sind (nein, nein, nein), sondern weil sie es satt haben, für dumm verkauft zu werden, es ist ein lautstarker Protest gegen das System, das in diesem Fall einem der größten Blender in die Hände spielt, dem die Strahlesternchen (ohne Sichel) geradezu aufgehen in seinen himmelblauen, verlogenen Äuglein. Er gehört natürlich ebenso zum System, zu dem alle gehören und in dem alle ihre Rolle schön brav spielen wie auf einer großen, bunten Bühne der Politik. Ein Stück mit König_innen und Bischöfen, mit Marktschreier_innen und Narrischen und mit noch so viel mehr Charakteren, die durcheinander reden (als würden sie auf den Einlass in einen Festsaal warten) und die damit die Reize der Audienz in einer Art überfluten, dass diese am liebsten die Flucht ergreifen würde, was leider nicht möglich ist, weil wir hier schlussendlich in Platons Höhle angekommen sind, wo mithilfe von Ketten eine Zwangsvorstellung gegeben wird. So müssen wir uns das Spektakel weiter ansehen, am Horizont tauchen auch schon die ersten Staubwolken gigantischer Baggerschaufeln auf.

Bleibt zu fragen, was angesichts dieser drachenhaften Tretmühlen, dieser „Pflugscharen des Bösen“ zu tun wäre? Was soll man noch tun außer Lotto spielen, außer Tee trinken und abwarten und warten, warten auf Godot oder den neuen Godard („Film Socialisme“), warten auf den Frühling und währenddessen im Winterschlaf ausharren.
Lehnen wir uns zurück in den Polstersessel der Klischees, machen es uns gemütlich wie die Made im Speck (made in USA), erlaben uns noch ein wenig in der Erwartung besserer Zeiten. Währenddessen organisieren sich im globalen Netz sozialer Spitzelplattformen neue Protestformen (Audimaxismus, Stuttgart 21 u.a.), die die Wiederauferstehung einer fernen Idee vom Potenzial des Kollektivs propagieren. Na, sehen wir mal zu, ob das was wird.

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