Wem gehört der Nordpol?

… und wohin uns diese Frage führt.

Dutzende Artikel wurden in letzter Zeit unter diesem Titel geschrieben. Eigentlich sollte die Frage jedoch eher lauten: „Wem gehört die Arktis?“ oder noch besser: „Wem gehört das nördliche Polarmeer?“ Darüber wurde nämlich im Mai auf einer Konferenz im grönländischen Ilulissat zwischen den Anrainerstaaten Russland, Dänemark, Kanada, USA und Norwegen diskutiert. Denn seit die Klimaerwärmung Hoffnung auf ein eisfreies Polarmeer macht, wecken auf dessen Meeresgrund vermutete Bodenschätze Begehrlichkeiten der genannten und anderer Staaten. Insbesondere Dänemark, das hier dank der noch nicht erfolgten vollständigen Autonomie Grönlands wohl in erster Linie den aussichtsreichsten Vertreter der EU spielt, und Russland wetteifern um den Löwenanteil der vermuteten unterseeischen Schatzkammer.

Die Lage

Aber der Reihe nach: Im Prinzip handelt es sich bei der Arktis ja um Meer, gefrorenes Wasser und keinen Kontinent. Dennoch vermittelte die Festigkeit den Eindruck, als ob es sich um Land handle, das man für sich beanspruchen könnte. Und so entwickelte sich die „ice is land“Doktrin, gemäß der insbesondere Kanada und Russland bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen Teil dieses Nicht und Niemandslandes für sich beanspruchten. Die naheliegendste Idee war, den „Boden“ nach dem Sektorenprinzip aufzuteilen, gemäß dem von den Landesgrenzen an der Küs­te gerade Linien zum Nordpol gezogen wurden, innerhalb derer das jeweilige Land gewisse Besitz- oder Nutzungsansprüche erhob. Bei diesem Konzept schnitten Russland und Kanada mit Abstand am besten ab, während die USA (über Alaska) das kleinste Tortenstück bekommen hätte. Inzwischen ist jedoch Kanada der einzige Verfechter dieser Theorie, da Russland sich mit einer anderen Politik mehr Gewinn ausrechnet: die Berufung auf das Seerecht.
Dieses wird im Großen und Ganzen durch die UN-Seerechtskonvention geregelt. Hierin wird unter anderem festgelegt, welchen Bereich vor seiner Küste ein Staat als sein Hoheitsgewässer bzw. als erweiterte Zone für Forschungszwecke und Rohstoffgewinnung beanspruchen kann. Im Prinzip darf jeder Staat seinen Kontinentalschelf – das sind die Ausläufer des Festlandes (der Festlandsockel), die nicht unter einer gewissen Wassertiefe (im Allgemeinen 200m) liegen – als sein Eigentum betrachten. Und wie es der Zufall so will, liegt der größte Kontinentalschelf weltweit ausgerechnet vor Russlands Küste und erstreckt sich weit ins nördliche Polarmeer. Man hat sich also längst davon getrennt, die Arktis wie festes Land besitzen zu wollen; nun geht es um das Meer, den Meeresboden und was sich darunter versteckt. Und dazu versuchen die betreffenden Staaten ganz einfach, ihre Küs­tengewässer so weit wie möglich auszudehnen. Nun erlaubt die Seerechtskonvention zwar, dieses Gebiet ein gutes Stück über den Schelf hinaus zu erweitern, die hohe See aber sollte dabei dennoch internationales Gewässer bleiben. Und solch hohe See versteckt sich auch unter dem Nordpol, in Form eines bis zu 5608 Meter tiefen Kessels, der allerdings von drei Unterwasser-Gebirgsrücken durchzogen wird. Der mittlere von diesen, der gleichzeitig der höchste ist, könnte nun das Problem der Aufteilung verändern. Sowohl Russland als auch Dänemark vermuten nämlich, dass der sogenannte Lomonossow-Rücken genaugenommen eine Fortsetzung ihres Kontinentalschelfs ist, und betreiben Forschungen am Meeresboden, um dies zu beweisen. Von wissenschaftlicher Seite werden diese Versuche eher belächelt, da einerseits ohnehin klar ist, dass der Rücken zwar geologisch mit dem Boden des sibirischen Schelfs verwandt ist, sich aber vor Ewigkeiten von diesem abgetrennt hat, und andererseits die Seerechtskonvention sich nicht nach der Geologie, sondern nach der Wassertiefe richtet. Und dummerweise fällt der Lomonossow-Rücken an beiden Enden zum tiefer gelegenen Meeresgrund hin ab, anstatt sich freundlicherweise mit dem Kontinentalschelf zu verbinden – wodurch eigentlich beider Staaten Ansprüche hinfällig werden sollten.

Die Lösung

Aber Papier ist eben geduldig und so einigte man sich nun in Ilulissat darauf, dass die Seerechtskonvention durchaus geeignet sei, um die Aufteilung des Nordpolarmeeres zu regeln. Nun werden also die genannten fünf Staaten in den nächsten Jahren ihre Gebietsansprüche bei der dafür zuständigen UN-Festlandsockel-Kommission einreichen. Diese wird sie prüfen und dann, wenn es bei den akzeptierten Ansprüchen zu Überschneidungen kommt, die betroffenen Staaten zu bilateralen Gesprächen auffordern. Ein Schiedsgericht ist von der Seerechtskonvention nämlich nicht vorgesehen. Es wurde also darüber Einigkeit erreicht, dass die Aufteilung der Arktis gemäß der Seerechtskonvention von 1982 erfolgen kann. Scheinbar, denn die Sache hat einen Haken. In diesem Wettkampf haben sich die USA bisher nobel zurückgehalten. Das liegt vor allem daran, dass weder das Sektorenprinzip noch die Berufung auf die Seerechtskonvention sehr vorteilhaft für sie ist: Ersteres würde ihnen den kleinsten Anteil von allen bescheren, Zweiteres noch weniger, da der Kontinentalschelf Alaskas im Vergleich zum russischen lächerlich klein ist. Vielleicht genau aus diesem Grund haben die Vereinigten Staaten der Seerechtskonvention zwar zugestimmt, sie aber schlauerweise als Einzige der Arktis-Anrainer bis heute nicht ratifiziert. Deshalb gelten für sie auf dem Meer bis heute nur die Continental Shelf Convention, die 1958 in Genf beschlossen wurde, sowie alte Gewohnheitsrechte. Abgesehen davon hängen die USA traditionell dem Prinzip der Freiheit der Meere an und würden wohl auch deshalb am liebsten alle Aneignungsversuche der anderen scheitern sehen und das Nordpolarmeer als freie Hochsee definieren. Dann kann dort bohren und schürfen, wer will, und gewinnen würde den Wettlauf wohl der technologisch Versierteste. Zur Übung wird von der TransCanada Alaska Company gerade der Bau einer „Gasleitung, deren tägliche Kapazität 4,5 Milliarden Kubikfuß Erdgas betragen soll, […] von Prudhoe an der Arktisküste bis nach Alberta-Cheb in Kanada […]“ angestrebt (Quelle: http://de.rian.ru/business/20080603/109139347.html).

Was ist zu haben?

Was aber gibt’s da überhaupt zu bohren und zu schürfen? Verschiedene, unterschiedlich seriöse Quellen vermuten 25% der weltweiten Gas- und Erdöl-Vorräte, daneben Gold, Mangan, Platin, Nickel und Diamanten. Die tiefe, unter der Arktis versteckte Region, aber auch große Bereiche des Kontinentalschelfs sind bis heute allerdings kaum erforscht und die Zahlen dementsprechend vage. Die größten und auch einfacher abbaubaren Rohstofflager befinden sich allerdings höchstwahrscheinlich in küstennahen Regionen, wo die Rechtslage ohnehin geklärt ist. Auf hoher See, also im Becken unter der Arktis, wird der Abbau durch Eis und Meerestiefe erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht. Während Gas und Öl noch mit hohem Kostenaufwand unterseeisch direkt gefördert, durch Pipelines an Land gebracht und dort aufbereitet werden kann, ist die Förderung von festen Rohstoffen unter dem Eis in wirtschaftlichen Mengen derzeit nicht möglich. In allen Fällen gilt jedenfalls, dass die Rohstoffpreise noch ordentlich anziehen und die Abbaukosten etwas fallen müssten, damit sich der Aufwand lohnt. Wenn allerdings Klimaerwärmung und Kriege im nahen und mittleren Osten da weiterhin brav mithelfen, könnten wir bald so weit sein. Dass die Preise für Erdöl und -gas zur Zeit nicht gerade auf Talfahrt sind, ist ohnehin bekannt, und während Prognosen noch vor einigen Jahren das Nordpolarmeer erstmals um 2100 jahreszeitlich begrenzt eisfrei sahen, gibt es heute Vermutungen, dass wir 2012 oder 2013 bereits den ersten Sommer ohne Arktis erleben könnten.
Bevor es aber so weit ist, könnte noch ein weiterer Grund das gesteigerte Interesse am Nordpol erklären: die Arktis als gewaltiger Trinkwasserspeicher. Wenn sie nun schon unweigerlich dahinschmilzt, warum nicht schnell vorher verpacken und in alle Welt verkaufen? Allerdings scheinen die Wasserprobleme in den Ländern, die sich diese Nutzung leisten könnten, noch nicht groß genug bzw. die Wasserpreise weltweit noch nicht hoch genug zu sein, als dass dies wirklich ein relevantes Thema wäre – oder die entsprechenden Pläne werden noch zurückgehalten, um nicht allzu viele Konkurrenten auf den Plan zu locken. Wir werden sehen; vielleicht stimmt die wirtschaftliche Lage aber ironischerweise erst dann, wenn der eisige Schatz geschmolzen ist.

Wem gehört die Welt?

Neben diesen naheliegenderen wirtschaftlichen Gründen für den beschleunigten Wettlauf um die Arktis erschließt sich bei genauerer Betrach­tung der Thematik aber noch ein weiterer Aspekt. Wenn wir nämlich bedenken, dass hier da­rangegangen wird, ein Hochsee-Meer und den darunter liegenden Boden nach der Seerechtskonvention, die eigentlich nur die Ansprüche der Staaten auf ihre Küstengewässer regeln soll, aufzu­teilen, so ergibt sich hier ein Präzedenz­fall für alle übrigen Weltmeere. Denn im Prinzip haben die fünf Arktis-Anrainerstaaten hier beschlossen, dass es möglich und rechtlich sinn­voll ist, in­ternationale Gewässer nach dem Dokument von 1982 aufzuteilen. Dass es sich in diesem Fall um ein von Eis bedecktes Gebiet handelt, spielt kei­ne Rolle. Und von der Sonderbehandlung aufgrund der geografischen Lage am oberen Ende des Planeten hat man sich mit der endgültigen Ab­sage an die Segment-Theorie ebenfalls verabschiedet.
Nachdem alles Land verteilt ist, machen wir uns daran, den Meeresboden zu schlucken. Großbritannien hat bereits letztes Jahr Gebietsansprüche auf große Gebiete in der Antarktis rund um die Falklandinseln angekündigt – ebenfalls gemäß der Seerechtskonvention. Andere Länder wer­den dem Beispiel folgen. Und in ein paar Jahren machen wir uns Gedanken, wie wir den Mars aufteilen. Dann doch wieder Tortenstücke? Und wer sind die geladenen Gäste, die ein Stückchen bekommen?

„Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.“ (Die Bibel, Einheitsübersetzung, Gen.1.28, über die Menschen) … bis nichts mehr von alledem übrig ist. Vielleicht sollten wir uns schön langsam eine neue Bibel schreiben.

Quellen und weiterführende Literatur:
– Die UN-Seerechtskonvention: http://www.admiraltylawguide.com/conven/unclostable.html
– „Wem gehört eigentlich der Nordpol?“ im Dossier der Neuen Züricher Zeitung vom 14.3.07
http://de.rian.ru/analysis/20080531/108960173.html (zur Konferenz in Ililussat)
http://www.zeit.de/online/2007/32/russland-nordpolarmeer-interview?page=1 (zu den Gebiets­an­sprüchen)
http://www.zeit.de/online/2008/22/nordpol-rohstoffe-interview?page=1 (über die Rohstoff-Frage)

Nordpol

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