Wenn viele Dinge gut werden

Ausblicke, Einblicke, Durchblicke, Fehlblicke, Rückblicke, schöne Blicke, teure Blicke, viele Blicke, weise Blicke, kleine Blicke, sportliche Blicke, tiefe Blicke, weite Blicke, Punkt

Die Tür öffnet sich ein wenig widerwillig, sie hat bereits damit begonnen, zu vergessen; dunkel weiß sie nur noch, dass Türen sich öffnen sollten, oder schließen, oder beides, wenn eigentlich nichts dagegen spricht. Gerade spricht nichts dagegen, und sie wird von einer kräftigen, entschlossenen Hand daran erinnert, dass sie hier noch ein klein wenig zu tun hat.
Der Blick wandert durch den Raum, der sich hinter der Tür verbirgt, dieser Raum ist nicht wirklich hell, er ist auch nicht wirklich dunkel, die Luft ist ein wenig muffig, oder sogar sehr muffig, das liegt an jeder riechwilligen Nase. Es stehen ein paar Tische herum, Sessel, aus Holz gefertigt, mit Leder in geschmackvollem Beige bespannt, mit Federn von totem Federvieh wird die Illusion erzeugt, bequem zu sitzen.

An einem dieser Tische sitzt auf einem dieser Sessel ein Mann mit Bart, er wirkt müde, er wirkt traurig, er wirkt verärgert, und er flucht ein wenig, denn gerade eben ist sein Bierglas umgekippt, was allerdings nicht schlimm ist, denn es war bereits leer. Aber schimpfen zahlt sich trotzdem aus, er muss sich bücken, auf den Boden, von dem er eigentlich seit langem nicht mehr aufstehen kann, und wäre man als beobachtende Person in der zweifelhaft glücklichen Lage, hinter dem bückenden Mann zu stehen, würde man, nein, manche Dinge im Zusammenhang mit bückenden Männern sollten nicht geschrieben werden. Der Mann sieht jedenfalls aus wie jemand, der eine Chance ausgelassen hat, was ihn kaum von der Mehrheit aller Lebenden oder Gestorbenen unterscheidet, eine Chance, die eine Chance zu viel war, und damit wird er schon seltener, und wenn dies übertrieben klingt, übertrieben in Verzweiflung und Verlust, dann sei darauf hingewiesen, bei diesem Mann handelt es sich um einen Wiener, und somit ist jede Übertreibung im Schmerz legitim.
All diese Dinge, die jetzt bereits dem oder der aufmerksamen Lesenden aufgezwungen wurden, wissen wir, weil soeben drei Personen den Raum betreten haben und diesen Mann suchen. Dieser Mann ist die Icehockey-Weltmeisterschaft 2005, die, die angeblich in Wien stattfand. Wenn manche jetzt sagen: „Das ist doch unmöglich, völliger Unsinn!“, da möchte man entgegnen: „Doch, doch, die Weltmeisterschaft war in Wien, und es wurde tatsächlich Icehockey gespielt, zumindest ein wenig.“ Dann möchten diese manchen wohl sagen: „Nein, nein, nicht, dass die Weltmeisterschaft in Wien war, das haben wir ja doch mitgekriegt, obwohl sich die Stadt sehr bemüht hat, dieses Ereignis zu verdecken, es ist unmöglich, dass diese Weltmeisterschaft jetzt dieser Mann ist!“ Und darauf gibt’s dann zu schreiben: „Möglich ist, was hier geschrieben steht. Aber aus jetzt mit unmöglichen Möglichkeiten, hier gehts um viel.“

Der Gesang und der Fluch

Dieses mögliche Streitgespräch könnte zeigen, dass es tatsächlich Menschen gegeben hat, die mitbekommen haben, dass Wien schon einmal ein wichtiges Sportereignis erleben durfte. An Tennisbegeisterte soll an dieser Stelle ausgerichtet werden, dass das Daviscuphalbfinale schon ganz lieb ist, genauso wie ein Championsleaguefinale, die erste Icehockey-Weltmeisterschaft seit langem, an der sämtliche NHL-Spieler teilgenommen haben, weil sich ihre Liga zum Glück nicht auf die Gehälter der Spielerchen einigen konnte, das ist eigentlich schon etwas Einmaliges. Eine Chance. Womit wir wieder bei unserem fluchenden Mann wären. Wer an seinem Schicksal interessiert ist, hier einige Schlagworte: Baustellen, Eis, doch kein Eis, Schilder und Nichtschilder, nochmal das Eis, Werbung. Das sollte fürs Nachlesen reichen, viel Vergnügen.
Der Grund des Treffens ist die Anwesenheit der Euro2008, der Dame mit dem freundlichen Lächeln und dem etwas aufgesetzten Optimismus, die hier ist, um Eindrücke auf sich niedergehen zu lassen und um Anregungen zu suchen. Ihre Mutter ist Schweizerin, sie, so sagt man, habe die Beständigkeit an Euro weitergegeben; der Vater ist – der Zufall, oder vielmehr die Libido, oder auch beide, wollten es so – Österreicher. Was der Vater an Euro weitergegeben hat, nun, Gespür und Feinsinn, Weitblick, Risikobereitschaft, ach ja, und Optimismus, allerdings natürlich auch ein wenig Skepsis.
Begleitet wird Euro von einer weiteren Dame, den olympischen Spielen in Peking, und einem leicht verschwitzten Mann, der mittlerweile nicht mehr wirklich weiß, wo er sich eigentlich befindet, aber auf Grund einer ungesund hohen Dosis an Endorphinen ist ihm das glücklicherweise auch egal, er ist die Fußballweltmeisterschaft 2006 aus Deutschland. Sein Name sei Franz.
„Überall Baustellen! Baustellen, Baustellen, Baustellen!“ grunzt die Icehockey-WM, der Einfachheit halber ab jetzt unter Michael abgelegt. „Fast so wie in China. Nur sind wir schon längst fertig.“ grinst Olympia. „Na, kein Wunder. Genug Leut’ habt’s ja auf jeden Fall. Und z’rückg’redet wird ja bei euch angeblich auch nicht. Da geht alles viel leichter.“

Es wird munter

Euro klopft Michael auf die Schulter, freundschaftlich, auch mehr, die beiden sind schließlich miteinander verwandt, zumindest ein wenig. „Sieh es doch positiv: Wir haben unsere Lektion gelernt, alles ist bereit, alles, was weg gehört, ist weg, alles, was hergehört, ist auf dem Weg.“ – „Genau. Dafür kommen jetzt Hooligans und vergewaltigen unsere Straßen …“ – „Bitte, niemand wird vergewaltigt, wir haben das Problem im Griff. Ja, manche schieben immer noch ein bisschen Panik, es geht schließlich um die Sensibilisierung, die ist wichtig, auch im Fußball. Und außerdem ist das Problem längst gelöst, wir haben uns das in Deutschland ganz genau ang’schaut, und da war ja auch alles super!“
Franz kratzt sich am Kopf, die Duftstoffe, die bisher unter seinen Armen eingekerkert waren, erfreuen sich ihrer neugewonnen Freiheit, ebenso wie ein paar Worte, die Franz in den Raum wirft: „Nun ja, äh, ich sag mal, es war alles super. G’sehn hat niemand was, g’hört auch nicht, und was die Reporter schreiben, ist doch sowieso alles gelogen und Stuss. Sicher war’s super!“
„Ja, diese Reporter, die sind in der Tat ein Übel. Egal, wie leicht man ihnen das Leben gestaltet, sie finden immer wieder einen Weg, alles schlecht zu reden, was ihnen am Silbertablett präsentiert wird. Wirklich lästig. Sehr lästig. Aber wir arbeiten daran, auch für die Olympischen Spiele, aber da unsere Systeme jetzt so gut funktionieren, können wir sie eigentlich laufen lassen, für später.“ Bisher war Olympia still gewesen, zum Thema Pressefreiheit fühlte sie sich scheinbar hingerissen, sie kommt ja schließlich aus dem Land, in dem Presse und Freiheit fließen, gemeinsam mit Honig. Und Reis. Aber der fällt, geht man von unseren Informationen aus, bevorzugt in Säcken um. Auf Fahrräder. Oder so ähnlich.
„Naja, aber alle Leute weg zu sperren, die a bissl was sagen, das ist doch auch keine Lösung, auf Dauer. Auch, wenn man viele Leute zum wegsperren hat.“ – „Sie werden auch nicht weggesperrt, sie leben in eigens errichteten Luxusappartements. Rund um die Uhr werden sie überwacht, damit ihnen auch ja nichts passiert, damit nicht womöglich ein wütender Mob, ach so, nein, wütende Mobs haben wir nicht, damit nicht ein Hund sie beißt. Und die Kameras sind deswegen dort, damit wir euch zeigen können, wie gut es unseren Journalisten geht. Euren übrigens auch, wir haben auch Siedlungen für eure Reporter errichtet. Ach, das wird ein Fest, wirklich!“ strahlt Olympia, indes Michael sich aufrichtet, seinen Blick schärft, schaut, was es zu schauen gibt, und spricht:
„Vor allem das Filmen der anderen Sportler ist ganz wichtig, sonst dopen die womöglich noch, da habt’s schon recht. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass ihr das alles super machts. Wirklich. Euro, du wirst ein Hit. Wir werden’s so schön haben, das Burgtheater hat Ferien, die Leute haben endlich was, wofür sie ihr Geld ausgeben können, die G’fängnisse werden sich auch nimma so leer fühlen, wenn wir erst mal alle Fußballfans weggesperrt haben, und im Stadion wird’s auch so schön atmosphärisch zugehen, lauter laute Wichtige auf den Tribünen, endlich wieder volle Straßen, und g’spielt soll ja auch was werden. Und die olympischen Spiele, die werden überhaupt prächtig. Alle werden brav hinfahren, brav ihre Rekorde aufstellen, niemand wird sich aufregen, niemand wird Plastiksackerln benutzen, nur die guten Sackerl aus Leinen, niemand wird spucken oder bespuckt werden, alle werden brav ihre Weltrekorde aufstellen, und am Ende gewinnt China. Moment, jetzt hab ich’s verwechselt. Wie war das nochmal mit Baustellen?“

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