Wessen Straße? Unsre Straße?

Ein Streitgespräch über den Sinn des politisch aktiv Seins

Nachdem sie bisher heimlich Manfreds Existenzfragen („Viel Lärm ums Nichts“; siehe Bagger-Ausgabe No. 3)und die hitzige Religionsdebatte zwischen Thusnelda und Joachim („Feuer auf die Altäre“ in No. 5) für uns belauscht hat, ist die neugierige Bagger-Wanze weitergekrabbelt und
gerade in einer Cliché-WG in der Zieglergasse im siebten Wiener Gemeindebezirk gelandet, wo sich Roman, Philosophiestudent, Philodendra, eine Kultur- und Sozialanthropologin im 5. Semester, die gerade von einer längeren Indien- und Nepalreise zurückgekehrt ist und Kaspar, Schlagzeuger der Polit-Punk-Band „New World Order“ und Beleger einiger Kurse aus Publizistik und Politikwissenschaften, gerade anschicken, ihr spät-vomittägliches Frühstück einzunehmen. Roswitha, die 4vierte Mitbewohnerin, ist noch nicht aufgetaucht und erholt sich vermutlich noch von etwas länger geratenen vorabendlichen Aktivitäten.

Kaspar: (kommt gerade in die gemütlich eingerichtete Wohnküche geschlurft): Sonst noch jemand Kaffee?

Philodendra: Ja, wenn du schon dabei bist.

Noch etwas tapsig macht sich Kaspar daran, Wasser in die Kaffemaschine zu füllen, sucht eine Weile nach Filtern, findet keine, entscheidet sich, stattdessen Küchenrolle zu verwenden und ist gerade dabei Kaffepulver einzufüllen, als sein Handy läutet.

Kaspar: Servus Hias! Was gibts? … Was, gestern Nacht? Warum weiß ich da nichts davon? … ok … ja, sicher, ja, werd ich machen. … nur noch kurz frühstücken, aber dann komm ich gleich hin. Gut, bis dann! (Zu den anderen :) Besetzung! Sie haben ein leerstehendes Haus in der der Garnisonsgasse besetzt, gestern Abend! Schaut ihr mit?

Philodendra: Weiß nicht.

Roman: Hm, wozu eigentlich?

Kaspar: Naja, es gibt Workshops und Volksküche, und am Abend Party – und wenn sichs von der Orgnisation her ausgeht und das ganze bis dahin nicht geräumt ist, spielen wir vielleicht ein spontanes Konzert. Wird sicher spaßig! Wär gut, wenn möglichst viele kommen, dann tun sie sich mit der Räumung schwerer.

Roman: Nein ich mein, wozu die Besetzung? Was soll das bringen?

Kaspar: Was für eine Frage! Aufzeigen, dass wir Freiräume brauchen. Dafür sorgen, dass Aktivitäten abseits der Konsumwelt noch möglich sind. Versuchen, Gegenmodelle zum derzeitigen System zu Etablieren.

Roman: Die hast du aber gut eingeübt, deine Phrasen. Aber das funktioniert doch sowieso nicht. Erstens einmal erntet ihr damit nicht gerade Sympathien. Die Mehrheit hat solche Aktionen ohnehin längst als Schmarotzertum und Unfähigkeit, ein normales Leben zu führen abgestempelt.
Zweitens wird das ganze ohnehin wieder geräumt. Und drittens enden solche Projekte, wenn sie einmal nicht vorzeitig beendet werden, ja doch wieder in der kommerziellen Schiene. Du brauchst dir ja nur anzusehen was mit dem Flex oder der Arena passiert ist. Da wird überall nur Geld gescheffelt. Und so Pseudopunks wie du kommen sich cool vor, wenn sie ihre Moneten hintragen und reiche Rockstars damit füttern.

Kaspar: So ein Unsinn. Nur weil das in den beiden Fällen so passiert ist, müssen wir heute ja nicht in dieselbe Richtung gehen. Und selbst wenn. Dann kommen eben wieder andere, die wieder von vorne beginnen, so wie wir heute. Nur weil die Ideale bisher nicht erfüllt wurden, dürfen wir sie nicht gleich aufgeben.

Philodendra: Jaja, die Ideale. Was ist jetzt mit dem Kaffee?

Kaspar: Oh, ganz vergessen. Kommt gleich. (Widmet sich der Kaffemaschine) … und ausserdem: Auch wenn sich nicht direkt was verbessert, wir müssen zumindest dafür sorgen, dass die bestehende Freiräume und überhaupt der öffentliche Raum als solcher nicht verschwinden. Und dazu ist es wichtig, offensiv zu sein und die Bedürfnisse aufzuzeigen. Sonst passiert es ganz schnell dass die entsprechenden Rechte und Möglichkeiten eingeschränkt werden. Wir müssen drauf bestehen, dass die Straße uns allen gehört!

Philodendra: (lacht) Wessen Straße? Unsre Straße! … Ist das nicht auch ein bisschen Aneigunung von öffentlichem Eigentum durch eine Minderheit, wenn da 50 Maxeln mit solchen Parolen durch die Straßen ziehen und diese dabei blockieren?

Kaspar: Da gehts doch um Symbolik. Die Demonstrierenden symbolisieren die Gesellschaft, beziehungsweise einen Teil von ihr, der sonst keine Stimme hat, und zeigen auf, dass die Straße ein öffentlicher Raum ist und sein muss. Wenn du da von öffentlichem Eigentum sprichst – was für ein Widerspruch. Das zeigt ja schon wo das Problem liegt: Die Straße darf kein Eigentum sein sondern sie muss für alle da sein. Sonst bildet sich zum Beispiel die Exekutive als Vertreterin der Republik ganz schnell ein, die Straße gehöre ihr und sie dürfe bestimmen, wer sie wie benutzen dürfe und welche Tätigkeiten auf ihr erlaubt und verboten sind.

Roman: Naja, aber das ist ja auch nicht ganz falsch so. Immerhin untersteht die Polizei der Regierung, die vom Volk gewählt ist und hat die Aufgabe, die durch Gesetze geregelte Ordnung auf den Straßen aufrecht zu erhalten. Solltest du eigentlich wissen, als
Politikwissenschaftler.

Kaspar: Du brauchst mir da keine Vorträge halten! Ist mir schon klar, dass das in der Theorie so ist. Nur leider geht die Polizei halt doch oft weiter als sie darf und scheißt auf ihre Gesetze und Aufgaben. Da gibts auch in Österreich genug Beispiele. Ich sag nur Seibane Wague. Oder letztens, im Frühling, bei einer Hausbesetzung, wo ich zur Unterstützung auf
der Straße vor dem Haus dabei war … wir wurden gezielt von der Polizei provoziert und beschimpft und unsere Daten haben sie aufgenommen und sogar völlig ungerechtfertige Anzeigen hats gegeben, obwohl wir nur unser Recht zu demonstrieren wahrgenommen haben. Ich vermute, die wollten einfach ein bisschen üben, für die Fußball-EM.

Philodendra: Stimmt schon, da schlagen sie schon öfters über die Stränge.

Roman: Aber trotzdem, was bringts? Du stehst auf der Liste der Polizei als potentieller Unruhestifter, einige bekommen Klagen, andere werden entmutigt und die Kronenzeitung schreibt über die linken Chaoten, die einem armen Hausbesitzer sein Eigentum stehlen wollen und noch dazu stundenlang den Verkehr blockieren.

Philodendra: Schon, aber nichts tun ist auch keine Lösung. Und manchmal kann demonstrieren durchaus etwas bringen. In Nepal zum Beispiel, wo ich ja gerade war, hat eine Volksbewegung mit großen Massendemonstrationen dazu geführt, dass der König zurückgetreten, der Krieg zwischen Maoisten und Armee beeendet ist und sich gänzlich ohne blutige Unruhen ein Demokratisierungsprozess eingestellt hat.

Roman: Nur durch die Demonstrationen?

Philodendra: Naja, der König war schon ein bisschen in die Enge getrieben durch die Maoisten. Und Indien und die USA haben auch Druck ausgeübt. Aber letztlich war die Bewegung schon hauptverantwortlich für den Umschwung und hat wohl auch verhindert, dass sich die Maoisten alles unter den Nagel reissen.

Roman: Hm, scheint aber doch eher ein Einzelfall zu sein. Schau mal was in Burma, oder in Tibet so passiert ist in letzter Zeit.

Kaspar: Sieh doch nicht immer alles so negativ! Nur weil schwierig ist, ist es noch lange nicht der falsche Weg.

Roman: Nur weil es schwierig ist, ist es noch lange nicht der richtige Weg.

Kaspar: Uh, der Herr Philosoph! Nur weils klug klingt, ists auch noch keine Wahrheit.

Roswitha kommt verschlafen und etwas grantig in die Küche.

Philodendra: Auch schon munter?

Roswitha: Wie soll man denn schlafen bei dem Krawall??? Worum gehts denn schon wieder?

Roman: Der Herr Politikwissenschaftler erklärt uns die Welt. Sie ist eine Scheibe. Oben drauf lassens sich die Reichen und Mächtigen gut gehn und am Rand hauen die bösen Polizisten den armen, guten Idealisten, die sich dort verzweifelt fesklammern und lauthals lamentieren, auf die Finger.

Kaspar: Mir reichts jetzt. Ich schau in die Garnisonsgasse, kommst du mit Philo?

Philodendra: Hm, ich hab dann Vorlesung und würd vorher gern noch brausen gehn. Vielleicht komm ich nach. Richt halt allen schöne Grüße aus.

Kaspar: Mit so einer Einstellung hätte die Volksbewegung in Nepal vermutlich auch brausen gehen können. Aber wie du meinst.

Roman: Versuch nicht immer, anderen deine Meinung aufzudrängen!

Roswitha: Tuts nicht streiten, Kinder! Gibts noch Kaffee?

Kaspar: Ich dräng überhaupt niemandem irgendwas auf. Ich sag nur meine Meinung.

Roman: Aber immer mit dem Unterton, dass andere es genauso machen sollten wie du …

Philodendra: Hörts auf damit. Erstens sind wir nicht in Nepal und zweitens entscheide ich sowieso selber, was ich denke …

Roswitha: Kein Kaffee mehr da?

Philodendra: Nein, musst einen neuen machen. (zu den anderen:) Und drittens denk ich, dass einfach jeder versuchen sollt, das zu machen, was er für richtig hält. Wenn man sich dazwischen hie und da mit anderen austasucht und darüber reflektiert, dann kommt schon was Gutes dabei raus.

Roswitha (bemerkend, dass es keine Kaffeefilter mehr gibt): Schaß. Ois Oasch.

Kommentare

ich hatte schon gedacht,

ich hatte schon gedacht, die wanze wäre in winterstarre verfallen.

wanze

nein, nein. sie ist höchst ak- und produktiv zur Zeit. Vermutlich hat sie eher eine Sommerpause eingelegt.
Aber so ganz bei der Sache war sie noch nicht. Hat ja die Hälfte gefehlt. Ich hab sie nochmal ausgequetscht und den Rest aus ihr herausgeholt.

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