Wie die Raben

© Beba FinkSie haben eine Melodie komponiert? Echt? Fein. Legen Sie die bloß nirgends hin, wo ein anderer Komponist sie finden kann.

In der Volksschule stand uns noch glasklar vor Augen, worauf es bei Österreich wirklich ankommt. Rechts neben der Tafel hing die Dreifaltigkeit: der Bundespräsident, das Kreuz (da die Schule modern war, ohne blutigen Christus) und darunter die Bundeshymne mit Noten. Der Text stammte von Paula v. Preradović – niemand weiß, wer das war, aber man kannte den Namen, noch eh man lesen konnte – und die Melodie von Wolfgang Amadeus Mozart. In der dritten Klasse bekamen wir dann ein Musikbuch, in dem die Hymne abgedruckt war – mit dem Vermerk: „Unbekannter Komponist“. So ein dummes Musikbuch! – schrien alle, und die Lehrerin mit. Österreichs Bundeshymne ist natürlich von Mozart! Von wem denn sonst?
Na ja. In manchen Druckexemplaren von Mozarts „Kleiner Freimaurerkantate“ findet man als Anhängsel das sogenannte „Kettenlied“ („Brüder, reicht die Hand zum Bunde“), gedichtet von einem gewissen Hientzsch, mit den bewußten Noten. Vielleicht hat es aber nur der Buchbinder da hingeklebt, und es kam von einem praktisch unbekannten Freimaurer und „Claviermeister“ namens Johann Baptist Holzer. Manche sagen auch, Holzer hätte zuerst ein anderes Freimaurerlied mit ähnlicher Melodie („Im Namen der Armen“) komponiert, und Mozart hätte die dann abgekupfert; oder sie hätten gemeinsam komponiert, im Suff oder unter der Bettdecke. Jedenfalls ist die Melodie ein Findelkind. Und dann – wollen wir wirklich eine Kette händchenhaltender Freimaurer vor uns sehen, die trällern „Licht und Recht und Tugend schaffen / durch der Wahrheit heil’ge Waffen / sei uns göttlicher Beruf“? Im, äh, Volksmund überlebt hat die Melodie übrigens, bis sie 1946 den Stempel vom Ministerrat bekam – raten Sie, wo! – in den Kommersbüchern teutscher Studentenverbindungen. Unter Licht, Recht und den Waffen der Wahrheit kann sich zwar jeder vorstellen, was er will. Trotzdem – sowas soll man singen?

God shave Liechtenstein

Lektion eins: Je mehr Geschichtskenntnisse, desto weniger Patriotismus. Und alles nur, weil sich die Leute keine eigene Nationalhymne komponieren, sondern Melodien klauen, die vielleicht vorher schon geklaut waren. Unsere alte Kaiserhymne haben bekanntlich die Deutschen geklaut und singen sie trotz ein paar Machtwechseln heute noch, nur unterschlagen sie halt die berühmteste Strophe. Wie sieht das woanders aus?
Die Briten, wissen wir seit Obelix, spinnen. Daher halten sie viele Weltrekorde. Unter anderem haben sie mit Abstand die meistgeklaute Nationalhymne. Und das nicht erst seit den 1970ern, als die Sex Pistols ätzten „God save the queen, she is no human being“ und Gonzo der Große auf der Muppet-Bühne beim Einseifen eines Ledersofas „God shave the queen“ krähte. Schon über ihren Ursprung spuckt die Musikgeschichte kaum mehr aus als ein mattes „geht auf ein patriotisches Lied wohl des 17. Jh. zurück“. Komponiert haben soll es wahlweise Jean-Baptiste Lully, John Bull, der Possendichter Henry Carey oder ein anonymer Schweizer Militärmusikant. Das letzte stimmt vielleicht sogar, immerhin war es bis 1961 Nationalhymne der Schweiz – erst da fiel den Schweizern auf, daß die Briten dasselbe Lied spielten. Der Text war ein altgedienter Kampfpsalm gegen Napoleon. Kostprobe? „Sei denn im Feld der Not / Blut uns ein Morgenrot, / Tagwerk der Lust.“
Heute noch vermittelt die britische Hymne den Liechtensteinern Heimatgefühl, mit einem sanften „Oben am jungen Rhein“. Den Deutschen nicht mehr – „Heil dir im Siegerkranz“ wurde zusammen mit dem Kaisertum eingestampft, genauso die Königshymnen von Sachsen und Bayern („Gott segne Sachsenland“ bzw. „Heil unsrem König, Heil!“). Nicht besser ging es der russischen Zarenhymne („Боже, Царя храни!“) und der bis 1983 halboffiziellen Ex-Hymne Islands „Eldgamla Ísafold“. „Hawai’i pono’ī“, die Hymne König Kalākauas von – na, wo? – Hawaii singt man gar nach einer leicht veränderten Melodie (ungefähr so anders wie bei Mozart und Holzer), wahrscheinlich, damit man sie im heutigen US-Bundesstaat nicht mit dem treu-amerikanischen Schmachtfetzen „My Country ’Tis Of Thee“ verwechselt. Reicht es? Es reicht.

Alles nur geklaut

Sicher hat schon Adam geklaut, wenn er seinem Schöpfer im Paradies ein „neues“ Lied sang – die Frage ist nur, bei wem. Geklaut wird in allen Höhen und Tiefen der Musikszene. Sowieso hatte noch nie irgendein Schlager eine neue Melodie. Die gebräuchlichste Ausrede ist Kryptomnesie (Lied irgendwo gehört, vergessen, dann versehentlich neu komponiert), oder man dreht den Spieß um – wie etwa bei Georg Kreisler und Tom Lehrer, wo in den 1950ern jeder dem anderen die Idee vom „Taubenvergiften im Park“ (alias „Poisoning Pigeons in the Park“) gestohlen hat, je nachdem, welchen man fragt. Oder man betreibt tonkünstlerisches Müllauflesen und recycelt – gern ein Volkslied, dessen Komponist sich nicht mehr wehren kann. Als Klaus & Klaus 1982 mit „An der Nordseeküste“ die heimliche Nationalhymne der Friesen schufen, hatten sie nur ein paar dumme Witze so zurechtgereimt, daß sie auf das irische Volkslied „The Wild Rover“ paßten.
© Beba FinkOder, und das kommt bei den feinsinnigsten Komponisten vor, man verwertet seinen eigenen Müll. Rossini – bei der Frische von Gansleber und Trüffeln war er heikler – stahl sich die Ouvertüre von „Aureliano in Palmira“ gleich zweimal selbst: einmal für „Elisabetta, regina d’Inghilterra“ und einmal für den „Barbier von Sevilla“ (deswegen kennt man sie noch). Vor 200 Jahren gab es Opern vom Fließband, da waren solche Transplantationen leidlich normal. „Aureliano“ und „Elisabetta“ sind übrigens ernste, ja tragische Opern – also, wenn Sie heute aus der Barbier-Ouvertüre pure Lustigkeit heraushören, denken Sie noch einmal über Ihre Ohren nach. Ein kluger Kapellmeister formulierte seinerzeit: „Melodien merken sich die Leute eh nicht, deswegen ändere ich jedes Jahr nur den Titel“ – und spielte dasselbe Stück einmal als „Ave Maria“, dann wieder als „Schlacht bei Solferino“.

Wie der Hase läuft

Eigentlich ist Rossinis berühmteste Ouvertüre ja die von „Wilhelm Tell“. Zu der hüpfte sogar schon einmal ein Hase quer über den Fernsehschirm und machte Reklame für eine Sparkasse. Für Werbezwecke darf man offenbar klauen wie eine Elster. Man hat ja auch „Father and Son“ von Cat Stevens zur gutbürgerlichen Untermalung einer Teebeutelreklame vergewaltigt, und ich weiß nicht, ob Herr Stevens alias Islam jedesmal Tantiemen kriegt, „wenn der Teekessel singt“. Falls ja, hätten die traurigen Beutelchen wenigstens den Zweck, hier oder dort einen kleinen Dschihad zu finanzieren. Sowieso nur für die Werbung da sind Volkslieder. „Alle meine Entchen“ handelt von nichts als WC-Reiniger. „Auld Lang Syne“ brachte lange den Abschiedsschmerz zum Ausdruck, wenn sich ein heimisches Möbelhaus von seiner Ausverkaufsware losriß. Weil aber die alte schottische Weise kaum mit der heutigen Konsumkultur Schritt hält, verschwinden die Möbel dort nur noch im Tempo von „Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ’ne große Wanze“ – was ja ursprünglich ein Lied über die Wachtposten auf der Berliner Mauer war, sagt man, aber das gehört nicht hierher. Oder doch?

Quasi-Hymne mit Fahne

Hymnen und Beinah-Hymnen sind letztlich auch nichts anderes als Polit-Reklame. Und um zu Österreich und zum Stehlen aus unbekannten Quellen zurückzukehren, werfen wir doch noch schnell einen Blick auf den Klassiker „Die Fahne hoch“. Durch lange Jahre (wenn auch keine tausend) mußten im Deutschen Reich nach jeder Opernaufführung die Sänger vor den Vorhang treten und diesen blutrünstigen Unsinn absingen; wer im Publikum nicht mitsang, bekam einen Tritt vom gestiefelten Nachbarn. Wem hatte Horst Wessel die Melodie geklaut? Angeblich war es ein altes Seemannslied, zu dem die Mannschaft des Kriegsschiffes „Königsberg“ (verschrottet 1936) zu schmettern pflegte: „Zur Abfahrt steht die Mannschaft schon bereit.“ Oder eine kaiserzeitliche Bänkelsängermelodie, zu der man behauptete „Ich lebte einst im deutschen Vaterlande“ – die rührsame Ballade von einem Deutschen, der nach einem Schiffbruch als Sklave in der schauerlichen Fremde schmachtet, bis ihn ein deutscher Fürst freikauft und mit heimnimmt – nach Stettin, denn das reimt sich auf „dahin“.
Zudem will der Komponist Peter Cornelius beinah dieselbe Melodie 1865 in Weimar aus einem Leierkasten gehört haben, mit dem Text „Wenn du mich liebst, kann mich der Tod nicht schrecken“. Grund genug für Helmut Qualtinger und Kurt Sowinetz, im Begleittext ihrer bissigen Moritaten-Langspielplatte „Das Morden höret nimmer auf“ (1964) die Behauptung stehen zu lassen, man hätte die (wegen des Verbotsgesetzes bedenkliche) „alte Moritatenweise“ des Horst-Wessel-Liedes ihrer „wahreren Bestimmung“ wiedergegeben. Qualtinger sang zu ihr von einem Bäuerlein „in einem Dorf in Österreichisch-Polen“, das in bester Absicht den eigenen Sohn erschlug, weil es ihn – nach Jahren und in Soldatenuniform – einfach nicht wiedererkannte. Ist das nicht auch eine politische Botschaft? Für den Frieden?

Schund namens Beethoven

Der Zyniker Robert Neumann schilderte einmal Johannes Robert Becher (Expressionist, dann DDR-Kulturminister, Schöpfer der tatsächlich originellen, aber vergessenen DDR-Hymne und des Verses „In Stalins Namen wird sich Deutschland einen“) beim Meditieren über eine vage erinnerte Melodie, zu der sich ihm langsam ein „Lied von den Blauen Fahnen“ kristallisiert, voller Friedensgeist. Was kommt raus? „Der Friede hoch! Die Reihen fest geschlosselt! / Die Efdejott marschiert, blau bis ins Herz. / Der Friede, den Wallstreet und Bonn erdrosselt, / marschfried in Friedensreihen friedenswärts.“ So gehen uns eben allen Melodien im Kopf herum. Meist banale. Etwa die der Europahymne, von Beethoven zu Poesie-Müll komponiert, den Schiller bereits verworfen hatte.
Der erwähnte Sinow- äh, Sowinetz stahl übrigens unverfroren auch diese. Er machte sogar den Titel seiner ersten Platte daraus – „Alle Menschen san ma zwider“, 1972 – und entzückte nicht nur den echten Wiener Edmund Sackbauer mit dieser Reaktion aufs allzu Brüderliche. Wobei das auch schon nicht mehr Schillers Freudensong war, sondern ein austriakisch-versöhnliches „Na, mir wer’n kan Richter brauchen, / weil mir ham a gold’nes Herz“. Und auch das wurde schon gestohlen – kürzlich erklang es im Kabarettprogramm „Unschuldsvermutung“ aus der Kehle einer täuschend echten Imitation unserer Ex-Justizministerin, die inzwischen wieder Richterin ist: für Hundebisse, versetzte Zaunpfähle und Äpfelklau aus Nachbars Garten. Umso besser paßt der Text zu ihr.

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