Wir werden nicht schweigend in der Nacht untergehen!

Von der Lust an der fiktiven Katastrophe, dem Ende der Welt und unserem helden­haften Kampf gegen die Natur.

Unsere persönliche Existenz und die der gesamten Menschheit hängt empfindlich vom Nichteintreten durchaus nicht unwahrscheinlicher Ereignisse ab. Unser Planet ist eine fragile Enklave des Gleichgewichts in einem unermesslich großen, eiskalten Universum. Unser Lebensraum verändert seine Gestalt kontinuierlich, unser Klima ist die Momentaufnahme eines hochkomplexen Systems, das immer noch kaum berechenbar ist. Die Erde ist keine wohlwollende Mutter, die Natur nicht unser Freund. Und plötzlich ist sie da, die Katastrophe.

Folgenschwere Ereignisse wie Erdbeben, Vulkane, Fluten oder Stürme brechen meist unerwartet über uns herein. Bilder von Verwüstung, Zerstörung und dem Leid der Betroffenen gehen um die Welt, denn die Geschichte jeder Katastrophe ist eine ausschließlich tragische. Katastrophen haben keinen Unterhaltungswert. Im Gegenteil.

Desaster Light

Und doch bereitet es uns ein unheimliches Vergnügen dabei zuzusehen, wie sich die Erde auftut, sich ein Sturm zusammenbraut und Berge Feuer spucken. Solange wir dabei nur sicher in unseren Kinosesseln lümmeln dürfen, um das große Spektakel aus ferner Nähe zu betrachten. Wir wollen ohnmächtig dabeistehen, wenn sich die Natur von ihrer mächtigsten Seite zeigt. Von der, die uns vernichten kann, einfach so. Die fiktive Katastrophe, die gespielte, die gedachte, erzählt sich gut. Weil es durchaus sein kann, aber doch nicht war. In diesen Katastrophen gibt es niemanden zu betrauern, es gilt nur zu staunen und zu zittern. Das ist das Erfolgsgeheimnis eines Genres, das sich seit den Anfängen des Films unter Ausnutzung aller technischen Möglichkeiten der Veranschaulichung der Katastrophe verschrieben hat. Insbesondere in den letzten zwanzig Jahren haben uns Katastrophenfilme in beeindruckender Bildgewalt demonstriert, was wir uns kaum vorstellen können. Dank hochentwickelter Computergrafik kann mittlerweile jede natürliche Katastrophe so illustriert werden, wie wir sie gerne sehen wollen. Detailgenau, gewaltig, von unglaublichem Ausmaß und absolut ungefährlich. Darüber hinaus begleitet von heldenhaften Einzelschicksalen, von romantischen Tragödien und letztendlich einem Happy End. Das Desaster Light. In einem Moment befinden wir uns im Zentrum des Hurrikans und bestaunen im nächsten seine gewaltige Ausdehnung über dem Atlantik. Ganze Städte verwandeln sich vor unseren Augen in Schutt und Asche, die Freiheitsstatue wird gestürzt, der Eiffelturm fällt, Symbole der westlichen Zivilisation werden ausradiert. Das Ende der Welt, und wir dürfen dabei zusehen.

Doomsday

Was in früheren Zeiten den Propheten vorbehalten war, leistet heute die Wissenschaft. Die Zeichen zu deuten und unheilvolle Prognosen abzugeben. So heißt es etwa in der Offenbarung des Johannes (8-10): Dann ertönte die Posaune des dritten Engels. Ein riesiger Stern fiel wie eine brennende Fackel vom Himmel. Was auch immer der Autor mit diesen Zeilen ausdrücken wollte, sie erinnern stark an ein globales Katastrophenszenario, das auch aus wissenschaftlicher Sicht nicht ganz auszuschließen ist. Die Kollision der Erde mit einem Himmelskörper, der groß genug ist, um alles Leben auf diesem Planeten zu vernichten. Das Near Earth Objects Project (NEO) der NASA hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, erdnahe Asteroiden und Kometen zu beobachten. Denn Gesteinsbrocken gibt es im Sonnensystem mehr als genug. Zwischen Mars und Jupiter befindet sich ein Asteroidengürtel mit über 500000 verzeichneten Objekten. Als erdnah werden Asteroiden dann bezeichnet, wenn sich ihre Bahn teilweise innerhalb der Marsumlaufbahn befindet. Doch ob diese tatsächlich eine Gefahr für die Erde darstellen könnten, ist nur schwer auszumachen. Asteroiden leuchten nicht und die wenigen Beobachtungsdaten lassen nur grobe Rückschlüsse auf ihre Umlaufbahnen zu. Als Potentially Hazardous Astroids werden bei NEO solche Objekte klassifiziert, die der Erde zu irgendeinem Zeitpunkt näher als 7,5 Millionen Kilometer kommen können und einen Durchmesser größer als 150 Meter aufweisen. Zur Zeit stehen 1159 solcher Asteroiden auf der Liste. Spannend wird es für uns am Freitag, dem 13. April 2029. Dann soll nämlich der ca. 300 Meter große Gesteinsbrocken Apophis die Erde in einem geschätzten Abstand von 10 000 bis 30 000 Kilometern passieren. Würde es zum Impakt eines solchen Objekts kommen, würde dabei eine Energie von etwa 500 Megatonnen TNT freigesetzt werden. Zum Vergleich: Die Atombombe, die über Hiroshima gezündet wurde besaß eine Sprengkraft von 0,015 Megatonnen.

Plan A

Doch sind wir auf eine solche Katastrophe vorbereitet? Während biblische Endzeitszenarien darauf hinauslaufen, dass der gottesfürchtige Mensch die Katastrophe aussitzen und nur auf die Erlösung durch ein höheres Wesen hoffen kann, so wissen wir uns heute zu wehren. Armageddon und Deep Impact (1998) zeigen es vor. Wir brauchen das weltbeste Bohrteam und die weltbeste Waffe, um das Unglück abzuwenden. Atomsprengköpfe werden von raumfahrenden Tiefbohrungsexperten im Inneren des Asteroiden platziert, um diesen in harmlose kleine Stücke zu zerreißen, die unter dem Jubel der gesamten Erdbevölkerung wie kleine Sternschnuppen in der Atmosphäre verglühen. In der Realität haben WissenschafterInnen diesen Plan mittlerweile ob seines doch eher unvorhersehbaren Ausgangs in der Schublade verschwinden lassen und suchen nun andere Exit-Strategien.
2011 wird die US-Regierung das Budget zur Bebachtung erdnaher Asteroiden auf rund 20 Millionen Dollar erhöhen. Der ehemalige Astronaut Russel L. Schweickart forderte vor einigen Wochen im Namen der Task Force on Planetary Defense, einer Arbeitsgruppe der NASA, deutlich mehr. Über 250 Millionen Dollar sollen pro Jahr für die Asteroidensuche und die Entwicklung möglicher Abwehrmechanismen zur Verfügung stehen. Denn im Falle des Falles muss es schnell gehen. Bereits 2003 diskutierte Schweickart in einem Artikel des Scientific American die Möglichkeit, einen Asteroiden mit einer Art Schleppschiff von seinem Kollisionskurs abzubringen. Jahre vor dem berechneten Impakt soll der Schlepper an den Asteroiden andocken, um ihn langsam, aber stetig in eine geringfügig veränderte, aber für uns lebensrettende Umlaufbahn zu ziehen. Im Gegensatz zu anderen Hau-Drauf Ideen, wie etwa der, eine genügend große Raumfähre auf den Asteroiden zu schießen, um durch die Energie des Einschlags den selben Effekt zu erzielen, würde so die Gegenmaßnahme kontrolliert und berechenbar erfolgen.
Doch nicht nur Asteroiden könnten der Menschheit ein unerwartetes Ende bereiten. In The Core (2003) zeigt uns Hollywood ein anderes furchterregendes Szenario, mit dem niemand (und diesmal wirklich niemand) rechnen konnte. Aus nicht näher bekannten Gründen kommt die Rotation des eisernen Erdkerns zum Erliegen und damit verschwindet das für uns überlebenswichtige Magnetfeld. In dem von einer einschlägigen Internetseite zum, aus physikalischer Sicht, dümmsten Film aller Zeiten gekürten Spektakel ist die Gegenmaßnahme klar: Wieder bohren, diesmal bis zum innersten Kern, wieder Atombombe, diesmal so ausgefuchst gezündet, dass die Rotation wieder in Gang gesetzt wird. Ein Plan, ersonnen und ausgeführt von Wissenschaftern, die tief unter der Erde versuchen, sich an Formeln aus dem 1. Semester ihres Physikstudiums zu erinnern.

Plan B

Es gibt jedoch auch Situationen, in denen selbst die stärkste Atombombe nichts mehr ausrichten kann. 2009 war mit den Filmen Knowing und 2012 das Jahr der ultimativen Katastrophenfilme. Ursache für den Untergang der Menschheit sind in beiden Filmen ungewöhnlich starke Sonnenaktivitäten. Solar Flares, hochenergetische Eruptionen in der Atmosphäre der Sonne, lassen es auf der Erde ungemütlich werden. In 2012 ist dies die Erfüllung einer alten Prophezeiung der Maya. Die Energie, die bei einer Sonneneruption frei wird, erhitzt den Erdkern und führt im Jahr 2012 schließlich zum Aufschmelzen der Erdkruste. Ein Desaster der Extraklasse, mit allem, was das Herz begehrt. Erdbeben, Megatsunamis, Vulkanausbrüche. Die Erde bricht buchstäblich unter unseren Füßen weg. Hier greift man gerne auf alt bekannte Maßnahmen zurück: Schiffe bauen, Tiere drauf packen, Tickets teuer verkaufen und abwarten.
In Knowing ist die Situation deutlich brenzliger. Am Anfang steht wieder eine mysteriöse Prophezeiung. Hier soll jedoch die Sonnenaktivität so heftig ausfallen, dass es keinen rettenden Ausweg mehr zu geben scheint. Wirklich keinen? Wir wissen doch: Wenn nichts mehr hilft, dann hilft nur Gott. Oder besser gesagt das, was sich der zwischen Glaube und Wissenschaft hin und her gerissene Mensch gerne unter einer höheren Macht vorstellt. Eine engelsgleiche außerirdische Spezies rettet in letzter Minute einige wenige Auserwählte, die dann auf einem anderen erdähnlichen Planeten ausgesetzt werden, um den Fortbestand der Menschheit zu garantieren. Wir können also beruhigt sein, denn somit haben wir die Gewissheit, dass uns nichts und niemand etwas anhaben kann. Wie es bereits Bill Pullman in seiner ergreifenden Rede als US-Präsident in Independence Day (1996) so treffend formuliert hat: Egal was passiert, wir werden nicht schweigend in der Nacht untergehen!

Wollen Sie mehr wissen?

Aktuelle Informationen über gefährliche Gesteinsbrocken aus dem All finden sich unter: http://neo.jpl.nasa.gov
Kreative Ideen zur Rettung des Planeten entweder an die Task Force on Planetry Defense schicken (Kontaktadresse findet man unter www.nasa.gov/exploration/about/planetarydefense_taskforce_prt.htm) oder so lange für sich behalten, bis es ernst wird, um dann als Held gefeiert zu werden.

bohrteam

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