Zeta Reticuli

Wie man sein Netz nach den Sternen auswirft.

südlicher Sternhimmel Praktisch jedes europäische Volksschulkind kann seinem Geburtsdatum ein Sternzeichen zuordnen. Erwachsene Menschen laufen frei herum, die einen fast zum Analphabeten stempeln, wenn man seinen Aszendenten nicht zu nennen weiß. Und wer hat noch nie sein Horoskop gelesen? Sie? Auch nicht das im Bagger? Sie sind ein Lügner. Trotzdem: führen Sie einmal irgendwen in einer klaren Nacht auf den Hausberg Ihrer Stadt und bitten ihn, Ihnen ein paar Sternbilder zu zeigen. Wenn er es kann, ist er wahrscheinlich ein Berufsastronom. (Kein Astrologe – die benutzen heutzutage nur noch Computerprogramme, denen noch dazu meistens Sternkarten aus dem Hochmittelalter zugrundeliegen.) Schauen Sie selbst in den Sternenhimmel!

Wo, bitte, ist der Widder? Das Kaninchen? Der Tukan? (Wetten, Sie merken nicht einmal, daß es eins der drei gar nicht gibt.)
Das Netz (in Latein und Astronomenenglisch: Reticulum) jedenfalls liegt auf der südlichen Himmelshalbkugel, geschmackvoll umgeben von Pendeluhr, Wasserschlange, Großer Magellanscher Wolke und Schwertfisch, nördlich der Tropen leider nicht sichtbar. Es sieht keinem Netz ähnlich, das wir je gesehen haben, sondern hat die Form einer schlichten Raute mit vier hellen Sternen an den Eckpunkten und noch ein paar kleineren innen drin. Entsprechend hieß es auch zuerst „Rhombus“ – so nannte es wahrscheinlich 1621 als erster der Schweizer Uhrmacher Isaak Habrecht (oder aber 1624 der Astronom und Kartograph Jacob Bartsch). Die Umbenennung in „Netz“ verdankt es dem Abbé Nicolas Louis de Lacaille, der zwischen 1751 und 1754 in seinem Einmann-Observatorium am Fuß des Tafelberges bei Kapstadt saß und nicht weniger als fünfzehn Sternbildern die Namen gab, die heute noch von der Internationalen Astronomischen Union (IAU) benutzt werden. Das hat ihm vermutlich Freude gemacht. Er erinnert ein ganz klein wenig an Saint Exupérys Geschäftsmann, der einen Zettel mit der Aufschrift „Mir gehören 501 622 731 Sterne“ in den Banktresor legt, um reich zu sein.

Der emblematische Himmel

Man kann sich heute kaum noch vorstellen, in welchem Ausmaß das Festlegen, Vermessen und Benennen von Sternbildern im 17. und 18. Jahrhundert zum Sport der Intellektuellen wurde – aber auch zur ernsthaften wissenschaftlichen Aufgabe, denn man brauchte die Sterne zum Navigieren, besonders auf der Südhalbkugel: Sie wurde gerade erst zum Zweck des Handelns und Herrschens von der „christlichen Seefahrt“ erschlossen, und die Sterne dort hatten von Griechen und Römern keine Namen gekriegt, denn deren Schiffe waren nie so weit gekommen. Aber auch für die altbekannten Sternbilder wollten manche nicht gern die krausen heidnischen Bezeichnungen beibehalten, sondern den Himmel theologisieren: aus Perseus sollte ein David mit dem Kopf des Goliath werden, aus dem Pegasus die Eselin, auf der Jesus in Jerusalem eingeritten war, aus der Jungfrau logischerweise die Mutter Maria, aus dem Wassermann (raten Sie dreimal!) Johannes der Täufer. Der fromme Augsburger Julius Schiller kam 1627 sogar auf die Idee, die Tierkreiszeichen überhaupt durch die zwölf Apostel zu ersetzen – und nebenbei den „Drachen“ durch die unschuldigen Kindlein.
Der Jenaer Mathematikprofessor Erhard Weigel wollte lieber einen politischen Himmel; er bedeckte im ausgehenden 17. Jahrhundert seine Himmelsgloben mit den Nationalwappen Europas. Orion wurde bei ihm zum römischen Doppeladler, der Große Bär zum dänischen Elefanten, die Jungfrau zu den sieben Türmen von Portugal und der Skorpion zu einem Kardinalshut. Auch ganz persönlich wurde man manchmal. Noch 1798 ernannte Joseph Jerôme de Lalande ein paar Sterne, die man heute zur Wasserschlange (Hydra) zählt, kurzerhand zum Sternbild „Katze“: „Ich habe Katzen sehr gern … Der gestirnte Himmel hat mich genug ermüdet, daß ich nun auch meinen Spaß damit haben kann.“ Angeblich suchte er damit Voltaire (gestorben 1778) posthum zu ärgern: der hatte keine Katzen gemocht und immer wieder gelästert, die Katze hätte es nicht einmal zum Sternbild gebracht, wo das doch 33 anderen Tieren gelungen sei.

Lacaille, ganz privat

Den Südhimmel bestückte um 1600 als erster der niederländische Navigator Pieter Dirkszoon Keyzer mit exotischen Tieren: Paradiesvogel, Chamäleon, Fliegender Fisch. Lacaille war 150 Jahre später vielleicht prosaischer, oder er wollte einfach etwas anderes. Was er am Himmel verewigte, waren Embleme der neuen Zeiten mit ihrem rasenden Fortschritt in den Naturwissenschaften: neuerfundene oder kürzlich stark verbesserte Instrumente wie Mikroskop, Oktant, Chemischer Ofen, Luftpumpe (die, mit der Otto von Guericke die Magdeburger Halbkugeln leergepumpt hatte), ältere wie Kompaß, Zirkel und Winkelmaß (beinahe ein Freimaurerabzeichen im Nachthimmel!). Dazu kamen Wahrzeichen der Kunst, von der sich die Wissenschaften damals längst nicht so weit entfernt fühlten wie heute: Gravierstichel, Malerstaffelei, Bildhauer. Schließlich malte er in die Sternkarten der Zukunft noch seine eigene allernächste Arbeitsumgebung: den Tafelberg (Mensa), das Teleskop und das Netz.
Das Netz diente Lacaille als Orientierungshilfe bei der Himmelsbeobachtung, zum Abschätzen von Winkeln und Entfernungen. Es war ein Glasplättchen mit feinen Linien, das er vor dem Okular befestigen konnte, ein Vorfahr des Fadenkreuzes (auch genannt Fadennetz oder Strichplatte). Anders als bei heutigen Meßfernrohren zeigte es aber damals kein Kreuz, sondern ein rautenförmiges Netzmuster. Lacaille hatte eines mit eingeätzten Linien, aber es hätte auch in einem weiteren Sinn ein Netz sein können: Bis etwa 1920 benutzte man in Theodoliten ein Fadenkreuz aus Spinnenfäden, denn feinere Linien waren technisch nicht zu bewerkstelligen. Man nahm zu wichtigen Vermessungsarbeiten Spinnen mit, ließ sie vor Ort spinnen und legte frische Fäden auf blankes Glas – der Ingenieur als Spinnenbändiger. Hätte Lacaille das auch so gemacht, gäbe es jetzt sicher ein Sternbild „Spinne“ (Aranea). So fiel ihm sein Netz wohl manchmal zu Boden und rollte unter die auch erst kürzlich erfundene, für die Himmelsvermessung unerläßliche Pendeluhr – man muß ja wissen, um wieviel Uhr man welchen Stern beobachtet. Und da liegt das Netz heute noch, unter der himmlischen Pendeluhr (Horologium).

Die himmlische Teekanne

Was waren das für Zeiten! Ich würde auch gern meine Teetasse, meinen Scanner und meinen Adventkalender zu Sternbildern ernennen. Aber das geht leider nicht. Kein Platz mehr. Nicht einmal ein Mondkrater kann man heutzutage mehr werden, die heißen schon alle nach Leuten aus grauer Vorzeit. Wer sich sehr bemüht, wird vielleicht ein Asteroid, wie der Papst (Asteroid Nr. 8661: Ratzinger) oder Harry Potters begabte Mitschülerin (Nr. 121: Hermione). Aber das dauert. Es gibt wahrscheinlich noch etliche Millionen unentdeckte Asteroiden, und wir können uns nicht gut um sie anstellen wie beim Ausverkauf. Wo bliebe die Menschenwürde.
Aber vielleicht passiert ja bald das, wovon Zukunftsenthusiasten seit den 1960ern schwärmen: die zumindest teilweise Auswanderung der überbordenden Menschheit ins All. Mag sein, auf fremde Planeten – bewohnbare, die erst entdeckt werden müssen, oder solche, die wir durch überragende künftige Technologie urbar machen. (Immerhin weiß man ja neuerdings, daß es auf dem Mond mehr Wasser gibt, als man bisher dachte – leider ist es gefroren, und Wasser ist außerdem nur halb so wichtig wie Luft.) Mag sein, in gigantische Raumstationen mit künstlicher Schwerkraft und Atmosphäre, durch deren transparente Außenhüllen Sonnen- und Sternlicht einfällt, so daß der Mensch dort fast so gemütlich lebt wie die Blattlaus im Glashaus. Solche Stationen müßten nur weit genug von der Erde entfernt sein, dann hätte man einen völlig neuen Blickwinkel auf die Sterne, also einen gänzlich neuen Sternenhimmel, und das Sternbildererfinden könnte munter von vorne losgehen wie in prähistorischen Zeiten. Ich kann den neuen Sternatlas schon sehen: Laptop (Gremiale), Handy (Manuphonium), Ipod (Ipodium), Espressomaschine (Cafearium) …
Das gleiche kann natürlich auch geschehen, wenn wir auf der Erde bleiben; schließlich sind ja alle Himmelskörper einschließlich der Erde in Bewegung, und im Lauf von etlichen Jahrtausenden verändert sich der Sternenhimmel sowieso. Wir können gespannt sein, welches von beiden zuerst passiert.

P.S.:
Wonach dieser Artikel benannt ist? Zeta Reticuli ist der sechsthellste Stern im Netz; ein Doppelsternsystem, dessen Sterne so weit auseinanderliegen, daß man sie mit freiem Auge getrennt sehen kann. (Ist noch nie einer Ihrer Bekannten von den Malediven zurückgekommen mit dem Ausruf: „Wow! Ich habe beide Sterne von Zeta Reticuli gesehen“?) Außerdem leben dort angeblich Aliens, die im September 1961 das Ehepaar Betty und Barny Hill aus Portsmouth (New Hampshire) entführt und wieder zurückgebracht haben sollen. Wenn das keine Überschrift wert ist!

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