Buch

Silbergraue Fantasielosigkeit

Yoda Darf man Science Fiction und Fantasy in einen Topf werfen? Und darf man über Dinge lästern, die man nur aus der Ferne kennt?

Sie tragen klangvolle Namen und beeindruckende Schwerter, ernste Mienen und oft und gerne langes Haar. Die Welt soll gerettet werden, eine Reise in ferne Sterne steht an, ein Krieg bricht aus. Des Helden Antlitz blitzt in der Sonne, mit Wonne sticht er zu und sagt, was man in solchen Situationen halt sagt, etwas Pathetisches, Denkwürdiges, das haften bleibt. Was genau an Fantasy fantasievoll sein soll, ist mir schlicht schleierhaft, die müden Verfremdungsversuche wirken dermaßen bemüht, dass man peinlich berührt den Fernseher abschaltet beziehungsweise das Buch zuklappt.

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Bibliophilie

Immerhin ist der Sommer vorbei und – ohne jemandem nun zu nahe treten zu wollen – er war bei dem einen oder anderen statt heiß doch nur lau. Statt Sonne, Strand und Sand bloß Selbstbräuner, Donauinsel und Strandbar Hermann. Statt Sex, Drugs, Rock’n’Roll, nichts und ein paar Bier zu viel.

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Rezension: Wladimir Kaminer - Ich bin kein Berliner. Ein Reiseführer für faule Touristen

Wladimir Kaminer gibt in diesem höchst amüsanten Buch einen Überblick über gesellschaftliche Stände und Missstände im Großstadtleben Berlins. Neben 33 schrägen Kurzgeschichten werden zudem touristische Tipps der etwas anderen Art geboten.

Wussten Sie, warum der Postmann in Berlin immer zweimal klingelt? Wie es um die kleinste Minderheit in Berlin steht? Oder warum Malewitsch lacht? Ein Nichtberliner und Exilrusse gibt Antworten, indem er die Stadt, das Leben und die Besonderheiten Berlins mit einer dezenten Außenansicht auf die Schaufel nimmt. Als kühner Beobachter am Rande versteht es Kaminer, Absurditäten und Banalitäten des Alltagslebens gleichermaßen zu parodieren und diese mit Geschichten und Erlebnissen auszuschmücken. Am Ende jedes Kurzkapitels werden die LeserInnen mit Tipps verwöhnt, welche das Buch neben einer witzigen Lektüre zu einem ungewöhnlichen Reiseführer umfunktionieren und einen Besuch schmackhaft machen.
Diese Buch sei jedoch nicht unbedingt nur Reisefreudigen empfohlen (Wenn Sie z.B. etwas über die Geschichte des Brandenburger Tors wissen wollen, sollten Sie eher herkömmliche Reiseführer zu Rate ziehen), sondern bietet generell eine unterhaltsame Lektüre über die kleinen und großen Geschichten des Alltags. Mit Lachgarantie.

Ich bin kein Berliner. Ein Reiseführer für faule Touristen von Wladimir Kaminer, 252 Seiten, Goldmann Verlag 2007.

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Rezension: Patrik Ouředník – Europeana

Der Autor ist ein gebürtiger Tscheche – mütterlicherseits ein Halbfranzose – und lebt seit 1985 als Schriftsteller und Übersetzer in Paris. In der CSSR arbeitete er als Lager­arbeiter, Briefträger und Sanitäter. Er übersetzte unter anderem Werke von Beckett, Rabelais, Jarry und Queneau ins Tschechische. Sein schmales Bändchen Europeana beschreibt die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Ouředník ist ein ironischer Beobachter – versucht ein einziges rele­vantes Ereignis zu finden, das er nicht erwähnt! Er könnte vielen HistorikerInnen einiges beibringen: Er labert nämlich nicht. Keine eigenen Hirngespinste.
Wir erfahren nicht nur die Geschehnisse des Jahrhunderts eins nach dem anderen, sondern auch die verschiedenen Inter­pretationen: „Manche Philosophen sagen ... “ „Andere meinen wiederum ...“ Wir lesen Details über Kriege, die unsere VorfahrInnen geführt haben, über den Ursprung der Barbie­puppe und Fortschritte in der Technologie und Kultur, über Verhütung, über verschwiegene Details wie Zwangssterilisierung der Romafrauen im Ostblock, über den Holocaust und das Holocaustmahnmal in Berlin. Vom Dadaismus bis zur Postmoderne wird alles mit der gleichen Leichtigkeit und krampflosen Ironie beschrieben. Sodass wir denken können: Dieser Schriftsteller ist naiv und infantil.
Ouředník fängt mit den amerikanischen Gefallenen in der Normandie an, die aufgereiht ein Länge von 38 km ergeben würden, und endet mit der Bemerkung, dass jemand das Ende der Geschichte erklärte. Da die Menschen aber davon nichts gehört hätten, machen sie weiter, als ob nichts passiert wäre.
Immerhin wurde er – geboren 1957 – eine lange Zeit seines Lebens von der Unfrei­heit des Ostblocks geprägt; seine Sprache erinnert ein wenig an den „Guter-Soldat-Schweyck“-Autoren Jaroslav Hašek.
Geschichte ist eine tragikomische Angelegenheit, sagt er in einem Interview, sie können bei der Lektüre lachen oder weinen.
Co vám říká slovo romantismus? -- Fujtajxl.

Europeana. Eine kurze Geschichte Europas im 20. Jahr­hundert von Patrik Ouředník, 160 Seiten, Czernin-Verlag 2003.

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Rezension: Imre von der Heydt – Rauchen Sie?

Rauchen Sie?Die Crux des Rezensionenschreibens ist die Notwendigkeit, das zu rezensierende Objekt – zumindest vom Anspruch her – genauestens unter die Lupe genommen haben zu müssen, um ein adäquates Urteil abgeben zu können. Vor diesem Anspruch versagt diese Rezension ... oder nein, sie deutet einfach im Vorhinein ihr Objekt um – Arbeitstitel: die Rezension eines Covers.

Eine stilisierte Zigarette vor schwarzem Grund – Farbsymbol der geteerten Lunge oder des nichtenden Nichts, zu dem für den Raucher im Angesicht einer Zigarette alles wird – qualmt einsam vor sich hin. Natürlich lebt dieses Cover von den Gegensätzen. Der Titel, dem schon in der lockeren Kursivschrift der Schein der Mündlichkeit zu eigen ist und der wahlweise als legerer Anbaggerspruch oder freundliche Einleitung für nervige Schnorrereien dienen kann, kontrastiert mit dem rationalen Anspruch einer Verteidigungsschrift im Untertitel, die in großen, festen Lettern schnörkellos in die schwarze Wand gemeißelt sich als unum­stöß­liches Manifest geriert. Dieser Rationalität steht allerdings wieder das Objekt der Apologetik ent­gegen: die Leidenschaft, ein Begriff, der die Unhinterfragbarkeit eines zwar persönlichen, aber vitalen Bedürfnisses suggeriert und dem zugleich die Aura erotischer Anziehungskraft anhaftet – die Optik des phallusartigen, leicht nach oben stehenden Lustobjekts (wer`s mag, metaphorisiere noch den Rauch) tut ihr Übriges. Dabei adelt ja schon der Autorenname das Laster – asso­ziiert der Leser doch edle, arrivierte Salon­gesellschaften, den krassen Gegen­satz zum heutigen Paradigma des Zigaret­tenrauchers, des Gossenrauchers, der in seinen Taschen nervös nach einer Zigarette fingert, um seine Sehn-Sucht zu befriedigen. Allerdings dezent zugleich nimmt sich der Autorenname in der Form aus: kleine Schrift in zurückhaltendem Orange-Braun-Dunkelgelb – als tue der Name nichts zur Sache, als sei er nur akzidentiell, als handele es sich bei dem Buch nicht um ein persönliches Statement, sondern, wie der monumentale weiße Untertitel ja schon andeutete um unantastbare Objektivität. Ebenso unaufdringlich wie der Autorenname prä­sentiert sich der Verlag als Fußnote am unteren Rand des Covers. Unterstützt und modifiziert die Art und Weise der visuellen Präsentation je für sich genommen die Informationen in ihrer Bedeutung, so wirkt die Präsentation in ihrer Gesamtheit als eine mehr spielerische Komposition: Die Alternation von Zigarettenfilter- und Zigarettenschaftfarbe in der Y-Achse, die das Farbvorbild der leicht ver­schobenen X-Achse in der Mitte des Covers, die Zigarette, zugleich wiederholt und ironisch bricht, indem es die Kluft zwischen Grafik und Schrift sowie zwischen X- und Y-Achse scheinbar mühelos überbrückt, zeugt zum einen vom Witz und zum anderen von der Komplexität der grafischen Kon­s­truktion.
Polarisierend dürfte das Cover in gestalt­psycho­logischer Hinsicht sein, visualisiert doch die Trichter­förmigkeit, welche von der breitesten ersten Zeile bis hin zur kürzesten letzten Zeile entsteht, je nach Blickwinkel des Rezipienten entweder den sich nach oben hin ausbreitenden Rauch – Sinnbild des Freiheit suchenden Genusses – oder aber den enger werdenden Lebensweg des Rau­chers. Das Cover verspricht also Zündstoff – und zwar nicht unbedingt den, der die Zigarette zum Glühen bringen könnte, sondern vielleicht den, der das feurige Gemüt des militanten Nichtrauchers anheizen könnte.
Hält das Buch, was das Cover verspricht?
Schaun’s doch nach.

Rauchen Sie? Verteidigung einer Leidenschaft von Imre von der Heydt, 255 Seiten, Dumont Literatur und Kunst Verlag 2005.

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