Film

Über den Zeitraub „of a lifetime“

Das Filmfestival als temporales Paradoxon. Ein Erlebnisbericht.

Zeit ist Geld, heißt es. Und wirklich ergeben sich bei genauerer Betrachtung erstaunliche Parallelen: sowohl in der temporalen wie der finanziellen Erschließung der Welt ist von Raub und Investitionen, von Verlusten und Gewinnen die Rede und der Erfahrung nach rieselt beides gern durch die Finger. Mithin ganz ungeachtet der Tatsache, dass es noch keine Zeitlotterie gibt und die Umstellung von Sommer- auf Winterzeit nicht mit der Anpassung der Leitindizes zu vergleichen ist, besteht doch Konsens bezüglich der Äquivalenz dieser beiden Größen, die unser modernes Leben vermessen. Darum scheint es angebracht, den Zeitmangel zu bezahlen und zwar nicht bitter büßend, sondern – besser – süß genießend sein Geld zu investieren, um dann keine Zeit zu haben,– mit anderen Worten also – in den ausgelassenen Besuch eines Filmfestivals, wie zum Beispiel die vor kurzem zum neunundvierzigsten Male über die Leinwände gelaufene Viennale in der hiesigen Hauptstadt der Mannerschnitten.

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Als die Bilder sprechen lernten

Der erste erfolgreiche Tonfilm kam ohne viele Worte aus und hatte trotzdem einiges zu sagen – über den Spielfilm „The Jazz Singer“ (USA 1927) und welcher Film wirklich als Erster sprechen konnte.

Viel gesprochen wird im ersten Ton-Spielfilm nicht: Bis Hauptdarsteller Al Jolson in „The Jazz Singer“ erstmals spricht, ist die erste halbe Stunde des Films fast um. Aber auch mit wenigen Worten kann bekanntlich viel gesagt werden – und jene Worte von Al Jolson, der den Jazzsänger Jack Robin spielt, machen eine Nebenbemerkung zur eigentlichen Hauptaussage des Films: Eben hat Robin in einem kleinen Kaffee auf der Bühne stehend ein Lied geträllert, als er sich zu den applaudierenden Gästen wendet und zum ersten Mal im Film spricht: „You ain’t heard nothing yet.“ Das Kinopublikum hört mit.

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Was in der Geschichte begraben liegt

begrabenEin Streifzug hinter die Kulissen verschiedener Diskursmechanismen rund um Abfall und Reste vergangener Zeiten und auf die Kehrseite vorgefertigter Meinungen, die von alten Bildern gespeist werden. Für Gabi Teichert und das Knie.

Zur Veranschaulichung: Szenario ist ein Feld aus erdigen Brocken. Angerollt kommen große, auf Gleisketten laufende Maschinen mit kräftigen Turbinen und mächtigen Schaufeln. Sie graben das Gelände um. Stetig schneidet das Eisen ins Erdreich und wirft es auf. Zurück bleiben gigantische Maulwurfshügel, die zugleich in die nächste Schaufel wandern oder unter dem Gewicht der Maschinen plattgewalzt werden.

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Wir werden nicht schweigend in der Nacht untergehen!

Von der Lust an der fiktiven Katastrophe, dem Ende der Welt und unserem helden­haften Kampf gegen die Natur.

Unsere persönliche Existenz und die der gesamten Menschheit hängt empfindlich vom Nichteintreten durchaus nicht unwahrscheinlicher Ereignisse ab. Unser Planet ist eine fragile Enklave des Gleichgewichts in einem unermesslich großen, eiskalten Universum. Unser Lebensraum verändert seine Gestalt kontinuierlich, unser Klima ist die Momentaufnahme eines hochkomplexen Systems, das immer noch kaum berechenbar ist. Die Erde ist keine wohlwollende Mutter, die Natur nicht unser Freund. Und plötzlich ist sie da, die Katastrophe.

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Das ist ... Revolog

Die Macht des Zufalls oder wie Fortuna unser photographisches Schicksal manipuliert …

Alles beginnt mit einer simplen Idee.
Inwiefern kann man Filmmaterial verändern und immer noch brauchbare oder gar interessantere, vielleicht auch absolut außergewöhnliche Photos zu erhalten?

Inspiriert durch zufällige Bildfehler auf dem Negativ, die durch eine schadhafte Kamera entstanden waren, beginnt Michael Krebs, sich näher mit dem Thema Bildmanipulatuon zu beschäftigen.

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Das Netz

In seinem Film „Das Netz“ (2003) montiert Lutz Dammbeck Archivmaterial und aktuelle Interviews zu einer Demontage der Bequemlichkeit. Das neuronale Netzwerk muss aktiviert werden, will man den Zusammenhängen zwischen Unabomber, Kybernetik, Computer, Internet, Utopie, Psychologie, Gewalt, Kontrolle und „Außer Kontrolle geraten“, militärischer Forschung und Universität, Individuum und Gesellschaft, LSD, Hippies, Kunst … auf die Spur kommen. Die Struktur des Films ist assoziativ und die Themen sind komplex. Also: wo anfangen?

Gespräch: 5. November 2009, Berlin Hauptbahnhof

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Passion and Aggression – the Bollywood-Experience

filmistanVor kurzem erhielt ich Gelegenheit, mit einem Orchester an den Dreharbeiten zu einem Hindifilm teilzunehmen – und zwar vor Ort: in Bollywood. Diese Erfahrung gilt es zu teilen.

Feuchtwarme Luft schlägt uns entgegen, als wir das Flughafengebäude verlassen. Gegen den Nachthimmel zeichnen sich Palmenkronen ab, in den Pfützen des regennassen Asphalts spiegelt sich ein leuchtendes Schild: „Welcome to Mumbai“. Das Abenteuer kann beginnen!
Bepackt mit Instrumenten und Gepäck waten wir durch den Teich, der sich auf der Straße gebildet hat. Im Bus schlägt uns eisige Kälte entgegen: der Fahrer will uns offenbar mit seiner Klimaanlage beeindrucken. Fröstelnd lassen wir uns auf den feuchten Sitzen nieder, und während der Fahrt durch die Stadt zum Hotel sammeln wir erste Eindrücke.

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Von Kino und Fäkalien

Wer kennt sie nicht, die berühmte Zithermusik von Anton Karas zu einer der wohl herausragendsten Filmproduktionen der Geschichte? Wer sich die Titelmelodie zu sowie Filmausschnitte aus „Der dritte Mann“ an einem für audiovisuelle Genüsse eher ungewöhnlichen Ort zu Gemüte führen will, dem sei eine Führung im Wiener Kanalisationssystem empfohlen.

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Rezension: Thank you for Smoking

Der Lobbyist Nick Naylor hat es nicht leicht. Allein auf wei­ter Flur muss er die Tabakindustrie ge­gen Ge­sund­heits­­­or­ga­­nisationen, besorgte Mütter und Se­­na­toren, die mit an Lun­­genkrebs erkrankten Kin­dern „be­waffnet“ in Talk­shows antreten, be­schützen.
Doch mit „moralischer Flexibilität“ von Na­­tur aus ausgestattet, sind selbst solche Schwierigkeiten leicht zu bewältigen. Und wenn es mal wirklich hart auf hart geht, kann Nick noch seelischen Beistand bei seinen Freunden vom „MOD-Squad“ (Merchants Of Death) – ihres Zeichens Beauftragte der Alkohol- und Waffenindustrie – suchen.
Es ist bemerkenswert, dass in einem ein­einhalbstündigen Film, in dem sich pausenlos alles ums Rauchen dreht, keiner der Darsteller je auf die Idee kommen würde, selbst nach einem „Vitaminstangerl“ zu greifen.
Der Regisseur schafft es, selbst bei den Nichtrauchern unter den Zusehern Ver­ständnis und sogar Mitgefühl für die arme, von allen Seiten verteufelte Tabakindustrie aufkommen zu lassen. Es klingt ja auch wir­klich plausibel, dass diese um die Gesundheit ihrer Kunden sehr besorgt ist, da tote Rau­cher bekanntlich keine kaufkräftigen Kon­sumenten mehr sind.
In einer Zeit, in der die Behandlung „ernster“ Themen oft in Moralisierungen ausartet, ist Thank You For Smoking eine erfrischende Ausnahme. Nicht durch endlose Belehrungen, sondern durch witzige und schlagfertige Dia­loge wird gezeigt, wie sehr man durch gute Rhetorik Menschen beeinflussen kann.
Was wir aus diesem Film gelernt haben: Wer raucht, wird erschossen; nur Gangstern, Psychopathen und rückständigen Europäern sei dieses Laster zurzeit noch vergönnt.
Für diese Leistung erhält Thank You For Smoking 4 von 5 Bagger-Tschik. al&ez

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Rezension: Smoke und Blue in the Face – Welcome to Planet Brooklyn

Schriftsteller Paul Auster, bekannt für seine literarischen Verwirrspiele (Stadt aus Glas, Buch der Illusionen etc.), und Regisseur Wayne Wang haben sich 1995 zusammengetan, um zwei Filme über einen Tabakladen, vor allem aber über den New Yorker Stadtteil Brooklyn zu machen.

Auggie Wren (Harvey Keitel) ist Verkäufer in einem kleinen Kiosk in Brooklyn. Smoke erzählt Geschichten von ihm und seinen Kunden und Freunden. Da gibt es den Schriftsteller Paul Benjamin (William Hurt), der versucht, den Tod seiner Frau zu überwinden, oder den gewitzten Jugendlichen Rashid Cole (Harold Perrineau Jr.) auf der Suche nach seinem Vater. Der Tabakladen ist gleichzeitig sozialer Treffpunkt wie Zentrum bzw. Ausgangspunkt der verschiedenen Erzählstränge.

Meist an Originalschauplätzen gedreht, wird die Handlung in ruhigen Bildern, mit viel Humor und großer Sympathie für jede einzelne Figur erzählt. Es ist ein Film der kleinen Schicksale und nicht der großen Helden, aber durch die zurückhaltende Kamera und das extrem gute Spiel von Schau­spielern wie William Hurt, Harvey Keitel und Forest Whitaker gehen die kleinen, auf den ersten Blick vielleicht unwichtig erscheinenden Episoden dem Zuschauer nahe. Zwischen den unterschiedlichen Episoden werden nicht zu viele unnötige Zusammenhänge konstruiert und es gibt auch am Ende kein außerordentliches Ereignis, welches alle Stränge zusammenführt, wie z.B. in Magnolia. Dafür steht am Schluss eine der schönsten Weihnachtsgeschichten, die traurigschöne Begegnung Auggies mit einer alten, blinden Frau.
Smoke ist ein schönes filmisches Beispiel dafür, wie sich im Kleinen das Große abbilden lässt. Die Episoden rund um den Tabakladen geraten zu einer verschrobenen, nichts beschönigenden Hommage an Brooklyn und seine Charaktere.

In Blue in the Face, eine Art Fortsetzungsfilm zu Smoke, gibt es weitere Szenen in Auggies Tabakladen zu sehen, die in Smoke keinen Platz mehr fanden. Vom beinahe gleichen Team in nur sechs Ta­gen gedreht, unterscheidet sich Blue in the Face atmosphärisch stark von Smoke: Die Situationskomik überwiegt, das Schauspiel ist meist improvisiert, dadurch drehen sich viele Szenen und Gespräche im Kreis, lustvoll wird Small Talk geführt. Außerdem wird mehr geraucht und noch mehr darüber geredet. So erinnert der Film in seiner lakonischen Handlung ein wenig an Coffee & Cigarettes.
Aber das Geschehen bleibt nicht auf den Tabak­laden beschränkt. Manchmal werden Interviews mit „echten“ Bewohnern von Brooklyn, die über sich und ihr Leben in diesem Stadtteil er­zählen, zwischengeschnitten bzw. wird dokumen­ta­risches Material von New York eingeblendet.
Außerdem gibt es einige amüsante Gastauftritte zu sehen: Jim Jarmusch raucht mit Auggie im Tabakladen seine letzte Zigarette und fragt sich, warum alle Nazis in Hollywoodfilmen auf die gleiche Art rauchen, Lou Reed erzählt von seinem Leben in Brooklyn und warum er sich in Schweden fürchten würde, Michael J. Fox ist verrückt und macht ebenso verrückte Umfragen („Schaust du dir deine Scheiße nach dem Kacken an, ja oder nein?“) und Roseanne ist eine unglückliche Ehefrau, die unbedingt nach Las Vegas will.

Besonders im Doppelpack sind die beiden Filme sehr empfehlenswert. Die DVD-Box mit Smoke und Blue in the Face hat aber leider außer der Selbstverständlichkeit des englischen Originaltons kein Zusatzmaterial zu bieten.

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