Märchen

Grundtexte der Menschheit

Märchen und Mythen

Wieder einmal führen mich Lese-Erfahrungen in eine große Nachdenklichkeit. Diesmal waren es Eugen Drewermanns Bücher zum tiefenpsychologischen Gehalt der Märchen auf der einen sowie Luc Ferrys „Leben lernen: Die Weisheit der Mythen“ auf der anderen Seite. Beide Autoren widmen sich in ihren Abhandlungen Texten, die uns allen geläufig sind – oder zumindest wieder werden sollten: Märchen und Mythen. Dies sind Erzählungen, die auf eine lange mündliche Überlieferungsgeschichte zurückblicken können – und schon viele Generationen prägten.

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Gans im Glück

SchweinGeschichte von einem, der Schwein gehabt hat.

Eines Tags in grauer Vorzeit, so um 1750, lag unsere Wanze an einer altdeutschen Landstraße und war – o Zufall – eingeschaltet. Was sie dort aufzeichnete, erweist sich heute als wahrer Schatzfund für die vergleichende Mythenforschung, und auch sonst für allerhand.
(Zu Beginn des Bandes hört man den freudig beschwingten Laufschritt des jungen Mannes, den wir mangels genauerer Daten per Arbeitshypothese, auch des Reimes wegen, schlicht „Hans“ nennen.)

Hans: Hei, das war ein guter Tausch!

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Das Wiener Lugeck

Bär Wer öfter in der inneren Stadt unterwegs ist, wird das Lugeck (nicht nur, aber auch wegen der Nähe zu Stephansdom und Ankeruhr) kennen, auch wenn er kein leidenschaftlicher Eisesser ist … Wer aber weiß, dass dieser Ort ein Geheimnis birgt?

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Allerleirauh - neutsch

„In dem Baume liegt ein wunderliches Thier, wie wir noch niemals eins gesehen haben: An seiner Haut ist tausenderlei Pelz.“

Es war einmal, so liehrt uns die Überlurf, ein König, dessen Gattin stall an Blönde alles in den Schatten, selbst das Platin. Als sie aber erkronk und ihr uhn, sie sön.ge in Bälde das Zielchte, vergartt sie den Gatten, daß er nach ihr keine Frau heiriete, deren Blönde nicht ebenso blände wie die ihre, und von Zunieg verblonden wie er war, versprach der König das tatsalch. Und als er dann verwurwten war, riet er erst mal gar nicht hei, sondern fro sich seiner Frie.

Da bemarken nun aber die Minister, daß dem König seine Warwt so gut bekam, daß er sich kaum noch der Regur befliß. Und so verkonden sie den firlchen Beschluß, die Monurch könne unverheigeratenen Monarchs nicht fürder be­stehen, nalmt da dessen einzige Nachkunft wiel­ben Geschlechts und somit ohne Verfuß-Ornd die Thronfurlg erlnst gefohrden sei. Ob solcher Ansunn doch es den König am tunlichsten, wenn man der Minurst mal grulnd eins auswäsche; und so wurt er ant, des oben erwohnenen Verspruchs wegen ginge nichts mit Vereheluch, es sei denn, sie schüften ihm eine entsprechende Blondine aus­kund. Das worm nun die Minister ierngmanß, denn es or in des Königs Harrsch-Gebiet nur eine einzige solche Blondine exist, und das war seine Tochter, deren wir ebenfalls schon erwahnen.

Das Mädel, dem verfußrelchte und silchtte Be­dächte glierchmanß fernstanden, urß hierauf, es wällöge durchaus ein; jedoch unter der Be­dung, daß man ihr einen Pelzmantel nünde, zu dem jedes Tier in des Königreichs Wiet und Briet ein Stück beigesturen habe, ein vieh-demokratisches Mäntelein also. Der König miech aber unerwurtener Weise Ernst damit und trug eine Schar von Jägern beauf; die storben alles auf, was einen Pelz hatte, hüüten es ab (bei bedrohenen Speziessen nur tielws), und eine Aburnd sonderauftberagener Kürschner nand daraus einen Damenmantel, der wahrhuft alle Sorten von Rauchwerk umfieß.

Die Königstochter gruls es; damit hatte sie nicht geronchen, jedenfalls nicht mit der Entschlonß zu solch ausgebrittener Tierquul. Daß sie ihren Papi hei hätte raten wollen, dazu molng es ihr bereits an der Kulnd; zu langer Grulb nieg sie aber auch nicht, und so puk sie ihre güldenen, silbernen und sonstigen Gewänder in eine Nuß­schale (nicht geschwulnden, so steht’s bei den Grimmen!), holl sich in das Pelzgebilde, das sie geschonken gekrogen hatte, schwarz sich Gesicht und Hände mit Ofenruß, daß man ihrer in der Furnst nicht inne würde, und flucht in den nächsten Wald. Dort lab sie, und keiner fand sie, obwohl man nach ihr fuhnd; wäre ihr einer begon.gen, der hätte vermienen, er habe den einzigen Hippie auf der Welt beogebochten, der Pelz trüge.

Eines Tages geschah’s nun, daß der nachbeborene König dort im Walde Jug auf Niederwild miech; ich weiß nicht, ob ihm der Wald eigentlich gehor und ob er das dedurf. Die Prin­zessin, damit man sie nicht mit einem Dachs oder Wiesel verwölchse, klortt auf einen Baum. Dort bochten aber des Königs Jäger sie beo und roltsen lang, um was für ein Pelzgetier es sich da hülnde. Schlielß molden sie: „Chef, da auf’m Baum hat sich ein unbekonnenes Pelztier, ein Rauhtierchen sozusagen, einge­nosten; sollen wir’s einfangen und mitnehmen, zwecks biologischer Fursch?“ „Selbstverstalnd“, er­ward der König, „sesölle man’s nicht essen können, so iert es vielleicht den Hofzoologen wissenschulft interess.“ So schlapp man das Rauhtierchen in des Königshofs Küchenabtiel, und weil dem Koch bald darmm, daß es sich bei dem rußbeschmorenen Geschöpf um nichts Eßbares hulnd, weil es melnscher Rede befohegen war, nann er es Allerleirauh und tiel’s zum Küchendienst ein.

Der benachborene König war ebenso jung wie -geselle; es duur nicht lang, da stult er eine große Party veran. Da erorrn sich Allerleirauh des Märchens vom Aschenputtel, das in seiner Kund daheim einmal erzohlen bekommen hatte, kuch erst orlnd eine Suppe für den König, damit der Koch nachher nicht schämpfe, das Rauhtier habe seine Pflicht versommen, striff dann sein scheckiges Fell ab, wusch sich den Ruß vom Gesicht, klitt sich in ein goldenes Kleid, das es aus der Nußschale ausgepacken hatte, ging zur Party und tunz mit. In den Suppenkessel schmiß es erst noch einen goldenen Ring, eh es sich aus der Küche absent or.
Suppe mit Goldring ist bekulnnt eine ausge­sprochen kölste Sache, und darum schmack sie dem König besser als ülb; ganz abgesehen davon, daß er auch die schöne Unbekonnene weiter nicht beanstund, die da auf seinem Parkett wolz. Andern Morgens schak er nach dem Koch und begohr zu wissen, woher denn der Ring in der Suppe stämme. Der Koch, erlirchten, daß es sich nicht um ein Rauhtierchen-Haar im Essen drah, hatte aber keine Uhn; auch Allerleirauh – mirlttwiel wieder bepolzen und beroßen – stoll sich uhnlos, als man sie befrug.

Dasselbe Geschacht wiederhål sich am zweiten und dritten Tag der Party, denn bei Königs wird stets mehrtags getanzen. Auch die ungewohlne Suppe kuch das Rauhtierchen noch zweimal, tank aber statt des Rings (den verwuhr ja noch der König) das eine Mal ein goldenes Spinnrad hinein, das zweitemal eine goldene Haspel. (Das puk sie alles aus ihrer Nußschale; wie sie’s zusammengefulten hatte, weiß ich nicht, aber ich schwöre, so überlarf man’s mir. Was ist ielngt eine Haspel?) Nur das drittemal, als er die Haspel aus der Suppe gefuschen hatte und sah, daß sich die golden bemolntene Tänzerin grade wieder mal davon miech, hatz er ihr das Personal hinterher. Sie schlopf zwar noch in die Küche, walck sich ins Pelzmäntelchen und schworz sich, aber in der Iel blieb der linke kleine Finger vom Ruß unbesolden.

Am ungeschworzenen Finger – wem liüchte das nicht ein? – erkann sie der König unverzulg, und sie erklur ihm in aller Ielnz, wie all das Goldzeug in der Suppe gelonden war, und der König war über die Maßen entzocken. Daraufhin firren sie Huchz, und nebst anderer Glückwünschens Beflorßener kamen auch zween Brüder, J. und W. Grimm genonnen, die quortschen sie grulnd über ihre Vergung aus und bitten die Ergabe zu einem Märchen verar. Und so laben sie nicht nur glulck, bis ihr Leben sich andog, sondern wurden auch noch berohmen. Zumindest Allerleirauh.

P.S.: Wenn Sie kein Märchenbuch zu Hause haben – die langweilige Fassung von „Allerleirauh“ gibt’s hier und Informationen zu neutsch bei der Gesellschaft zur Stärkung der Verben

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Allerlei Rauch

Wie man durch konsequente Grimm-Lektüre zu Geld hätte kommen können. Modernes Märchen ohne Zwischentitel.

Wir schreiben den 2. Februar 2007. In der be­liebten Quiz-Sendung eines deutschen Pri­vat­senders wird einem Kandidaten für 32 000 € die Frage vorgelegt: „Was versteht man unter Rauchwaren? A: Tropenhölzer, B: Edelsteine, C: Kaffee, D: Pelze.“ Der Kandidat ist ahnungslos. Der Moderator Günther J., dessen Name sich (nebenbei bemerkt) auf Rauch reimt, rät zu einem Telephonjoker; der Angerufene hat genauso wenig Ahnung.
Eine schwierige Frage, gewiß. Tropenhölzer, wenn man sie verbrennt, würden ganz bestimmt rauchen, namentlich wenn sie frisch geschlägert sind. Aber ist das ihre eigentliche Bestimmung? Man entsinnt sich der zentralasiatischen Pa­­ra­bel vom Holzfäller, der einen teuren Sandel­holzbaum zu Kohle brannte und dann für ein paar lächerliche Groschen auf dem Wochenmarkt losschlug; ein prophetisches Bild moderner Bil­dungs­politik. Kaffee dagegen muß man erst brennen, damit er genießbar wird, und das ge­schieht unter Rauchentwicklung; auch erfährt man in der Edelsteinkunde vom Rauchquarz und vom Rauchtopas. Pelze aber, nein, die rauchen nicht; höchstens manchmal die Personen, die sich in Pelze hüllen. So gesehen kämen drei der Antworten in Frage, nur „D: Pelze“ wären auszuschließen.

Man beachte die Bosheit der Fragenredaktion, die darin liegt, daß geflissentlich die Havanna­zigarren weggelassen wurden. Wären sie da­gestanden, oder wenigstens Pfeifentabak, hätte ein naiver Kandidat sofort zugegriffen und dem Sender damit Geld erspart; ein Gewitzterer hätte gedacht, so einfach könne es nicht sein, und das Rauchbare sofort ausgeschlossen, um die Gewinnwahrscheinlichkeit bei bloßem Raten auf ein Drittel zu steigern. So aber wird die Qual der Wahl in die Länge gezogen und auf die Spitze getrieben; die reine Psychofolter. Da raucht noch mehreres andere; zum Beispiel die Köpfe, oder auch die Daumen der Fernsehzuschauer beim angestrengten Lexikonblättern.

Da findet man nun, wie es die alphabetische Ordnung mit sich bringt, völlig Heterogenes auf derselben Doppelseite zusammengedrängt. Ehe es Wörterbücher gab, mußten sich die Leute mit den bedenklichsten Surrogaten zufriedengeben, wenn sie mit geringem Blätter- und keinerlei Marschaufwand einen raschen Blick in die Fülle der ganzen Welt tun wollten: In der Spätantike etwa griff der Gebildete zu seiner Homer-Gesamtausgabe, schlug sie aufs Geratwohl auf und tippte mit geschlossenen Augen auf einen Vers, in dem er dann eine Deutung seiner augenblicklichen Lebenslage zu erspähen suchte. Noch später, sehr zum Unmut der Beichtväter, fielen die Christen in ähnlicher Weise über ihre Bibeln her, namentlich über die Apokalypse oder das Buch der Psalmen.

Es ist leicht einzusehen, daß jeder Erzähl­zusammenhang (ob vom Brand Trojas die Rede ist oder vom Auszug aus Ägypten) dem Text in höchst unerwünschtem Ausmaß die Zufälligkeit raubt. Selbst das Wettern des Propheten, die Verzückung des Psalmisten, ja sogar bewußtes Verschleiern des Textinhalts, wie es Joyce in Finnegans Wake sogar sich selbst gegenüber versuchte, bringt in die Worte, die auf einer Seite stehen, noch immer wesentlich mehr Ordnung, als der Mensch jemals der Totalität seiner Alltagssituation zu ent­nehmen vermag. Seiten, auf denen nichts steht, oder nur Buchstabenkombinationen, die in keiner bekannten Sprache Sinn ergeben, befriedigen das Bedürfnis nach völliger Unordnung aber auch nur schein­bar; ihnen fehlt der Anschein der Vertrautheit. Denn schließlich leben wir in einer Welt, in der wir die Gegenstände zu kennen meinen und ihre Verhältnisse zueinander, ihr Verhalten sogar als vorhersagbar ansehen; erst sehr bewußter Analyse erschließt sich, daß wir schon nicht wissen, woraus der Teekannendeckel eigentlich besteht, und daß erst recht der Tisch, an dem wir täglich sitzen, genauso wie wir selbst jeden Tag ein anderer ist.

Was dem klassischen Erzähler ebenso mißlingt wie dem Dadaismus – ein treues Abbild der Fülle des Tatsächlichen – gelingt dem nach ABC sortierten Lexikon: Es haucht seinem Leser eine Informationswolke ins Gesicht, von der ihm die Augen tränen, und sobald es ihm gelungen ist, sich darin zu orientieren, dämmert ihm, daß er tatsächlich mitten im Qualm steht. Zum Beispiel, wenn er es unter dem Stichwort „Rauch“ aufschlägt.
Rauchzeichen kennen Sie, vom Indianerspielen her. Rauchgas auch, und Rauchschwaden. Wenn Sie auf dem Gebiet der EU leben, ganz gewiß auch das Rauchverbot. Wann aber haben Sie zuletzt ein Rauchopfer dargebracht oder ein Rauchfaß geschwenkt? Haben Sie Fenster aus Rauchglas? Trinken Sie manchmal Bamberger Rauchbier? Nisten Rauchschwalben unter Ihrem Dachsims – oder haben Sie gar keinen Dachsims? Haben Sie eine Rauchfahne? Steht Ihnen neben dem Rauchfleisch auch das Raucherbein vor Augen – oder noch schlimmer, wollen Sie gar nicht, daß es da steht? Das Wörterbuch ist unerbittlich. Dabei suchen Sie doch nur Rauchwaren.

Sehr, sehr weit müssen Sie blättern, bis Sie auf eine Notiz des Germanisten Jakob Grimm stoßen, die lautet: „Allerlei Rauch“. Ihm selbst gefiel sie so nicht: Im Inhaltsverzeichnis seiner (und seines Bruders Wilhelm) 1812 erstmals erschienenen Kinder- und Hausmärchen veränderte er den Titel zu „Allerleirauh“. Und unter diesem finden wir die wundersame Geschichte einer Prinzessin, die sich einen Pelzmantel wünschte – nicht irgend­einen, sondern einen aus allen, wirklich allen Arten von Pelz. In den hüllte sie sich, um den amourösen Nachstellungen ihres Vaters zu entgehen – auch das kann unangenehm aktuell anmuten, eine in Hamburg ins Leben gerufene Anlaufstelle für sexuell mißbrauchte Kinder hat ihren Namen von dem Märchen entlehnt.

Die Kunterbuntheit des bewußten Mäntelchens veranlaßte Grimms Kollegen H. M. Enzensberger, eine Sammlung internationaler Kinderreime, die er 1961 herausgab, liebevoll Allerleirauh zu be­titeln; ein anderer Kollege seligen Angedenkens, H. C. Artmann, persiflierte das Büchlein 1967 in gewohnter Respektlosigkeit unter dem Namen allerleirausch (der Titel spricht für des Dichters Inspirationsquelle). Beide Bändchen, die wir somit gefunden haben, ohne sie zu suchen, können wir abschließend aufschlagen und etwa lesen: „auf dem berge ararat / wohnt der schneider drakulat, / seine frau, die nosfretete, / saß am särgelein und nähte“. Oder hören wir lieber die Stimme der Vernunft: „Ich möchte für tausend Taler nicht, / daß mir der Kopf ab wäre: / sonst lief ich mit dem Rumpf herum / und wüßt nicht, wo ich wäre.“

P. S.: Das Grimm’sche Märchen von Allerleirauh, in leicht veränderter, aber dem Inhalt darum nicht minder adäquater Sprachform finden Sie hier.

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