Revolution

Identitätskrisengebiet

„Manche Menschen mögen sagen, dass das Leben eine Bühne ist, aber ich meine, dass die Bühne selbst das Leben ist.“ Pathethisch schwang der Kulturminister Nepals letztes Jahr zum 25-Jahr-Jubiläum der unabhängigen Theatergruppe Aarohan seine Eröffnungsrede. Aarohan bedeutet soviel wie „Aufstieg“. Einen langen, hartnäckigen Aufstieg hat Aarohan tatsächlich hinter sich. Als sich die Gruppe in den 80ern zusammenschloss, hatten Schauspieler in Nepal wenig Ansehen, waren auf einer Stufe mit Prostituierten gesehen. „We wanted to shock the intellectuals!“

„They put up 5 police men here, 5 there, and some over there to see who would come and watch the plays.“ Sunil Pokharel, Leiter der Theatergruppe, zeigt auf die verschiedenen Orte des Theater­geländes, an denen Polizisten positioniert wurden, nachdem die Gruppe im April 2006 aktiv am Jana Andolan 2, der zweiten – aus heutiger Sicht erfolgreichen – Demokratiebewegung in Nepal, teilgenommen hatte. Den Mund mit schwarzem Klebeband zugepickt, hatten sich Mitglieder von Aarohan auf die Straßen gesetzt und so ihren friedlichen Protest gegen die Herrschaft des Königs kundgetan. Als das Militär begann, die Demonstrationen gewaltsam niederzuschlagen, wurden im Zuge dessen auch 8 Mitglieder von Aarohan festgenommen.

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Die Revolution

Lassen Sie Ihren Hund doch auf die Straße scheißen!

Gerne hätte ich an dieser Stelle einen sinn­vollen Beitrag in Form eines exzellenten Artikels zu einem revolutionären Thema geleistet. Ich hätte mich z.B. mit aller aufzubringenden Eloquenz und Sachlichkeit darüber ereifert, wie groß meine Abneigung gegen die in alle möglichen Bereiche dringende Forderung ist, sinnvolle Beiträge zu leisten. Am besten lässt sich diese Haltung aber möglicherweise mit einem Artikel vertreten, der versuchsweise von allen größeren Sinnzusammen­hängen befreit, aber dennoch in kritischem Ton gehalten ist. Der Lesbarkeit halber habe ich mich jedoch bemüht, mich weitestgehend an die allg. Grammatik und Rechtschreibung zu halten. D. Verf.

Nächtens plagt mich der grobe Unfug. Blutrote Fahnen schwingende Paarhufer fallen über die Sonne her, diese Metaphorik macht mich fertig. Keine Etymologin der Welt kann das er­klären! Soll sie nun Pflastersteine werfen auf die kieselgrauen Fassaden unserer zu düsteren Ruinen verkümmerten ach so säkularisierten Gedanken­gebäude, pfui, sage ich da, lieber ­nehme ich Blasen an den Füßen in Kauf als alle ungeschlachte Schafsköpfe, meiner Seel’! Anderer­seits, wenn man nun, was ja zum guten Ton gehört, alle Umstände einer genaueren Betrachtung unterzieht, was hat es dann überhaupt für einen Zweck, wenn man brav den Mantel an der Garderobe abgibt. Lassen Sie Ihren Hund doch auf die Straße scheißen! Keiner könnte sagen, naja, das war wieder einmal typisch und sowieso und gang und gäbe, diese ewige Litanei, herausgewürgt von mit Halbwissen eklektisch bestückten manikürten Klugscheißern mit Dachterrasse; so mancher Denkanstoß erstickt auf diese Weise, wie man sagt, im Keim. Es wäre hingegen durch­aus überlegenswert, die langsam dem Verfall anheim fallenden Kratzbäume unserer immer heterogeneren Gesellschaft (anderswo) aufzustellen, aber sozusagen tunlichst das Kinde nicht mit dem Bade auszuschütten, um die vermeintlich Wohlwollenden einzusperren in dunklen, wenn auch aufgrund struktureller Beschaffenheiten zur Aufbewahrung tiefgefrorener Moorleichen nur leidlich geeigneten Kellerschächten. Nun, Tausende und Abertausende leidende Seelen tragen nicht eben zur Lösung bei – mag auch alle Polemik gewissermaßen auf der Müllhalde landen; was getrost ad acta gelegt werden darf, wenngleich sich im Zuge der fortschreitenden Multiplikation der ständigen Da capo-Schreier auch gewaltig die Balken biegen. Rastlos wandert indes der große Weltenlenker – an verregneten Samstagabenden pflegt er auf seinem Menschenxylophon Tonarten zu erfinden –, indem er sich fortwährend ereifert, in seiner honiggelb getünchten Singlewohnung auf und ab, nicht ohne von Zeit zu Zeit gewitzt auf die eine oder andere Möglichkeit hinzu­weisen, etwa: Tragen Sie bei Tauwetter weder Kopftuch noch Kalotte, im schlimmsten Fall könn­ten Ihnen die Haare zu Berge stehen. Lautes Getöse, sage ich da, welches die ganze Tragweite dieser Umstände, denken Sie nur an die Folgen!, welches also die ganze Tragweite der genannten Umstände mit der unüberschaubaren Vielfalt all ihrer Parameter und Faktoren, die es da mit größter aufzubringender Sorgfalt zu eruieren und nach penibler Façon zu notieren gibt, den Fehler endlich zu Gehör bringt, zeit­lebens unbeachtet, nun doch posthum von Heuchlern der übelsten Sorte gewürdigt und mit allerlei Gold und Silber behängt, allerdings fehlt der Hinweis auf korrekte Vorgehensweise. Zahle aus diesem Grund niemals mit Kreditkarte; Fenster kriegt man auch ohne nennenswerte Inkommoditäten mit Zeitungspapier sauber. Alsbald regnen pomologische Mixturen auf myopische Frauen von gedrungenem Körperbau nieder, solcherart, dass man versucht ist zu denken, ein leibhaftiger Gottseibeiuns würde uns heimsuchen, während wir, nicht ahnend, dass wir damit nicht, wie fälschlicherweise angenommen etwas für die Rekonstitution allen irdischen Strebens und auch Sterbens tun, hundertmal aufgezeigt in diversen Hörfunksendungen und von einschlägigen Beratungsagenturen verwettet und verpulvert, weitersuchen nach dem kleinsten Karomuster, aber am falschen Ort. Den wenigsten ist das Insinuatiöse im Kern dieser nur scheinbar ­naiven Groteske bewusst, oder denken Sie, Arthur, nur an das weite Problem­feld der Kulturanthrosophomorphophilologie – Mattheson, dem der Geifer ja schier auf’s Obs­zönste aus dem zuvor mit allseits unbeliebten, farblose Konterfeis zur Schau stellenden Briefmarken voll gestopften Maul zu tropfen pflegt, spricht hier etwa vom sog. kontemplativistischen reraffinativen Affekt­affirmationsradius, nach dem Leitsatz hic Rhodus, hic salta!, während als gesichert an­genommen werden kann, weil a eben nicht gleich b ist, dass all diese gemeine Hedo­nistik in nicht allzu naher Zukunft die grüne ­Wiese austrocknen wird, auf der unsere und auch eure Kinder und Kindeskinder Gärten und abermals Gärten aus prächtigen Neurosen anlegen werden, sowie sie auch selbst dem grässlichsten Unkraut allen Lebenssaft entzieht, auf dass es nicht mehr sprieße, denn denken Sie nur, auch im Wasser befinden sich kleine narkomane Lebewesen (wie uns schon die unwürdigen Khitaristen im Flüsterton weismachen wollten), die Ihnen und den Ihren Böses wollen! Bleibt nur zu erwähnen, dass der Vollzug der von ganz ­unten angeordneten Maßnahmen zur Verhöhnung aller An- und Abwesenden im Eifer des Ge­fechts aus nicht näher zu benennenden Gründen, als da sind: 1.(a) Dialektische Hygrome sind in abs­tracto(!) mit aller gebotenen Vorsicht aufzustechen; dass der Vollzug dieser Maßnahmen also auf einem Parkplatz an der Hauptverkehrs­ader Westautobahn ausgesetzt wurde – zeitgleich übrigens mit der Auferstehung des totge­sagten (oder viel­mehr totgetretenen, wie manche munkeln) Katers Paul, ein buntschillerndes inkonvenables Pseudopetrefakt wie es im Buche steht, in der drückenden Schwüle einer bewölkten Vollmondnacht, ich weiß auch nicht, was das soll. Alles ist anonym geblieben, ignoramus et ignorabimus, sozusagen. Nun, und doch steht auch fest, dass man in gewissen Supermärkten erfahrungsgemäß besser einen jener Drahtverhaue auf Rädern verwendet, um die Anhäufung so genannter Nahrungsmittel, welche in selbigem Drahtverhau zu platzieren sind, zu erleichtern – ein alter Irrtum, zweifellos, aber egal. ­Niemand hat sich indes schändlicherweise bemüßigt gefühlt, der Zeit, der alten Schwätzerin, einmal ordentlich in den Arsch zu treten, wie soll das denn auch gehen, wenn sie jahrelang nur mit allerlei Koloratur­zeugs verzierte alte Scharteken abbürstet und Sterne zählt, nur nicht die Leoniden, diese pflegt sie, naturgemäß, sanft von schwarzsamtenem Nachthimmel zu pflücken und in einem dunkel­senffarbenen Necessaire, ein Gewirk aus 1.999 gedarrten dunkelsenffarbenen Engelszungen, zu verwahren, Tag ein, Tag aus, das ist ja unerträglich. Vielleicht einmal etwas Leichtes für zwischendurch? Völlig unhaltbar, würde der dienst­habende Idiot sagen – er war unterdes in fetteren Jahren der Mann von Welt – völlig unhaltbar, spräche er also und erginge sich – nicht ganz zu unrecht – in einer Betrachtung über die völlige Unhaltbarkeit ­dieser sowie überhaupt aller Thesen, ja, man könne sie geradezu als Ausgeburt einer, so Sie wollen, personifizierten, oder wie andere (z.B. Bavaria höchstselbst) es schlechthin auf den Punkt bringen würden, exempli­fizierten „Inkonsistenz“ betrachten, auch wenn das natürlich, milde ausgedrückt, totaler Bullshit ist.
Wie ja weiters namhaften Hobby-Eschatologen zufolge de facto schon seit Jahrzehnten, wenn nicht gar Jahrtausenden, nicht mehr von der Hand zu weisen ist, stößt Mutter Erde der ganze nachmoderne Kram, wie wir ihn von damals kennen, als Fahrräder noch keine Dynamos, Schulkinder noch keine Autos, Hausfrauen noch keine Rechte hatten, mitunter sauer auf, auch wenn heutzutage ja alles und jeder retro ist. Ertrin­ken könnte man ja in diesem Meer aus Lichtern, ­roten, gelben, xenonfarbenen, in dem auf und ab der urbane Tumult wogt, Schienenfahrzeuge wie Ameisen in einem Labyrinth auf einer frankobelgischen Hautelisse – Aufhören! Ich bitte Sie, das ist doch das Letzte, ein Eklat, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat! Schubert in der U-Bahn, was sagen Sie da, das geht doch gar nicht. Die ganze aufwendige Kollokation der letzten Jahre, die nebenbei noch dazu Unsummen verschlungen hat, die man stattdessen besser in An- oder Ausbau von Befreiungstheolog(i)en oder mensch­licher Ausbeutung investiert hätte, hat hier ­wieder einmal kläglich versagt, sei mir ein starker Fels, dass ich nicht lache. Nein, zum Weinen ist das alles, diese ganze verdammte Inversion des Guten und auch des Bösen, Brüder und Schwestern, diese ewige Lämmerschlachterei nebst abscheulichen Fratzen. Vermissen wir also den kostbaren Saft, der früher bevorzugt in rauhen Mengen in den pulsierenden Lebens­adern der Kontinente floss, nun aber in immer weiter fortschreitender Deamplifikation zu ­staubigen, mit Kadavern übersäten Landschaften verkrustet, wie sie etwa die kambrische eine ist, wenn man dort letztlich auch eher einen Lazzarone als einen Kadaver anträfe. Spucken Sie der Revolution ins Gesicht, c’est la guerre! Von mir aus hauen Sie auch dem Ursprung ­allen Übels eine runter! Das kann nicht schaden, die Welt as we know it ist höchstwahrscheinlich sowieso dem Untergang geweiht.

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Die Revolution

Wohin gehen wir? Wer kommt mit? Der Blick auf die neue Generation lässt Stimmen laut werden, die von verantwortungs- und orientierungslosen Jugendlichen berichten. Statt Kindern machen sie Partys. Politisch desinteressiert taumeln sie kinderlos zwischen Disco und Arbeitsplatz einher und verschwenden keinen Gedanken daran, Familien zu gründen. Darf man den „Stimmen der öffentlichen Meinung“ Glauben schenken?
Ein Bericht über Wege, Möglichkeiten und Krisen der letzten Handvoll Generationen.

Als Vikor Frankl 1977 über „Das Leiden am sinnlosen Leben“ schrieb, umriss er damit nicht nur den Weg einer Gesellschaft. Er schuf ­damit einen Begriff, welcher einer ganzen Generation persönlich einleuchtend schien. Den Begriff der „Existentiellen Frustration“.
Frankl rückt in seinen Thesen die Anfälligkeit der Gesellschaft auf ein „Gefühl der Sinnlosigkeit und inneren Leere“ ins Licht.

Wer waren also die Menschen, denen Frankl den Verlust des „Lebenssinns“ diagnostizierte?
Zweifellos war er als Dozent der Psychologie in Wien und Kalifornien eher mit der jüngeren Generation der Siebziger im Gespräch.
Anders als ihre Eltern, welche (zumindest in Wien) das klar erkenntliche Ziel Wiederaufbau und Berufsausübung zum Familienerhalt vor Augen hatten, standen sie vor einer Pers­pektivenvielfalt, die es selten zuvor gegeben hatte. Papst Paul VI. nannte Österreich im Jahre 71 bei seinem Besuch gar die „Insel der ­Seligen“. Sie fanden sich mit 8mm-Kamera im Urlaub wieder. Der Wiederaufbau war geschafft. Die Baustellen ihrer Eltern hatten sie nie betreten, den Staatsvertrag nicht unterzeichnet. Neutrali­tät und Sozialstaat schufen ein Milieu, das der neuen Generation Stabilität und Sicherheit in die Wiege legte. Und doch schien sich die Sinnsuche bedeutend schwieriger zu gestallten.

Auch auf sozialer Ebene hatte sich einiges geändert. Traditionen wichen einer individu­ellen Lebensgestaltung. Das Familienbild des Vaters, der die Familie finanziell absicherte, und der Mutter, die den Haushalt führte, war nicht mehr aktuell. Hochschulen und Studien waren für Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten erreichbar.
Doch die Möglichkeit, sich aus mannigfaltigen Aufgaben eine zu wählen, scheint viele vor ein Problem zu stellen. Viel größer scheint die Aufgabe, seine Aufgabe zu finden, als sie bloß zu erfüllen. Frankl zitiert Harvey Bailey: „Es gibt nur eine einzige Art und Weise, das Leben auszuhalten: immer eine Aufgabe zu erfüllen haben.“

Das Leben in der alten Tradition ist neben dem Faktor „veraltet“ auch noch durch Tatsachen wie Lohngestaltung, welche den Alleiner­halt einer Familie unmachbar erscheinen lässt, geprägt. Das Wirtschaftswachstum der Nachkriegszeit macht mittlerweile kleinere Schritte. Arbeits­losigkeit kommt langsam aber sicher auf’s Tapet. Frankl kennt den Begriff der „existentiellen Leere“ auch in der Arbeitslosigkeitsneurose. Es gibt nicht nur eine Freizeit von etwas, sagt er, sondern auch eine Freizeit zu etwas. Schon Schopenhauer hatte gemeint, die Menschheit pendle zwischen Not und Langeweile.

Doch wie sieht das Leben der „neuen Generation“, der Generation der Jahrtausendwende aus?
Das Vorurteil „Jugend interessiere sich nicht für Politik“ sollte so mancher angesichts der Wahlbeteiligung von Jugendlichen zwischen 16 und 18 neu überdenken. Satte 85 Prozent der Jugend­lichen hatten den Weg zur Wahlurne gefunden.
Sowohl Vorstellungen als auch Erwartungen an die Zukunft im Berufsleben weisen bei jungen Männern und Frauen verblüffende Ähnlichkeiten auf. Einzig in der Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf trifft man hier auf ein Gender-Gap. Betrachtet man die Frage nach der Baby-Pause, ist diese bei den weiblichen Vertretern der neuen Generation wesentlich ausgeprägter. Dem steht eine Be­vorzugung von jungen Frauen am Arbeitsmarkt gegenüber, die weder Kinder im Kleinkindalter haben noch in nächster Zeit welche wollen.
Sieht die neue Marktwirtschaft den Menschen als soziales Wesen überhaupt noch vor?

Schlagworte wie Globalisierung, Working-Poor und die New Economy sind längst kein Zukunftsgeschwätz mehr. Der Begriff des Sozialromanti­kers reift langsam aber stetig zur Metapher des leichtgläubigen Optimisten. Pensionen scheinen immer mehr Ähnlichkeiten mit Wahlversprechen aufzuweisen. Die Zahl der Eheschließungen – auf 1000 Einwohner – fiel von 8,5 (1961) auf 5,1 (1997), begleitet von drastisch rückläufigen Geburtenraten. Der längere Verbleib der Jugendlichen im Bildungssystem über die Pflichtschule hinaus ist rapide gestiegen, er zählt fast schon zur Norm. Verständlich, dass sich hier auch der Kinderwunsch oft Zeit lässt. Familien der Jugendlichen finanzieren teils unter großen Anstrengungen die Ausbildung. Und doch wartet die Angst vor Arbeitslosigkeit schon am Gipfel der Lehr- oder Studienzeit. In Anspielung auf ihre praktische und kostenlose verwendbarkeit in der freien Marktwirtschaft bekommt die neue Generation den liebevollen Kosenamen „Generation Praktikum“. Wer da noch an die Haltbarkeit eines Sozialstaates glauben möchte, braucht tatsächlich einen gewissen Hang zur Romantik.

Die Reaktionen auf die vorherrschenden Möglich­keiten der jungen Generation sind vielfältig.
Man kennt hier die „Orientierungslosen“, die in Bezug auf Lebensplanung und Zukunft keine konkreten Ziele verfolgen. Man sagt ihnen Mangel an Selbstmanagementfähigkeit und Unter­qualifizierung nach. Ihre Perspektive: Mo­dernisierungsverlierer. Ihnen schließen sich die „Nicht-jetzt-AkteurInnen“ an. Man erkenne sie an wenig Reflexionsniveau und Reflexionsbe­reitschaft, Fatalismus, Informationsdefizit und Naivität. Sie zögerten Berufsentscheidungen hin­aus. Passives Abwarten präge ihre Handlungsweise. Im Wesentlichen erkenne man sie aber an ihrem sozialromantisch verklärten Blick auf ihre berufliche Zukunft.
Erfreulicher ist denn schon der Blick auf die „Eigeninitiativen“. Sie setzen auf Eigenverantwortung und positives Denken. Leitsprüche wie „Man muss nur wollen“ und „Wer suchet, der findet“ begleiten ihr effizientes Selbstmanagement. An ihrer Seite die „Traditionell Soliden“, die sich an ihrer Eltern und Großelterngeneration orien­tieren. Sie schmieden sich einen Lebens­plan, der langfristige Sicherheit, Planbarkeit und Stabili­tät sichern soll. Dafür seien sie wesentlich unflexibler und bedürftiger, was Kontinuität be­trifft.

War es damals besser? Wird es morgen gut sein? Wohl kaum. Vielmehr gilt es aktuelle Fragen aufzuwerfen und Antworten zu finden. Auf in den Kampf!
Denn: „Der Mensch lebt nicht von der Arbeits­losenunterstützung allein.“

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Die Revolution

Was sie ist, und was sie nicht ist; wozu sie führt, und wozu nicht; wie schnell, und warum? Das erste und das letzte Wort (beinahe) haben Franzosen.

Am 13. Juli 1789 hatten im Pariser Hôtel de Ville die Vertreter des Dritten Standes beschlossen, eine Bürgerwehr zu bilden, um in einem Staat, in dem es nur noch Bürger ­geben sollte, die einen Bürger vor den anderen zu beschützen. Es fehlte nicht an Freiwilligen, ebensowenig an Freidenkern – alle diese waren längst in Freiheit; es fehlte den Bürgern an Waffen, und diese saßen in der Bastille – sie diente als Arsenal, kaum noch als Gefängnis der Unliebsamen. Auf ihrem Dach stand eine Anzahl durchaus einsatzfähiger Kanonen, die aber aufgrund ihrer Position nur geeignet waren, fernliegende Ziele zu treffen; zu weitsichtige Planung auf zu hoher Ebene machte den Festungsbau verwundbar gegenüber einer kritischen Masse im Bereich seiner Grundmauern. François Alexandre Frédéric de la Rochefoucauld, Herzog von Liancourt, unterrichtete Ludwig XVI. von den bedenklichen Zuständen, und als der König die berühmte Frage stellte: ­­„­Ja, ist das denn eine Revolte?“, ließ der zweiundvierzigjährige Adelssproß seine Gedanken einen Augenblick zwischen die Blätter seiner naturwissenschaftlichen Studien abschweifen und erwiderte zerstreut: „Nein, Sire, das ist eine Revolution.“ Er ahnte nicht, wie recht er hatte.

Freiheits- und Gleichheitsjahre

Zwei Tage später war es nicht mehr 1789, sondern das Jahr 1 der Freiheit war angebrochen; und nur die ersten drei Jahrestage des peinlichen Bastillesturms (zu dessen Befreiten eine Handvoll Geldfälscher gehörten, ein wegen Blutschande inhaftierter Adeliger und ein mutmaßlicher Komplize des Möchtegern-Königsmörders R.-F. Damiens) sollten wirklich am 14. Juli gefeiert werden. In den darauffolgenden Jahren, denn auch der Kalender war umgestürzt, gab es kein solches Datum, sondern stattdessen den sechsten Tag der dritten Dekade im republikanischen Monat Messidor.
Überhaupt empfiehlt es sich, sooft das Pflaster der Geschichte aufgebrochen und der Boden, auf dem man steht, gründlich umgewälzt wird, den Kalender von der Wand zu nehmen und wegzuschmeißen; er wird einem ersetzt werden, und zwar durch einen anderen. So ging es zuletzt den Einwohnern des alten Rußland, als ihnen außer dem Sturz des Zaren auch noch die gregorianische Kalenderkorrektur zugemutet wurde; zur Strafe dafür, daß sie die Oktoberrevolution noch nach julianischem Kalender durchgeführt hatten, strich man ihnen gleich elf Tage ihres Lebens, sodaß sie des glorreichen 25. Oktobers 1917 bis heute am 7. November gedenken müssen; ein schwer zumutbarer Zustand. Man versetze sich, um ihn nachzuvollziehen, nur in die Gefühlslage von Shakespeare und Cervantes, als sie beide, ohne voneinander zu wissen, am 23. April 1616 starben, Shakespeare aber um 11 Tage später, weil sein Kalender sich noch nach Julius Cäsar richtete, von dem er mehr wußte als von Cervantes. – Wo waren wir ste­hengeblieben? Beim Abschweifen.

Eine unter vielen

Liancourt, dem die Erzähler der eingangs erwähnten Anekdote geradezu seherischen Scharfblick zuzubilligen pflegen, war blind genug gewesen, nur eine Revolution zu bemerken, eine einzige; wiewohl ihm kraft seines aristokratischen Bildungsniveaus klar sein hätte müssen, daß zu gleicher Zeit eine ganze Menge von Revolutionen tobte. Auf dem Planeten Mars etwa -– überrascht das jemanden? – war eine im Gange, die noch dazu viel länger dauerte als die französische, nämlich knapp 687 Tage. Viel länger als die auf dem Merkur, denn die war in 88 Tagen vollauf erledigt, während eine auf der Venus 224 Tage und nicht ganz 18 Stunden dauerte, wo es aber immer noch glimpflicher zuging als auf dem Jupiter, dort waren es elf Komma acht Jahre. Das ist aber noch gar nichts gegen den Saturn! Dort wütete, während Liancourt sprach – halten Sie sich fest! – eine Revolution volle neunund­zwanzigeinhalb Jahre lang; immerhin noch nicht, wie auf dem erst 1781 von Wilhelm Herschel entdeckten Uranus – ogottogott! – deren vierundachtzig. Bestürzt schweigen wollen wir von den 164,8 Revolutionsjahren am Neptun, von dem der Herzog nichts wissen konnte, da man ihn (den Planeten, nicht den Herzog) erst 1846 vor die Linse bekam; und um den Leser nicht mit vielen Zahlen zu ermüden, wollen wir die jeweilige Revolutionsdauer der Zwergplaneten Ceres, Pluto und Eris (4 Jahre 219 Tage 5 Stunden, 247,7 bzw. 556,97 Jahre) gänzlich weg­lassen, da sie ja auch den Rahmen sprengen würden.

Nicht zu stellende Fragen

Wem würde da nicht schwindlig? Wer will sich da noch mit der vergleichsweise nichtigen Frage befassen, ob man lieber den Anfang oder das Ende einer Revolution als Feiertag in den Kalender aufnehmen sollte? Wir können ihn beruhigen: Die Frage stellt sich gar nicht. Es handelt sich um denselben Zeitpunkt; sobald eine Revolution endet, beginnt unerbitt­lich im selben Augenblick die nächste. Muß man aber nicht zwischen einer Revolution und der unmittelbar folgenden unterscheiden und sich wenigstens überlegen, ob man lieber den 26. Messidor feiern will oder den 7. November, auch wenn er im Oktober stattfindet? Nein, auch das ist nicht nötig. Jedes Datum kann als Beginn und Ende einer Revolution gefeiert werden, und es ist sogar egal, welches Kalendersystem man zugrundelegt – solang es nur eine Jahreslänge von ungefähr 365 Tagen vorsieht, denn wegen 6 Stunden und 9 Minuten Differenz wollen wir weiter nicht kleinlich sein.

Drehen ist nicht gleich Drehen

Auf anderen feinen Unterschieden müssen wir aber bestehen, besonders auf dem zwischen Revolution und Rotation. Es ist ganz gut möglich, daß Ludwig XVI. um seine eigene Achse rotierte, als er von Liancourt das Wort „Revolution“ vernahm; das war aber, wissenschaftlich betrachtet, eine ganz fal­­sche Reaktion von ihm (überhaupt – nein, nicht schon wieder ein Exkurs! – sind ja Revolution und Reaktion ge­­radezu ein Gegensatzpaar). Ganz bestimmt rotierte tags darauf der ­Gouverneur der Bastille, Marquis de Launay, oder was von ihm nach dem Volksansturm noch übrig war – mindestens sein Kopf, um die Längsachse der Pike, auf der er stak. Solche Rotationen begleiten zwar jede Revolution, sind aber streng von dieser zu trennen, allein weil sie zeitlich von viel kürzerer Dauer sind: man vergleiche, um beim Beispiel Mars zu bleiben, 687 Tage (Revolution) mit 24 Stunden und 37 Minuten (Rotation). Wer allzu beschäftigt damit ist, sich um seinen eigenen Mittelpunkt zu drehen, mag manchmal übersehen, daß zugleich eine größere Bewegung abläuft, und eh er sich zweimal umgedreht hat, befindet er sich, von der Revolution fortgerissen, an einem anderen Ort: wenn er zum Beispiel der Mars ist, nach einer einzigen Umdrehung bereits 2 084 918,4 km weiter als vorher.

Liancourts Lektüre

Was hatte Liancourt nur gerade gelesen, daß ihm der Begriff der Revolution im Kopf spukte? Ganz bestimmt Kopernikus’ Hauptwerk De revolutionibus orbium caelestium, denn kein anderes Buch hatte die Bezeichnung revolutio für den Kreis­lauf der Planeten um die Sonne so populär gemacht und in solchem Ausmaß das Weltbild Europas revolutioniert. Oder doch nur einen nicht näher bekannten Aufsatz über die gerade hundert Jahre alte „Glorious Revolution“ in England? Denn damals (1688/89) hatte man das Wort zum ersten Mal auf eine Umwälzung innerstaatlicher Machtverhältnisse angewandt; zwar wälzte man nur die britische Krone von einer Stirn auf die andere, indem man Wilhelm III. statt Jakob II. zwischen sie und den Thron schob, aber auch damit verdiente sich diese erste Revolution den Namen – indem sie allen weiteren das typische Merkmal vorgab, trotz allen weltbewegenden Aufwands letztlich nichts Grundlegendes zu verändern.

Der 14. Juli

Denn das muß uns klar sein: Jedes Jahr am 14. Juli um 15 Uhr MEZ startet unsere Erde eine neue Revolution, und am darauffolgenden 14. Juli um 21 Uhr 9 Minuten ist diese be­endet, sodaß die Erde wieder am selben Punkt ihrer Umlaufbahn steht wie Jahres zuvor. Dasselbe gilt auch für jeden anderen Tag und jede andere Uhrzeit: Während ich hier schreibe und Sie hier lesen, beginnt die Erde zu revolvieren, revoltiert eine Zeitlang, beendet eine Revolution und beginnt eine neue, und mit ihr revolutioniert alles, was auf ihr ist, einschließlich aller Lebewesen, vom Pottwal bis zum Wasserfloh. Sogar Frankreich. Und gleichzeitig rotiert es auch und merkt nichts davon. An demselben 14. Juli feiert man die Geburtstage von Gustav Klimt, Gerald Ford, Karel Gott und Prinzessin Viktoria von Schweden, dazu den Jahrestag der Erstbesteigung des Matterhorns (1865), der Eröffnung des internationalen Arbei­terkongresses in Paris (1889) sowie des Militärputschs gegen den irakischen König Faisal II. (1958), dazu – das Trau­rigste zuletzt – den Todestag des unvergeßlichen Clowns Grock (1959). All das völlig unberührt von der unabweislichen Tatsache der Revolution. Weiß man nichts von ihr? Doch, man lernt es schon in der Volksschule, aber dann vergißt man es. Wozu Revolution, wenn die Leute sie doch nur vergessen? Schließlich kehrt die Erde an denselben Punkt zurück, und alles bleibt beim alten. Oder etwa nicht?

„Unnütz, aber unentbehrlich“

Auch auf die Revolution darf man nicht so versessen sein, daß man darüber Bewegungen größeren Maßstabs aus den Augen verliert. Derweil die Erde im Kreis zu laufen versucht, tut die Sonne mit ca. 250 m/s dasselbe, nur auf ein anderes Zentrum ausgerichtet (das der Galaxis); indem sie das tut, reißt sie alle ihre revolutionären Mitläufer (auch und erst recht Mars, den roten) mit sich, sodaß die Erde, wenn sie am 14. Juli um 21:09 h an denselben Punkt zurückzukehren glaubt, in Wirklichkeit 7 889 535 km weiter vorne ist; und das ist doch ein ganz schönes Stück. Schon ein Grund zum Feiern.
Schenken wir einander an beliebigen Tagen zu beliebiger Stunde zur Feier der Revolution Nelken (in Portugal), Rosen (in Georgien) oder Tulpen (in Kirgisistan), und denken wir daran, daß ohne den Wechsel von Wärme- und Kältezeiten, den die Revolution mit sich bringt, alle diese Blumen nicht wachsen könnten; daß aber an dem genannten Wechsel außer der Revolution noch ein anderer Faktor wesentlich beteiligt ist: die Neigung. (Die Schrägneigung der Erdachse – oder an welche Neigung dachten Sie?)
Verleihen wir der Revolution (und allfälligen Aufsätzen über dieselbe) getrost mit den Worten Eugène Ionescos das Prädikat „inutile, mais absolument nécessaire“; aber vergessen wir dabei nicht die Sonne.

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